SEXTUS EMPIRICUS UND DIE STOIKER
Karlheinz Hülser
SEXTUS EMPIRICUS UND DIE STOIKER

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I

Um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit gültiger Erkenntnis wurde

in der abendländischen Philosophie häufig und ausgiebig gestritten. Im

Hellenismus und noch lange danach wurde die Auseinandersetzung in der

Hauptsache zwischen den Stoikern und den akademischen, später den

pyrrhonischen Skeptikern ausgetragen. Auch das gelehrte Publikum emp-

fand diese beiden als die Hauptkontrahenten der damaligen Zeit1. Dem-

entsprechend maß Sextus Empiricus unter den vielen Gegnern, mit de-

nen er sich auseinandergesetzt hat, den Stoikern besondere Bedeutung

zu. Das Thema “Sextus Empiricus und die Stoiker” betrifft daher mit

die wichtigsten Richtungen der hellenistischen Philosophie und steht

überhaupt im Zentrum von Erörterungen über Skeptizismus und Dogma-

tismus.

236

Nachdem es insoweit von außerordentlich hohem Rang ist, scheint

etwas anderes seine Bedeutung empfindlich herabzusetzen. Die neuzeit-

liche Philosophie hat an den antiken Konflikt zwischen Skeptikern und

Dogmatikern angeknüpft und ihn auf mancherlei Weise zu überwinden

versucht; über den Rahmen der Erkenntniskritik hinaus läßt sich selbst

Wittgensteins und Heideggers Werk noch so verstehen. Wir stehen also

heute noch mitten in der Wirkungsgeschichte dieses Konflikts und sind

mit ihm nach deren Maßgabe vertraut. Der alte Streit kommt uns deshalb

immer schon bekannt vor, und wir meinen auch sagen zu können, wie

er, soweit es nach den Argumenten geht, entschieden werden muß. Ernst-

hafte Erörterungen darüber halten wir deshalb kaum noch für nötig, und

so scheinen auch Untersuchungen über Sextus Empiricus und die Stoiker

höchstens in Detailfragen oder unter historischen Gesichtspunkten eine

gewisse Aufmerksamkeit zu verdienen. Daß man daraus etwas philoso-

phisch Bemerkenswertes lernen könnte, ist äußerst unwahrscheinlich.

Die wirkungsgeschichtlich geprägte Vormeinung über den antiken

Streit könnte man etwa so beschreiben, wie sich schon D. Hume über

Skepsis und Dogmatismus geäußert hat2, und sagen: Wir Menschen

nehmen offenbar an, daß es eine von unserer Auffassung unabhängige

Außenwelt gibt, und halten die uns von unseren Sinnen vorgestellten Bil-

der selbst gern für die äußeren Gegenstände. Eine kleine philosophische

Besinnung macht uns aber darauf aufmerksam, daß dem Geist niemals

etwas anderes gegenwärtig sein kann als immer nur Bilder oder Anschau-

ungen der Gegenstände. Mit diesem Hinweis löst sie die besagte Gleich-

setzung auf und stellt uns die Aufgabe, eine neue Ansicht von der Aussa-

gekraft unserer Sinne zu bilden. Damit beginnt der antike Streit: Der

Dogmatiker versucht zu sagen, wieso unsere Sinneseindrücke wenigstens

unter bestimmten Umständen von den äußeren Gegenständen verursacht

sind und über sie eine zuverlässige Auskunft geben können, während der

Skeptiker bezweifelt, daß man so etwas bündig demonstrieren könnte.

Gegen diesen Zweifel hat der Dogmatiker keine Chance; denn: «By what

argument can it be proved, that the perceptions of the mind must be

237

caused by external objects, entirely different from them, though re-

sembling them (if that be possible) and could not arise either from the

energy of the mind itself, or from the suggestion of some invisible and

unknown spirit, or from some other cause still more unknown to us?»3.

Mit einer solchen grundsätzlichen Einschätzung wird in der Tat auch

Wesentliches über Sextus Empiricus und die Stoiker zum Ausdruck ge-

bracht: Sextus auf der einen Seite vertritt die Position des Zweiflers in

einer hochentwickelten Form. Er berichtet von mehreren Gestalten der

pyrrhonischen Skepsis und stellt wiederholt klar, daß es dieser Skepsis

durchweg darum gehe, ob man von den Erscheinungen zur Wirklichkeit

Vordringen und von bloßen Meinungsäußerungen zu Aussagen mit Wahr-

heitsanspruch übergehen könne4. Sextus hat also erstens das notorische

Anliegen der Skepsis im Blick, und bemüht sich gegenüber den Stoikern

zweitens zu zeigen, daß deren Mittel, dem Standardziel der Dogmatiker

Genüge zu tun, nicht überzeugend seien.

Die Darstellung Humes paßt auf der anderen Seite auch für die Stoi-

ker, die in ihrer Lehre von der Erkenntnis u.a. ein “Wahrheitskriterium”

formulierten und darlegten, unter welchen Bedingungen eine Vorstellung

Zeugnis von den Dingen gebe, wie sie wirklich sind. Die Stoiker waren

sogar besonders qualifizierte Dogmatiker, deren Argumentation in ent-

sprechenden Debatten erprobt war. Schon bevor die pyrrhonische Skep-

sis aufkam, setzten sie sich mit den skeptisch eingestellten Akademikern

über die Lehre von der Erkenntnis auseinander. Das waren lebendige

Diskussionen, die alle anderen philosophischen Auseinandersetzungen der

hellenistischen Zeit beherrschten und an denen sich die bedeutendsten

Vertreter beider Seiten engagiert beteiligten. Im Zentrum aller Erörte-

rungen stand die Frage nach einem Wahrheitskriterium. In der Stoa

wurde diese Frage mit der Lehre von der “erkennenden Vorstellung”

(καταληπτικὴ φαντασία) beantwortet, und vor allem darauf richtete sich

die Kritik der akademischen Skepsis. Die Stoiker reagierten auf diese

Kritik angemessen: Einerseits entkräfteten sie die Einwände5. Anderer-

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seits modifizierten sie ihre Lehre ein wenig6 und entwickelten im übri-

gen ein erhöhtes Problembewußtsein7. In diesem Sinne sind sie aus den

Auseinandersetzungen des III. und des II. Jhs. v. Chr. gestärkt hervorge-

gangen. Erst gegen die pyrrhonische Skepsis, die im I. Jh. v. Chr. auf-

kam, hatten sie, wie es sich für uns in der Nachfolge Humes darstellt,

keine Chance.

Es sieht demnach so aus, als sei mit unserer wirkungsgeschichtlich

bedingten Einschätzung des antiken Streits zwischen Skeptikern und

Dogmatikern auch das Wesentliche über die Auseinandersetzung des Sex-

tus Empiricus mit den Stoikern gesagt. Dieser alte Konflikt scheint philo-

sophisch eingeordnet und nur noch von sehr eingeschränktem Interesse

zu sein. An diesem Eindruck haben wir soweit keinen Anlaß zu zweifeln

und könnten zur Detailforschung oder zu Fragen von bloß historischem

Interesse übergehen, wenn es damals nicht doch etwas gegeben hätte,

was das neuzeitliche Urteil empfindlich stört.

Die pyrrhonische Skepsis kam im frühen I. Jh. v. Chr. mit Anesidem

auf. Ihre reife Form erreichte sie bald danach mit Agrippa und dessen

fünf Tropen zur Begründung der skeptischen Urteilsenthaltung. Erst die-

se Tropen versetzen den pyrrhonischen Skeptiker in die Lage, auch in

einem Metadiskurs, ob es beispielsweise evidente Aussagen gebe, seiner

ursprünglichen Absicht treu zu bleiben, keine eigenen Behauptungen auf-

zustellen und dem Dogmatiker konsequent klarzumachen, daß seine Be-

hauptungen voreilig seien8. Von da an dürfen wir in der Antike damit

239

rechnen, daß die Skeptiker sich gegen die Dogmatiker so nachhaltig

durchsetzen können, daß diese nicht mehr als Leute mit einer ernsthaften

Meinung gelten müssen, sondern zunehmend als dickköpfig, borniert

oder “dogmatisch” erscheinen. So etwas ist damals aber überhaupt nicht

eingetreten. Vielmehr entstand eine Art Pattsituation.

Die Stoiker haben auf die neue Kritik nicht so lebhaft reagiert wie

vorher auf die Einwände der Akademiker. Schon sehr zeitig wandte Po-

seidonios (ca. 135-51/50 v. Chr.) sich dagegen, den Meinungsstreit unter

den Philosophen als Argument gegen die Philosophie zu verwenden (Diog.

Laert. vii 129: F.D.S. 361), und er verfaßte eine Schrift Über das Kriterium

(Diog. Laert. vii 54: F.D.S. 203, 255), aus der auch Sextus Empiricus noch

Nutzen gezogen hat9. Später hat beispielsweise Epiktet etwas zur Diskus-

sion beigetragen (vgl. etwa diss. 122, 1-3: F.D.S. 313). Außerdem haben die

Stoiker (möglicherweise schon im II. Jh. v. Chr.) ihre Lehrbücher geän-

dert, die Erkenntnislehre, die vorher noch keinen wohlbestimmten Platz

hatte10, in den logischen Teil der Philosophie eingebaut und sie dort

gleich am Anfang behandelt. Begründet wurde dann insbesondere, warum

mit der Lehre von der Vorstellung zu beginnen sei: weil das Wahrheits-

kriterium in die Gattung der Vorstellung falle und weil ohne ein Ver-

ständnis der Vorstellung kein anderer erkenntnistheoretischer Begriff ge-

klärt werden könne11. Die Einsicht, daß uns immer nur Vorstellungen

und niemals die äußeren Gegenstände an sich gegenwärtig sind, wird

von der neuen Lehrbuchgliederung also an den Anfang der Philosophie

240

gestellt. Das dürfte eine Reaktion auf skeptische Einwände sein. Doch

ansonsten erlahmte die Diskussion sehr. Auch bei Sextus Empiricus fin-

den wir zwar ein paar stoische Repliken, aber kaum Spuren einer nach-

drücklichen stoischen Verteidigung. Insgesamt gesehen haben die Stoiker

auf die pyrrhonische Skepsis zwar reagiert; sie scheinen sich von ihr aber

nicht ernsthaft getroffen gefühlt zu haben.

Nichtsdestoweniger wurden sie von den Pyrrhoneern weiterhin als

die Hauptgegner betrachtet. Vor allem sind sie das auch für Sextus Em-

piricus noch, der viel Energie darauf verwendet, sie seriös zu widerle-

gen, und sie nirgends schilt, bornierte Dickköpfe zu sein. Sein Material

stammt zwar aus älteren Quellen. Aber er verwendet es mit sachlichem

Engagement, und das zeigt, daß die stoische Erkenntnistheorie der

pyrrhonischen Skepsis immer noch erheblichen Widerstand entgegen-

setzte. Man war in dieser Tradition auch am Ende des II. Jhs. n. Chr.

noch nicht der Meinung, die Stoiker souverän abfertigen zu können,

sondern sah sich nach mehr als 250 Jahren noch immer in derselben

Diskussions-situation.

Eine derartige Stagnation im gegenseitigen Verhältnis der Kontra-

henten ist in der neuzeitlichen Gesamteinschätzung des antiken Konflikts

zwischen pyrrhonischen Skeptikern und Stoikern nicht vorgesehen, und

sie ließe sich nicht verständlich machen, wenn die Parteien sich genau

so aufeinander bezogen hätten, wie es heute im Anschluß an Hume aus-

sieht. Denn dann wären die Pyrrhoneer in der Lage gewesen, ein globales

Argument, ähnlich dem Humes, vorzutragen und die Stoiker mit einem

Schlag zu überführen. Sie, hätten sie argumentativ in eine ausweglose

Situation bringen und sie bei unzureichender Reaktion publikumswirksam

abqualifizieren können und sie gewiß nicht über so lange Zeit als respek-

table Gegner angesehen. Außerdem hätten sie die Ausdrücke “Dogma-

tiker”, “dogmatisch” und “dogmatisieren” schon so abwertend verwenden

können, wie sie in der Neuzeit gebraucht wurden12 und bis heute geläufig

sind. Da dies alles nicht der Fall ist, wird auch die durch die Wirkungs-

geschichte vermittelte Einschätzung des antiken Konflikts diesem nicht

völlig angemessen sein; vielmehr dürfte sie — um das mindeste zu sagen —

einiges ausblenden, was durchaus wesentlich ist.

241

Um das, was sie verdeckt, sichtbar zu machen oder gar einer verbes-

serten Gesamteinschätzung vorzuarbeiten, wird im folgenden zunächst in

den Grundzügen beschrieben, wie Sextus Empiricus über philosophische

Gegnerschaft denkt, welche Funktion darin den Auseinandersetzungen

über Erkenntnistheorie und Logik zukommt (II) und inwiefern die Stoi-

ker Hauptgegner des Sextus sind (III). Anschließend wird die skeptische

Kritik des stoischen Wahrheitskriteriums skizziert, die allerdings nicht

alle Ausprägungen der stoischen Lehre trifft (IV). Die Pyrrhoneer hätten

jedoch stärkere Einwände Vorbringen können, mit denen sie die Stoiker

zu einer sehr grundsätzlichen Verteidigung herausgefordert hätten; mit

einem solchen fiktiven Dialog befaßt sich der letzte Abschnitt (V).

II

Um die Gegnerschaft zwischen Sextus und den Stoikern genauer zu

charakterisieren, bildet der Anfang der Pyrrhonischen Hypotyposen einen

geeigneten Ausgangspunkt. Sextus beschreibt dort die obersten Gattun-

gen philosophischen Denkens. Das, wonach in der Philosophie gesucht

werde, könne man, so sagt er, entweder der Meinung sein gefunden zu

haben, oder man glaube, es nicht gefunden zu haben; in diesem zweiten

Fall halte man es entweder für unauffindbar, oder man bleibe weiter auf

der Suche danach. Zu den in der Philosophie interessierenden Gegenstän-

den kann man sich nach Sextus also auf dreifache Weise verhalten: Ent-

weder glaubt man, sie gefunden zu haben, und ist dann, indem man sich

eine Ansicht darüber bildet, ein Dogmatiker im engeren Sinne; oder man

hält sie für unauffindbar und ist wegen der darin enthaltenen negativen

Sachaussage ein Akademiker (Dogmatiker im weiteren Sinne); oder man

sieht sich nicht in der Lage, irgendwelche verläßlichen Sachaussagen zu

machen, bleibt auf der Suche und ist im wahrsten Sinne des Wortes ein

Skeptiker (“Späher”) (PH i 1-4). Typischerweise pflegt ein solcher Skep-

tiker sich zugleich des Urteils zu enthalten und Fragwürdigkeiten oder

Aporien zu entwickeln; von daher wird er auch Ephektiker (“Zurück-

halter”) und Aporetiker genannt (PH i 7).

Die Stoiker waren natürlich Dogmatiker und sind für Sextus von

vornherein Gegner (PH i 3). Aber bevor wir uns ihnen zuwenden, sollten

242

wir uns zu dem Konflikt zwischen den obersten Gattungen philosophi-

schen Denkens noch dreierlei klarmachen. Der erste Punkt betrifft die

Anzahl der Konfliktparteien, der zweite die Position des Skeptikers und

die dritte das Feld der hauptsächlichen Auseinandersetzung.

Nach der Beschreibung des Sextus ist der Konflikt zwischen den

Haupttypen philosophischen Denkens ein Konflikt zwischen drei Einstel-

lungen zu den in der Philosophie interessierenden Gegenständen. Dieser

Dreiparteienstreit läßt sich allerdings auf einen Zweiparteienstreit redu-

zieren. Denn indem es um das Finden der in der Philosophie interessie-

renden Gegenstände geht, handelt es sich um ein Problem der philosophi-

schen Erkenntnis, und die zweite Partei nimmt für ihre negative Einstel-

lung bereits eine solche Erkenntnis in Anspruch. Deshalb bildet sie eine

spezielle Gruppe der sogenannten dogmatischen Philosophen und braucht

(wenigstens in unserem Zusammenhang) nicht mitgeführt zu werden. Es

genügt, den Grundkonflikt so zu beschreiben, daß mit Bezug auf minde-

stens einen Teil der in der Philosophie interessierenden Gegenstände die

einen zuversichtlich sind und die anderen sich jedes Urteils enthalten.

Durch diese Reduktion wird deutlicher, daß der eigentliche Gegensatz

der zwischen Dogmatismus und Skepsis ist13.

Aber nicht nur aus diesem Grund kann die Skepsis als Antidogmatis-

mus bezeichnet werden, sondern auch, wenn man ihre Position im Streit

der Philosophien genauer betrachtet. Dazu kann man sich an der Darstel-

lung der Skepsis orientieren, die Sextus im Anschluß an die Einteilung

der philosophischen Denkweisen gibt. Er beginnt seine Beschreibung da-

mit, daß er in einer Art Definition die Grundelemente der Skepsis zusam-

menstellt:

«Die Skepsis ist das Vermögen, auf alle erdenkliche Weise erscheinende

und gedachte Dinge einander entgegenzusetzen, — das Vermögen, von

dem aus wir wegen der Gleichgewichtigkeit der solchermaßen entge-

gengesetzten Sachen und Aussagen zuerst zur Zurückhaltung und danach

zur Seelenruhe gelangen» (PH i 8).

Hatte Sextus die Skepsis anfangs als Suche und Urteilsenthaltung ein-

243

geführt, so fügt er jetzt hinzu, was der Urteilsenthaltung vorausgeht und

folgt.

Was ihr folgt, entspricht in keiner Weise dem neuzeitlichen Ver-

ständnis von Skepsis. Nach Sextus befördert die Urteilsenthaltung das

Lebensglück: Sie zielt auf Seelenruhe (PH i 8, 12, 25-30, 205, 232). Die-

ses Ziel wurde zwar in der vorangehenden skeptischen Tradition nicht

formuliert und war insofern neu14. Aber es war ein von allen Philoso-

phen anerkanntes Ziel und unstrittig15. Es geriet nicht in die Auseinan-

dersetzung der Schulen und half dem Skeptiker, sich gegen den Vorwurf

zu verteidigen, selber dogmatisch zu sein. Trotzdem konnten die Dogma-

tiker hier einhaken und fragen, ob die Skepsis wirklich dem Lebensglück

diene oder ob der Skeptiker nicht vielmehr aufgrund der Argumente, die

er gegen die dogmatische Philosophie einsetze, dem ganzen Leben entsa-

gen müßte. Die Stoiker haben solche Einwände häufiger vorgebracht16.

Sie sind im Diskussionsrahmen der Antike nicht deplaziert. Freilich sind

sie auch nicht zentral und sollen hier nicht weiter verfolgt werden. Eben-

sowenig soll der Konsens weiter befragt werden, der zwischen den anti-

ken Dogmatikern und Skeptikern über das Ziel philosophischer Reflexio-

nen bestanden hat. Es genügt, sich bewußt zu machen, daß der Beitrag

der skeptischen Urteilsenthaltung zum Selbstverständnis des Menschen

in der Antike wesentlich anders eingeschätzt wurde als in der Neuzeit.

Nachdem das Ziel der Philosophie unstrittig und allgemein aner-

kannt ist, betrifft der Gegensatz zwischen den philosophischen Schulen

auch noch nicht das erste Mittel zur Erreichung dieses Ziels, nämlich

noch nicht den Umstand, daß man angesichts der wechselnden Vielfalt

244

der Erscheinungen die Wahrheitsfrage zu stellen pflegt. Vielmehr betrifft

der Gegensatz erst den nächsten Schritt: Die Dogmatiker schlagen vor

«zu untersuchen, was in den Sachen das Wahre ist und was das Falsche,

um durch die Entscheidung dieser Frage Ruhe zu finden» (PH i 12). Der

Skeptiker hält das für eine Scheinlösung, die Eifer erzeugt und fortwäh-

rende Beunruhigung mit sich bringt (PH i 27). Zwar begann auch er «zu

philosophieren, um die Vorstellungen zu beurteilen und zu erkennen, wel-

che wahr sind und welche falsch». Aber «dabei geriet er in den ausgewo-

genen Widerstreit, und weil er diesen nicht zu entscheiden vermochte,

hielt er inne. Als er aber innehielt, folgte ihm zufällig die Seelenruhe

in den für eine Meinungsbildung geeigneten Dingen» (PH i 26). Er emp-

fiehlt also, die Wahrheitsfrage durchweg offen zu lassen und das Ziel

auf diese Weise anzustreben (PH i 12, 28).

Die Urteilsenthaltung stützt sich auf den ausgewogenen Widerstreit,

d.h. darauf, daß jede vernünftig erwägbare Antwort auf eine Wahrheits-

frage ebenso stark oder ebenso schwach erscheint wie ihr Gegenteil. Ur-

teilsenthaltung bietet sich überall an, wo diese Ausgewogenheit sichtbar

wird. Dafür wiederum kann der Skeptiker sorgen. Er nimmt sich eine

vernünftig erwägbare Antwort vor und wendet darauf seine Tropen an,

also die skeptischen Argumentationsmuster, die zu eben diesem Zweck

entwickelt worden sind und die Sextus deshalb ausführlich darstellt (PH

i 31-186). Es handelt sich dabei um eine Reihe von Verfahren, wie man

einen Dogmatiker bei seinen unzulänglichen Versuchen stellen kann,

Wahrheitsfragen zu entscheiden und etwas über die wirkliche Natur der

Dinge auszumachen. Wer sich auf die Argumentation nach diesen Tropen

versteht, darf also erwarten, die ausgewogene Schwäche vorgelegter dog-

matischer Auskünfte zu sehen, zur Urteilsenthaltung zu gelangen und die

erstrebte Ruhe zu finden.

Nach den Tropen geht Sextus auf die skeptischen Schlagworte ein

(PH i 187-208) und sagt bei dieser Gelegenheit einiges, um zu verhin-

dern, daß die Skepsis als negativer Dogmatismus mißverstanden wird.

Insbesondere stellt er noch einmal klar, daß der Gegenstandsbereich der

skeptischen Rede nicht über den Bereich der Erscheinungen hinausreicht;

der Skeptiker sagt immer nur, was ihm bislang oder im Augenblick als

wahr erscheint17. Dieser Bereich wird sogar bei denjenigen Ausfüh-

245

rungen nicht überschritten, die zur Begründung der Beschränkung vorge-

bracht werden18. Selbst die skeptischen Tropen gelten nur als “bis

jetzt” wirksame Verfahren zur Kritik der Dogmatiker; sie drücken keine

Lehrmeinungen aus, sondern sind praktisch zu verstehende Regeln einer

Lebensform, die sich immer neu bewähren müssen19.

Mit solchen Hinweisen kommt die Erläuterung der Skepsis, die

durch die zitierte Textstelle in Aussicht gestellt wurde, zum Abschluß.

Sie lassen einen wichtigen Unterschied zu der Skepsis-Darstellung Humes

erkennen. Der Skeptiker im Sinne des Sextus will konsequent vom Stand-

punkt der Erscheinungen und Meinungen aus argumentieren; er wirft den

Dogmatikern insgesamt vor, diesen Standpunkt auf illegitime Weise in

Richtung auf Wirldichkeit und Wahrheit überschreiten zu wollen, und

bemüht sich nachzuweisen, daß keiner dieser Versuche geglückt sei. Aber

eine theoretische Explikation oder gar Rechtfertigung seines Standpunkts

kann er, anders als Hume es tat, nicht geben; er kann das, wonach er

sich richtet, nicht als grundsätzliche These aufstellen und etwa mit An-

spruch auf Wahrheit behaupten, daß es dem Menschen unmöglich sei,

den Bereich der Phänomene und Meinungen zu überschreiten.

Aus diesem Grund ist es für den pyrrhonischen Skeptiker wichtig,

die Dogmatiker tatsächlich widerlegen zu können. Eine umfassende Kri-

tik ihrer Ansätze dient zugleich als Legitimation der Skepsis und bildet,

wie Sextus sich ausdrückt, «die spezielle Erörterung der skeptischen Phi-

losophie (ὁ εἰδικὸς λόγος τῆς σκεπτικῆς φιλοσοφίας)» (PH i 5 f.).

Allerdings kann der pyrrhonische Skeptiker schon aus Zeitgründen

unmöglich selber jede einzelne Behauptung widerlegen, die jemals von

einem Philosophen aufgestellt wurde. Vielmehr wird er den Umstand aus-

nutzen, daß die Dogmatiker sich bereits teilweise selbst widerlegen. Im

Hinblick auf die Relevanz seiner Argumente muß er sehr interessiert

sein, nicht nur irgendwelche Leute zu widerlegen, die glauben, etwas

Wahres über die Wirklichkeit sagen zu können, sondern namhafte Dog-

246

matiker mit möglichst gut überlegten Thesen. Der Pyrrhoneer muß sich

auf möglichst starke dogmatische Gegner konzentrieren; die anderen

überführt er nebenbei.

Der dritte Punkt schließt hier gut an. Er betrifft die Frage, worauf

sich der Streit der philosophischen Richtungen eigentlich bezieht. Nach

dem Ansatz der Skepsis geht es ganz allgemein darum, ob es überhaupt

möglich ist, jemals über den Bereich der Erscheinungen und Meinungen

hinauszukommen und mit Anspruch auf Wahrheit über die Wirklichkeit

zu sprechen. Jede Aussage, mit der so etwas versucht wird, zieht deshalb

die skeptische Kritik auf sich und muß, soweit kein allgemeineres Argu-

ment zur Verfügung steht, für sich diskutiert und des dogmatischen

Scheins überführt werden. Mit seiner Kritik einiger dogmatischer Einzel-

wissenschaften (M i-vi) trägt Sextus dieser enormen Breite des skepti-

schen Anspruchs einigermaßen Rechnung.

Einen wichtigen Ausschnitt aus dem großen Spektrum der Aussagen

mit Wahrheitsanspruch bilden die Aussagen der dogmatischen Philosophen.

Darin geht es um die in der Philosophie interessierenden Gegenstände, von

denen zu Beginn der Pyrrhonischen Hypotyposen die Rede war. In der Antike

bezogen sie sich (wenn man sie nach der damals verbreiteten Einteilung der

Philosophie unterscheidet) zum Teil auf erkenntnistheoretische und logi-

sche, zum weitaus größeren Teil aber auf naturphilosophische und ethische

Fragen, und sie werden von Sextus in voller Breite diskutiert. Er trägt den

Grundkonflikt der philosophischen Denkweisen also so umfassend aus, wie

er ihn anfangs dargestellt hat, unter Einschluß von Physik und Ethik.

Trotzdem geht der Unterschied der philosophischen Denkweisen of-

fensichtlich auf entsprechende Unterschiede in der Erkenntnislehre zu-

rück. Der Konflikt zwischen Dogmatikern und Skeptikern muß deshalb

hauptsächlich auf erkenntnistheoretischem Gebiet ausgetragen werden

und betrifft die anderen Zweige der Philosophie erst in zweiter Linie.

Sextus Empiricus selbst macht das auf doppelte Weise deutlich. Erstens

stützt er sich auf eben diesen Gedanken und macht von ihm einen ganz

selbstverständlichen Gebrauch, sobald es darum geht, die Themenfolge

für die Auseinandersetzung mit den Dogmatikern festzulegen; und zwei-

tens weist er anschließend auch noch ausdrücklich darauf hin, daß der

fundamentale Streit der Philosophien auf eine Auseinandersetzung um

Wahrheitskriterien hinauslaufe.

247

Was die Reihenfolge bei der Diskussion dogmatischer Thesen an-

geht, war es bei den Dogmatikern bzw. vor allem bei den Stoikern seit

etwa 100 v. Chr. üblich geworden, die Erkenntnislehre im Rahmen der

“Logik” abzuhandeln und sich in diesem Teil der Philosophie auch mit

der Skepsis auseinanderzusetzen20. Sextus akzeptierte das und behandelt

den Grundkonflikt der philosophischen Denkweisen folgerichtig als einen

logischen Streit. Deutlich wird das, wo er seine Kritik der anderen philo-

sophischen Richtungen vorbereitet. Zunächst expliziert er, was man als

die in der Philosophie interessierenden Gegenstände anzusehen hat, und

plädiert wegen der größeren Vollständigkeit dafür, den Stoikern und an-

deren Dogmatikern zu folgen, die nicht bloß ein oder zwei, sondern drei

Teile der Philosophie annehmen: Logik, Physik und Ethik21. Daraufhin

muß er entscheiden, bei welchem Teil der Philosophie er seine Kritik

beginnen will, und Sextus entscheidet sich für die Logik. Zur Begrün-

dung erklärt er, die Anfangsfrage, ob die in der Philosophie interessieren-

den Gegenstände erkennbar seien (oder nicht) oder ob man sich darüber

eines Urteils enthalten müsse, sei gleichbedeutend mit der Frage, ob es

ein Kriterium zur Erkenntnis dieser Gegenstände gebe (oder nicht) oder

ob man sich eines Urteils darüber enthalten müsse; nun sei die Untersu-

chung von Wahrheitskriterien Sache der Logik; dort also müsse mit der

Kritik der Dogmatiker begonnen werden22. Nach dieser Argumentation

ist der fundamentale Streit der Philosophien auch für Sextus im Grunde

ein in der Logik auszutragender Streit um Wahrheitskriterien. Er kann

dort genauso wie vorher als Drei- oder pointierter als Zweiparteienstreit

248

formuliert werden23. Soweit er sich überhaupt entscheiden läßt, muß er

wohl auch dort entschieden werden24. Im übrigen macht er den Skopus

alles dessen aus, was Sextus im Bereich der Logik thematisiert.

Nachdem der Umfang und die Reihenfolge der Auseinandersetzung

mit den Dogmatikern festgelegt sind, erklärt Sextus auch noch einmal

ausdrücklich, welchen Rang die Frage eines Wahrheitskriteriums hat:

«Die Untersuchung dieses Kriteriums ist nicht nur deshalb bei allen

Leuten umstritten, weil der Mensch von Natur aus ein wahrheitslieben-

des Lebewesen ist, sondern auch deshalb, weil sie bezüglich der wichtig-

sten Fragen als Kampfrichter zwischen den obersten Schulgattungen der

Philosophie auftritt. Denn entweder wird der große und ehrwürdige Stolz

der Dogmatiker gänzlich aufgehoben werden müssen, wenn sich nämlich

keinerlei Maßstab für die wirkliche Existenz der Dinge findet; oder wenn

sich etwas zeigt, was uns zur Erkenntnis der Wahrheit führen kann, wer-

den die Skeptiker als voreilig und als Leute überführt, die in anmaßender

Weise den allgemeinen Glauben attackieren» (M vii 27).

Nachdem der fundamentale Streit der philosophischen Denkweisen

auf den entscheidenden Punkt konzentriert und in einen logischen Streit

transformiert ist, lassen sich drei eng zusammenhängende Folgerungen

ziehen. Erstens haben Auseinandersetzungen in der Logik bzw. in der

249

Erkenntnistheorie unvergleichlich viel mehr Gewicht als in den anderen

Teilen der Philosophie. Sie vervollständigen nicht nur die philosophische

Themenpalette, wie Sextus zunächst glauben machen will25. Vielmehr

betreffen sie zentral den Streit zwischen Dogmatikern und Skeptikern

und bilden im Vergleich zu den anderen Themen eine Art Metadiskurs.

Sollten die logischen Diskussionen zugunsten des Skeptikers ausgehen,

so ist zu erwarten, daß er auch die anderen Diskurse für sich entscheiden

wird. Wenn dort andererseits die Dogmatiker eine Chance haben wollen,

müssen sie sich zuvor in der Logik durchsetzen.

Zweitens versteht sich: wer in der Logik ein herausragender Gegner

des Sextus ist, der ist für ihn auch überhaupt ein bedeutender Gegner.

Das ist der Ort, von den Stoikern zu sprechen. Sextus hat zwar gleich

zu Beginn seiner ersten Schrift klargemacht, daß er sie für Dogmatiker

hält und zu seinen Gegnern zählt (PH i 3). In der unmittelbar folgenden

Darstellung der Skepsis geht er auf sie dann freilich nur selten ein. Ver-

hältnismäßig konzentriert befaßt er sich mit diesen Gegnern erst im n.

Buch der Pyrrhonischen Hypotyposen und vor allem im i. und n. Buch

Adversus Dogmaticos ( = M vii-viii), also in seinen Überlegungen zum Wahr-

heitskriterium bzw. zur Logik. In den weiteren Ausführungen zur Physik

und Ethik der Dogmatiker (PH iii; M ix-xi) ist von den Stoikern wieder

nur sporadisch die Rede. In der abschließenden Diskussion dogmatischer

Einzelwissenschaften (M i-vi) geht es naturgemäß fast gar nicht um die

Stoiker, und die wenigen Male, die sie dort erwähnt werden, geschieht dies

sogar kaum in kritischer Absicht. Statistisch gesehen beschränkt Sextus

seine Auseinandersetzung mit den Stoikern also auf einen ziemlich klei-

nen Teil seiner Schriften. Dieser erkenntnistheoretisch-logische Teil ist

allerdings von vorrangiger Bedeutung, und wie gleich deutlicher zu sehen

sein wird, hat die Kritik der Stoiker innerhalb dieses Teils ein außeror-

dentlich großes Gewicht. Weil die Stoiker für Sextus also in der Logik

so herausragend wichtige Gegner waren, darf man sie auch überhaupt

als die Intimgegner des Sextus ansehen. Wie die Auseinandersetzungen

in der Physik und in der Ethik verlaufen, spielt dafür keine Rolle. Tat-

sächlich fallen die Stoiker in diesen Bereichen weniger auf. Niemand

käme aufgrund der Argumentationen, die Sextus dort gegen die Stoiker

250

entwickelt, auf den Gedanken, diese gegenüber der langen Reihe der

anderen Gegner hervorzuheben. Aber das beeinträchtigt, wie gesagt, in

keiner Weise die intime Gegnerschaft zwischen Sextus Empiricus und

den Stoikern.

Drittens zeichnet sich ab, worum in der Hauptsache gestritten wird.

Es ist die Frage eines Wahrheitskriteriums. Alle Dogmatiker im Sinne

des Sextus sagen, daß es ein solches Kriterium gebe, und die Skeptiker

bestreiten das. Auch die Stoiker vertreten mit Nachdruck die Behaup-

tung, es gebe ein Wahrheitskriterium, und als die Intimgegner des Sextus

tun sie das in einer Weise, die Sextus als repräsentativ erschien. Jeden-

falls war er bemüht, seine Kritik dogmatischer Lehrmeinungen nicht

durch die Vielzahl der Gegner bestimmen und verwirren zu lassen, son-

dern methodisch zu gestalten (PH ii 21; M vii 261 f.), und er baute sie

dann so auf, daß sie auf die Thesen der Stoiker vorzüglich abgestimmt

war. Offenkundig war er überzeugt, daß die Stoiker seine wichtigsten

Gegner seien; wenn er sich ihnen gegenüber durchzusetzen wisse, könne

er es auch mit allen anderen Dogmatikern aufnehmen.

III

In der Logik geht es Sextus um eine grundsätzliche Auseinanderset-

zung mit den Dogmatikern über die menschlichen Erkenntnismöglich-

keiten. Dabei liegt es wie bei anderen Themen in seinem eigenen Interesse

als Skeptiker, möglichst starke Gegner zu haben. Die Stoiker sind für ihn

in diesem Sinne bedeutende Gegner. Bevor wir auf seine Kritik an ihrer

Lehre eingehen, soll diese Qualität der Gegnerschaft ausführlicher auf-

gewiesen und in einen Zusammenhang mit der innerstoischen Meinungs-

vielfalt gebracht werden.

1. Die Stoiker für bedeutende Gegner zu halten, ist als erstes durch

die Auffassungen gerechtfertigt, die sie im Bereich der Erkenntnistheorie

und Logik vertreten. Während der gesamten Geschichte ihrer Schule hiel-

ten sie unbeirrt daran fest, daß eine untrügliche Erkenntnis der Wirklich-

keit möglich sei, und sie erklärten, alle Menschen, die in hinreichend nor-

maler Verfassung seien, besäßen von Natur aus die Fähigkeit zu un-

terscheiden, was erkennbar wahr und was erkennbar falsch sei. Diesen

251

Grundüberzeugungen gaben sie in ihrer Erkenntnislehre eine theoretische

Gestalt, die in vielfältigen Auseinandersetzungen zu einem umsichtig ent-

wickelten Lehrgebäude reifte und ein würdiger Gegner der Skeptiker wur-

de. Kernpunkt dieser Lehre und am meisten umstritten war die These

von der “erkennenden Vorstellung” (καταληπτικὴ φαντασία); diese sei

das Kriterium der Wahrheit26.

Infolge der mannigfaltigen Diskussionen mit den Kritikern gab es

bei der Ausarbeitung dieser These im Laufe der Zeit eine gewisse Lehr-

entwicklung, so daß die detaillierte Darstellung nicht immer gleich aus-

fiel. Aber die folgende Skizze hätte wohl jeder Stoiker unterschrieben;

sie mag hier zur Orientierung genügen: (1) Das Wahrheitskriterium ist

der Gattung nach eine Vorstellung, also, wie man zu sagen pflegte, ein

“Eindruck im Zentralorgan” (τύπωσις ἐν τῷ ἡγεμονικῷ). Sodann (2)

gibt es unter den Vorstellungen allerlei wahre Vorstellungen, zutreffende

Eindrücke der Realität, die freilich nicht alle zu Erkenntnissen werden.

(3) Von den wahren Vorstellungen sind einige so beschaffen, daß sie sich

auch als wahre Vorstellungen ausweisen. Und zwar ist ihre Wahrheit aus

ihrer Klarheit und Deutlichkeit zu ersehen. Es sind nämlich, so die übli-

che Definition, diejenigen Vorstellungen, «die von etwas Bestehendem

her und nach Maßgabe des Bestehenden selbst sich in unserem Geist

abgedrückt haben und ihm eingesiegelt sind, wie sie von etwas nicht Be-

stehendem her nicht entstehen könnten», oder mit einem Wort die “er-

kennenden” Vorstellungen. Diese machen also Wahrheit bewußt und gel-

ten deshalb als Wahrheitskriterium. (4) Die erkennenden Vorstellungen

sind wiederum insofern unterscheidbar, als manche von ihnen durch eine

Sinneswahrnehmung zustande kommen, manche durch einen Abstrak-

tionsprozeß, manche durch einen Beweis und andere durch wieder ande-

res. Das sind aber Subdistinktionen, die schon innerhalb des Wahrheits-

kriteriums anzusiedeln sind und die es auch verdeutlichen. Aber zu seiner

Abgrenzung tragen sie nichts mehr bei. (5) Menschen in normaler körper-

licher und geistiger Verfassung können diese erkennenden wahren Vor-

stellungen leicht anhand ihrer eigentümlichen Beschaffenheit identifizie-

252

ren und ihnen unter normalen Umständen mühelos zustimmen. Wer das

tut, gewinnt eine Erkenntnis der Dinge, wie sie wirklich sind.

2. Auch bei Sextus findet man eine Darstellung dieser stoischen Leh-

re (M vii 227-260). Sie steht am Ende eines langen philosophiegeschichtli-

chen Referats und ist schon dadurch hervorgehoben. Im Vergleich zu

den Berichten über andere erkenntnistheoretische Lehren ist sie darüber

hinaus außerordentlich umfangreich. Und dabei ist sie drittens sehr ela-

boriert: Am Anfang geht diese Darstellung weitaus gründlicher als andere

Quellen auf den Begriff der Vorstellung ein. Dann braucht sie mehr

Schritte bis zur Bestimmung der erkennenden Vorstellung. Sie verzeich-

net als einzige den Zusatz der jüngeren Stoiker, daß die erkennende Vor-

stellung nur dann das Wahrheitskriterium bilde, wenn die äußeren Um-

stände der Zustimmung kein Hindernis entgegenstellen. Und sie schließt

mit einigen Argumenten zur Absicherung der ganzen Theorie. Nach der

Plazierung und dem Umfang des Referats vermittelt auch diese eindringli-

che Art der Darstellung den Eindruck, daß Sextus die Stoiker mit ihrer

Erkenntnistheorie für wichtige Gegner hält.

Er macht das auch noch an anderen Stellen deutlich. So weist er

in seinem Bericht über die Auffassungen der Akademiker zur Frage eines

Wahrheitskriteriums nachdrücklich darauf hin, daß die Diskussionsbei-

träge von Arkesilaos und Karneades als Reaktionen auf die stoische Er-

kenntnistheorie zu verstehen seien (M vii 150, 153, 159). Und wo es —

nicht im Referat, sondern in der skeptischen Gegenrede — um die Wahr-

heit und Falschheit von Vorstellungen geht (M vii 381-439), argumentiert

Sextus zuerst, daß von den verschiedenen dogmatischen Positionen allen-

falls die stoische oder auch akademische und peripatetische These in Fra-

ge komme, nach der von den Vorstellungen einige zuverlässig und wahr,

andere dagegen unzuverlässig und falsch seien, um dann in einem zweiten

Schritt darzulegen, daß auch diese Auffassungen nicht überzeugen könn-

ten (ab 401).

Solche Texte zeigen freilich immer nur, für wie stark Sextus die

Stoiker im Vergleich zu anderen Gegnern hält. Sie zeigen noch nicht,

wie bedeutend sie für ihn insgesamt sind. Um das zu sehen, ist von

der Systematik auszugehen, nach der Sextus seine Kritik der Dogmatiker

aufbaut.

253

3. Um die skeptische Untersuchung umfassend zu gestalten und me-

thodisch zu gliedern, knüpft Sextus sowohl in den Pyrrhonischen Hypotypo-

sen
als auch in Adversus Dogmaticos daran an, daß der Terminus “Wahr-

heitskriterium” (τὸ κριτήριον τῆς ἀληθείας) zwei Konstituenten besitzt

(vgl. besonders M vii 28). Dementsprechend befaßt Sextus sich zuerst mit

dem Gedanken eines “Kriteriums” der Wahrheit und dann mit dem, was

ein solches Kriterium vermitteln soll, mit dem Wahren. In dem Teil über

das Kriterium geht es zuerst um das Kriterium “Von wem”, nämlich um

den Menschen, von dem etwas Wahres ermittelt werden soll, anschließend

um das Kriterium “Wodurch”, d.h. um die Sinne und den Verstand, durch

die eventuell etwas Wahres festgestellt wird, und schließlich um das

Kriterium “Wonach”; darunter versteht Sextus «die Anwendung der

Vorstellung, nach der der Mensch es unternimmt, durch eines der vor-

genannten Vermögen zu urteilen» (PH ii 16; s.a. M vii 35-37). In allen

drei Sektionen führt Sextus Punkt für Punkt vor, daß die Auffassungen

der Dogmatiker nicht überzeugend seien, daß es also keinerlei Kriterium

gebe, auf das man sich bei der Suche nach Wahrheit verlassen könne.

Wollte man von dieser Kritik absehen, so gäbe es immer noch die Ausein-

andersetzungen über den Begriff des Wahren. Wie Sextus im zweiten Teil

darlegt, lassen sie sich nicht vernünftig entscheiden und bieten im ganzen

wie im Detail reichlich Anlaß, die Dogmatiker ins Unrecht zu setzen. Ein

überzeugendes Wahrheitskriterium gibt es also weder, wenn es vom Begriff

des Kriteriums her entworfen werden soll, noch wenn man danach vom

Begriff des Wahren her fragt. Obwohl dieses Ergebnis schon als aus-

reichend angesehen werden könnte, behandelt Sextus darüber hinaus

noch ein spezielleres Gebiet, das den Dogmatikern äußerst wichtig ist: die

Erkenntnis des nicht unmittelbar ersichtlichen Wahren. Erreicht wird sie,

wie die Dogmatiker sagen, vor allem durch Zeichen oder durch Beweise.

Aber auch bei diesen Mitteln der Wahrheitsfindung zeigt sich auf vielfache

Weise: sie halten der skeptischen Kritik nicht stand, sind nicht über-

zeugend etabliert, sind umstritten und nicht verläßlich.

Was nun die Stoiker angeht, ist es in dem Kapitel über das Kriteri-

um “Wonach” vor allem ihre These von der erkennenden Vorstellung,

die Sextus sich zu diskutieren veranlaßt sieht; die Ansichten anderer

Philosophen spielen hier nur eine Nebenrolle27. In diesem Sinne füllen

254

die Stoiker in beiden Schriften das ganze Kapitel aus. Ähnlich steht es in

dem Kapitel über den Beweis, wo von vornherein ein stoischer Beweisbe-

griff unterlegt wird; daß auch einige Worte auf die kategorischen Syllogis-

men der Peripatetiker verwendet werden, mindert den Vorrang der Stoi-

ker nicht. Das Kapitel über das Zeichen wird in den Pyrrhonischen Hypo-

typosen
wie das über den dritten Kriterientyp ganz von den Stoikern

beherrscht (PH ii 104-129). In Adversus Dogmaticos gilt das erst von da

an, wo Sextus das intelligible Zeichen diskutiert (M viii 244-274). Vorher

sind zwei Abschnitte eingefügt, einer über das Zeichen im allgemeinen

und einer über das sinnlich wahrnehmbare Zeichen; letzterer wendet sich

gegen die Epikureer, ersterer auch gegen die Stoiker, so daß das Gesamt-

kapitel hier ebenfalls besonders stark gegen die Stoiker gerichtet ist. Die

Bedeutung, die sie als Gegner für Sextus haben, wird des weiteren da-

durch unterstrichen, daß in Adversus Dogmaticos (teilweise auch in den

Pyrrhonischen Hypotyposen) in den drei genannten Kapiteln auf die skep-

tische Argumentation noch jeweils eine Gegenkritik der Dogmatiker

folgt, die Sextus dann abschließend entkräftet; in allen drei Fällen kommt

die Gegenkritik großenteils aus der Stoa28.

In den verbleibenden Kapiteln ist die Rolle der Stoiker nicht so be-

herrschend, aber auch keineswegs unerheblich. Sextus referiert die stoi-

sche Unterscheidung von Wahrheit und Wahrem (PH ii 80-84; M vii 38-

255

45: F.D.S. 322, 324) und spezifiziert danach das Thema des zweiten

Teils: dieser handelt vom Wahren, nicht von der Wahrheit, die als «ein

System der Kenntnis von mehrerlei Wahrem (σύστημα τῆς τῶν ἀληθῶν

γρώσεως)» erst im Anschluß an das Wahre denkbar wäre (PH ii 84).

Innerhalb der Ausführungen über das Wahre werden im wesentlichen

die unterschiedlichen Auffassungen gegeneinander ausgespielt, die die

Dogmatiker zu diesem Thema vorgebracht haben; die Stoiker erscheinen

dabei als eine prominente dogmatische Partei.

Ähnliches gilt für die Sektion über das Kriterium “Wodurch”. Dort

geht es darum, ob wir das Wahre mit den Sinnen, mit dem Verstand

oder mit beidem ermitteln, und Sextus argumentiert, ohne weiter zwi-

schen den Schulmeinungen zu differenzieren, daß keine der angegebenen

Möglichkeiten nachvollziehbar und der ganze Kriterientyp undenkbar sei

(PH ii 48-69; M vii 343-369). Das betrifft auch die Stoiker mit ihrer

Unterstützung für die dritte These (vgl. etwa Diog. Laert. vii 54: F.D.S.

255). Aber ebenso selten, wie Sextus auf andere Spezialthesen hinweist,

macht er auch stoische Behauptungen nur in einem Fall als solche kennt-

lich, nämlich am Ende, wo er von der großen Kontroverse der Dogmatiker

über die Zuverlässigkeit der Sinneswahrnehmung berichtet: im Gegensatz

zu Demokrit auf der einen und Epikur auf der anderen Seite erklären

die Stoiker wie etwa auch die Peripatetiker die Sinneswahrnehmungen

teils für zutreffend und teils für unzutreffend (M vii 369). Weil diese

Kontroverse nur um den Preis von Ungereimtheiten zu entscheiden (also

auch die eventuelle Wahrheit der stoischen Auffassung nicht einzusehen)

sei, führe schon dieser eine Streit für sich genommen zum Ergebnis des

ganzen Abschnitts: weil die Wahrheitskriterien des zweiten Typs nicht

verläßlich seien, werde alle Wahrheitserkenntnis diskreditiert.

Vorher wird sie bereits deshalb diskreditiert, weil auch schon die

dogmatischen Kriterien des ersten Typs der skeptischen Nachprüfung

nicht standhalten. Für die Auseinandersetzung mit den Stoikern hat die-

ser Abschnitt weniger inhaltliches Gewicht als vielmehr den Status be-

achtlichen Vorgeplänkels. Im Bereich des ersten Kriterientyps will Sextus

nämlich vor Augen führen, daß die Möglichkeiten, das Kriterium

“Mensch” theoretisch zu fassen, in jeder Hinsicht unbefriedigend seien

und daß es ein Unding sei, etwa die Dogmatiker selbst mit ihrem An-

spruch, etwas Wahres gefunden zu haben, zum Kriterium der Wahrheit

256

zu machen; der Mensch als Wahrheitskriterium sei mithin vollkommen

obskur (PH ii 22-47; M vii 263-342). Im Hinblick auf die Stoiker ist

daran nicht so sehr bemerkenswert, daß einschlußweise auch die Qualität

ihrer Anthropologie angezweifelt wird, als vielmehr der Umstand, daß

Sextus ausgerechnet ihre Schule als “vertrautes Beispiel” (οἰκείου παρα-

δείγματος) (M vii 330) benutzt, um ldarzumachen, wie unsinnig es wäre,

philosophische Thesen aufgrund des bloßen Ansehens oder der bloßen

Mitgliederzahl der Schule für wahr zu halten, von der sie vertreten wer-

den. Sextus nutzt den Aufweis, wie wenig in der Philosophie Autoritäts-

argumente zu suchen haben, offenbar für eine Spitze gegen die Stoiker:

Sie genießen ein hohes Ansehen; aber das ist kein philosophisches Argu-

ment; in den nachfolgenden Sachfragen sollte man davon absehen und

etwa auch dem Skeptiker sein Ohr leihen.

Resümierend läßt sich also feststellen, daß die Stoiker von Sextus

in der Erkenntnistheorie und Logik nicht bloß an einer Reihe einzelner

Stellen für vergleichsweise starke Gegner gehalten werden. Nicht nur des-

halb sind sie seine Hauptgegner. Sondern sie sind dies darüber hinaus

und vor allem deshalb, weil umfangreiche Teile seiner Ausführungen sich

maßgeblich auf stoische Lehrstücke beziehen und auf sie zugeschnitten

sind und weil bei den Teilen, wo man das nicht sagen kann, trotzdem

zu beobachten ist, daß die Stoiker in der Regel zu den Gegnern gerechnet

werden, um die es hauptsächlich geht. Sie sind also auch dann und gerade

dann die Hauptgegner des Sextus, wenn man dies an der Systematik

mißt, die Sextus bei seiner Kritik der Dogmatiker befolgt.

4. Nachdem diese Feststellung nun genügend dokumentiert ist, läßt

sie sich damit verbinden, daß der pyrrhonische Skeptiker ein Interesse

daran haben muß, möglichst starke Gegner zu finden und sie tatsächlich

zu widerlegen. Nach der Bedeutung, die die Stoiker in seinen Schriften

haben, erschienen sie Sextus als die mit Abstand mächtigsten Gegner,

die er finden konnte. Ihnen gegenüber die Urteilsenthaltung zur Geltung

zu bringen heißt daher zugleich, die Skepsis als eine mögliche und ange-

messene philosophische Einstellung zu präsentieren.

Nun waren die Stoiker für ihre schulinterne Meinungsvielfalt be-

kannt (vgl. besonders F.D.S. 225-226), und wie oben angedeutet wurde,

waren sie sich auch in der Erkenntnislehre und Logik nicht in allem einig.

Sextus Empiricus hatte davon Kenntnis. Er erwähnt zahlreiche solche

257

Meinungsverschiedenheiten oder Sonderlehren und nutzt sie zum Teil für

seine skeptischen Absichten.

Zum Beispiel berichtet er, daß Ariston von Chios Logik, Physik und

bestimmte Teile der Ethik aus der Philosophie streichen wollte (M vii

12: F.D.S. 209), daß Chrysipp und Kleanthes die Formel von der Vor-

stellung als Eindruck in der Seele sehr unterschiedlich deuteten (PH ii

70; M vii 228-231, 372 f.; viii 400: F.D.S. 261, 259, 260, 257), daß die

jüngeren Stoiker nicht mehr die erkennende Vorstellung schlechthin als

Wahrheitskriterium ansahen, sondern einen einschränkenden Zusatz

machten (M vii 253-258: F.D.S. 333), daß Basileides Unorthodoxes über

die Existenz der Lekta bzw. des Unkörperlichen gesagt habe29 und daß

Antipater im Gegensatz zu Chrysipp und den meisten anderen Logikern

auch Argumente mit nur einer Prämisse zuließ (PH ii 167; M viii 443:

F.D.S. 1054, 1053).

Gelegentlich macht Sextus sich die Meinungsvielfalt innerhalb der

Stoa auch zunutze. Das tut er allerdings kaum in der Weise, wie er nach

dem ersten der fünf skeptischen Tropen, die von Agrippa entwickelt und

von den jüngeren Skeptikern überliefert wurden (vgl. Diog. Laert. ix

88 f.; PH i 164-177), mit den Meinungsverschiedenheiten zwischen ver-

schiedenen philosophischen Schulen umzugehen pflegt. Er spielt die inner-

stoischen Lehrunterschiede also in der Regel nicht so gegeneinander aus,

daß sie sich unentscheidbar widerstreiten würden, deshalb allesamt unbe-

gründet seien und nicht überzeugen könnten. Diesem Verfahren sehr nahe

kommt, was er mit den Differenzen zwischen Kleanthes und Chrysipp

über den Begriff der Vorstellung macht, wenn er zuerst Kleanthes mit

Chrysipp und diesen dann mit anderen Argumenten angreift (M vii 372 ff.:

F.D.S. 260). Doch ansonsten benutzt Sextus die Lehrunterschiede zwischen

den Stoikern eher, um darauf hinzuweisen, daß eine vorherrschende

stoische Lehrmeinung auch schon innerhalb der Schule auf Zweifel gestoßen

258

sei. Zu diesem Zweck erwähnt er insbesondere die Bemerkung des Basi-

leides und Antipaters These über Argumente mit nur einer Prämisse.

Sextus scheint also um die Meinungsvielfalt bei den Stoikern gewußt

zu haben. Angesichts der Bedeutung der Stoa für seine Präsentation der

pyrrhonischen Skepsis sollte man deshalb erwarten, daß Sextus die stoische

Lehre nicht nur im ganzen als gediegen ansieht, sondern sie auch in

ihrer durchdachtesten Ausprägung kritisiert oder jedenfalls Argumente

gegen sie vorbringt, die auch gegen die beste Ausprägung eingesetzt

werden könnten. Diese Erwartung bestätigt sich aber nicht in der wün-

schenswerten Weise. Vielmehr wird sie weitgehend enttäuscht, und es

wird zu sehen sein, was daraus folgt.

IV

«In der Dialektik brachte er es zu solchem Ansehen, daß die meisten

Leute meinten, falls es bei den Göttern eine Dialektik gäbe, so würde

es sich wohl um keine andere handeln als um die des Chrysipp» (Diog.

Laert. vii 180: F.D.S. 154). Solche rühmenden Urteile über das Werk

Chrysipps gab es in der Antike häufiger; und so, wie er die stoische

Logik geprägt hat, ist sie berühmt geworden (vgl. z.B. F.D.S. 154, 156,

227-231). Was uns als stoische Logik überliefert ist, gilt oder galt deshalb

im großen und ganzen als das Werk Chrysipps30. Auch die Berichte des

Sextus Empiricus über die stoische Logik werden oder wurden dement-

sprechend möglichst harmonisch interpretiert und in die möglichst einheit-

liche Logik integriert, die man aus den erhaltenen Zeugnissen zu rekon-

struieren versucht(e) und dann mit dem Namen Chrysipps in Verbindung

bringt. Eine solche Konzeption bringt sowohl anderwärts als auch ins-

besondere bei Sextus Empiricus viele kaum lösbare Schwierigkeiten mit

sich. Aber in Ermanglung einer Alternative hielt man daran fest und

kam über einige Differenzierungen nicht hinaus31.

259

Seitdem nun aber D. Sedley gezeigt hat, daß es eine von den Megari-

kern wohl zu unterscheidende “Schule der Dialektiker” gab, deren pro-

minenteste Köpfe Diodoros Kronos und sein Schüler Philon waren und

für die allein das Interesse an Fragen der Dialektik charakteristisch

war32, sind, wenn in hellenistischen und spätantiken Texten irgendwo

von “Dialektikern” oder “dialektisch” gesprochen wird, nicht mehr so

selbstverständlich wie früher die stoischen Logiker gemeint, sondern

möglicherweise Vertreter dieser Schule. Von da ausgehend konnte Th.

Ebert einen ersten wesentlichen Schritt tun und zeigen, daß Ps.-Galen

uns die Zeichentheorie des Dialektikers Philon aufbewahrt hat

(F.D.S. 1027); die Zeichenkonzeptionen, die Sextus Empiricus überlie-

fert, knüpfen daran an und stammen einerseits von Zenon von Kition,

andererseits von Kleanthes und keineswegs von Chrysipp. Dieser hat die

Zeichentheorie seiner Vorgänger wahrscheinlich in mehreren entschei-

denden Punkten kritisiert; was er zu diesem Thema beigetragen hat, ist

von Sextus nicht berücksichtigt worden33.

Inzwischen hat Ebert diese Thesen in einem größeren Zusammen-

hang erneut entwickelt und darüber hinaus bewiesen, daß auch der stoi-

sche Beweisbegriff, wie er von Sextus in drei verschiedenen Versionen

referiert wird, nicht auf Chrysipp zurückgeht. Was Sextus referiert,

stammt vielmehr aus älteren Quellen und ist frühstoische Lehre; als Auto-

ren dieser Beweisbegriffe bieten sich Zenon von Kition, Kleanthes und

Sphairos an. Der wesentlich verbesserte Beweisbegriff Chrysipps, der es

erst erlaubt, etwas Bewiesenes zur Prämisse eines neuen Arguments zu ma-

chen, ist bei Diog. Laert. vii 45 (F.D.S. 33, 1037) überliefert; bei Sextus

260

hat er keine Spuren hinterlassen34. Es ist hier nicht der Ort, Eberts

sorgfältige Beweisführung nachzuzeichnen oder auch nur die wichtigsten

Argumente zu nennen. Sein Ergebnis ist beachtlich genug. Indem Ebert

wohlumschriebene Zeugnisse der frühstoischen Dialektik identifiziert, er-

öffnet er der Rekonstruktion der stoischen Logik neue Möglichkeiten.

Was Sextus Empiricus betrifft, zeigt er, welch unterschiedliche Uberliefe-

rungsschichten sein Werk enthält; es vermittelt Einblicke in stoische Lehr-

entwicklungen, die Sextus selbst kaum bewußt gewesen sein dürften.

Was unseren Zusammenhang angeht, ergibt sich aus Eberts Ausfüh-

rungen, daß zwei der drei großen Abschnitte, in denen Sextus von vorn-

herein und maßgeblich stoische Thesen kritisiert, sich gegen stoische

Thesen wenden, die schon seit Chrysipp nicht mehr als gut durchdachte

stoische Lehrstücke gelten konnten und vermutlich bei den Stoikern

selbst gern als längst überholt angesehen wurden. Das heißt natürlich

nicht, daß Sextus in diesen Kapiteln überhaupt nichts von der chrysippei-

schen Logik überliefert. Ein paar Mal nennt er Chrysipp mit Namen und

schreibt ihm dabei bestimmte Dinge zu, zweifellos mit Recht35. Auch

die elementaren aussagenlogischen Syllogismen zählt er so auf wie Chry-

sipp36. Ferner berichtet er (ohne Namensnennung) von Chrysipps Im-

plikationsbegriff und überliefert zwei Versionen einer Liste von Fehl-

schlußtypen; die eine Version ist frühstoisch oder noch älter, während

die andere die Terminologie Chrysipps benutzt und seinen Implikations-

begriff voraussetzt37. Diese Texte lassen indes nicht erkennen, ob Sex-

tus sich bewußt ist, es dabei mit einer fortgeschritteneren Phase der

261

stoischen Logik zu tun zu haben. Jedenfalls setzt er sich nicht mit den

Leistungen und dem Problembewußtsein auseinander, auf denen der

Fortschritt beruht. Deshalb bleibt es einstweilen bei dem von Ebert aus-

gehenden Urteil, daß die stoischen Theorien, mit denen Sextus sich in

seinen Ausführungen über das Zeichen und über den Beweis auseinander-

setzt, eigentlich längst veraltet waren; die Vertreter solcher Thesen als

starke Gegner zu betrachten, ist ein bißchen verwunderlich.

Nun sind diese Ausführungen zwar recht umfangreich, aber systema-

tisch gesehen doch insofern von untergeordneter Bedeutung, als der wich-

tigste Teil der skeptischen Auseinandersetzung mit den Dogmatikern der

Abschnitt über das Kriterium “Wonach” ist. Auch dort bezieht Sextus

sich vor allem auf stoische Thesen. Aufgrund seines Referats der stoischen

Erkenntnistheorie und wegen der Berücksichtigung von Chrysipps Über-

legungen zum Begriff der Vorstellung ist zu erwarten, daß Sextus sich

hier mit wirklich ausgereiften stoischen Positionen auseinandersetzt, und

das mag dann genügen, um ihm zu bescheinigen, er habe die stoische

Lehre in ihrer besten Form kritisiert. Aber selbst diese schwächere

Bedingung erfüllt Sextus nicht in befriedigender Weise.

In den Pyrrhonischen Hypotyposen macht er in fünf Argumentations-

schritten gegen das stoische Wahrheitskriterium geltend, daß eine Vor-

stellung als Wahrheitskriterium “Wonach” ungeeignet sei (PH ii 70-78):

Erstens sei sie als “Eindruck im Zentralorgan” undenkbar — wegen der

Feinteiligkeit und Instabilität des Seelenpneumas und unabhängig vom

näheren Verständnis des “Eindrucks”. Wenn aber doch, sei sie zweitens

als Erlebnis des Zentralorgans wie dieses selbst unerkennbar. Wenn aber

doch, könnten drittens die äußeren Gegenstände nicht nach ihr beurteilt

werden, da sie eine Vorstellung nicht von ihnen, sondern von einem Er-

lebnis der Sinne sei. Viertens könne der Verstand nichts über die voraus-

zusetzende Isomorphie zwischen dem Erlebnis der Sinne und den äuße-

ren Gegenständen wissen. Und falls letztere doch nach einer Vorstellung

beurteilt werden könnten, führe fünftens die Frage, welchen von unseren

Vorstellungen wir Glauben schenken dürften, in ausweglose Schwierig-

keiten.

Da Sextus gleich beim ersten Argumentationsschritt auf Chrysipps

Begriff der Vorstellung anspielt und ihn einschlußweise widerlegt, könnte

man meinen, der ganze Gedankengang sei auf Chrysipps Beiträge zur

262

Erkenntnistheorie hinreichend eingestellt. Aber dem ist nicht so. Schon

der von den Skeptikern häufiger geltend gemachte Einwand im ersten

Schritt38 wendet sich in keiner Weise speziell gegen Chrysipp, auf den

anzuspielen überhaupt nicht nötig wäre. Das Argument richtet sich bloß

ganz allgemein gegen jeden, der unter Voraussetzung einer pneumatischen

Seelensubstanz irgendwie an Zenons “Eindruck im Zentralorgan” festhält.

Wie wenig der Autor der Passage sich tatsächlich mit Chrysipps Überle-

gungen auseinandergesetzt hat, zeigt der Fortgang des Textes. Im vierten

Argumentationsschritt wird angenommen, eine Vorstellung müsse nach

den Dogmatikern, um Wahrheitskriterium sein zu können, mit den äuße-

ren Gegenständen isomorph sein. Damit wird der Vorstellungsbegriff des

Kleanthes unterstellt und nicht der Begriff Chrysipps, der auf die Isomor-

phie gerade verzichtete. Außerdem wird im zweiten und fünften Argu-

mentationsschritt vorausgesetzt, daß Vorstellungen auf eine im wesentli-

chen gleiche Weise wie die äußeren Dinge Gegenstände der Erkenntnis

sein könnten und wie die äußeren Dinge mit Hilfe anderer Vorstellungen

erkannt werden müßten, um als Wahrheitskriterien verwendbar zu sein.

Gegen diese Unterstellung könnte Kleanthes sich kaum wehren, weil der

Eindruck in der Seele, wenn er wie der Eindruck eines Siegelrings in

Wachs gedacht wird, als eine Verdopplung des Originals erscheint. Chry-

sipp dagegen hat den Eindruck als bloße Veränderung interpretiert und

in anderen Zusammenhängen zusätzlich erklärt, daß Vorstellungen sich

selbst und außerdem das zeigen, wovon sie verursacht sind (F.D.S. 268-

270; s.a. M vii 383); deshalb können sie für Chrysipp niemals Gegenstän-

de sein, die auf dieselbe Art zu erkennen wären wie die Dinge der äuße-

ren Realität. In den Pyrrhonischen Hypotyposen argumentiert Sextus also

gegen das stoische Wahrheitskriterium, wie es vor Chrysipp vertreten

wurde. In der von Chrysipp vertretenen Form ist es von Sextus’ skepti-

scher Kritik höchstens insofern betroffen, als auch Chrysipp an Zenons

Idee anknüpft, Vorstellungen seien “Eindrücke”.

In Adversus Dogmaticos gestaltet Sextus seine Auseinandersetzung

mit dem stoischen Wahrheitskriterium erheblich anders. Zunächst findet

man die Parallelstelle zum dritten und vierten Argumentationsschritt der

Pyrrhonischen Hypotyposen in einem anderen Kontext, nämlich in der

263

Erörterung zu den Kriterien “Wodurch”, den Wahrheitskriterien des

zweiten Typs39. Sextus wendet sich dort gegen die Dogmatiker, die sagen,

das Wahre werde sowohl durch die Sinne als auch durch den Verstand

ermittelt, und er unterstellt bei seiner Argumentation wie in den Pyrrho-

nischen Hypotyposen
, daß im Hinblick auf die Erkenntnis des Wahren

zwischen den äußeren Gegenständen und deren Wahrnehmungen Isomor-

phie herrschen müsse (M vii 357 f.). Dies anzunehmen ist bei Kleanthes

am Platz, aber nicht bei Chrysipp.

Die Kritik der erkennenden Vorstellung erfolgt dann in zwei Schrit-

ten. Zuerst geht es wieder um die Vorstellungen im allgemeinen (M vii

370-387). Sextus macht geltend, daß die Vorstellungskonzeption des Kle-

anthes die von Chrysipp herausgearbeiteten fatalen Folgen habe und daß

der pneumatisch instabile Charakter des Zentralorgans keinerlei Eindruck

zulasse. Darauf läßt er die Stoiker antworten: «Ja; aber die Vorstellung

ist nicht ein Eindruck im eigentlichen Sinne, sondern eine bloße Verände-

rung des Verstandes» — und hält ihnen entgegen: «Das wiederun wäre

schlimmer als die vorige Erklärung» (M vii 376: F.D.S. 260). Was er da-

bei im Auge hat, wird anschließend entwickelt: Als Veränderung müßte

die Vorstellung das Zentralorgan entweder wie ein Affekt oder substan-

tiell betreffen, was aber beides absurd wäre; denn während eine Substanzver-

änderung die Zerstörung der Seele bedeuten würde, würde eine affektar-

tige Veränderung ältere Vorstellungen abwandeln und es unmöglich ma-

chen, sie im Verstand zu bewahren (376 f.). Sextus meint mit anderen

Worten, bei Chrysipp ergäben sich dieselben mißlichen Konsequenzen

wie bei Kleanthes; sie seien die unvermeidliche Folge einer affektartigen

Veränderung des Zentralorgans. Chrysipp würde dies allerdings nicht an-

erkennen; denn gegen Kleanthes fordert er ein, daß es möglich sein müs-

se, mehrere Vorstellungen zugleich zu haben (M vii 229-231: F.D.S. 259),

und bezeichnet die Vorstellungen an anderer Stelle als Affekte (F.D.S.

268 f.). Als nächstes erklärt Sextus, als Veränderung unterläge die Vor-

stellung der alle Veränderungen betreffenden Standardaporie (M vii

378 f.). Offensichtlich könnte dieses Argument ebenfalls genauso gut ge-

gen die Vorstellung als Eindruck entwickelt werden, was Sextus freilich

nicht sagt. Doch ab dem nächsten Argument hat er Zenons Rahmen-

264

begriff der Vorstellung wieder ausdrücklich mit im Blick. Es ähnelt dem

zweiten Argumentationsschritt in den Pyrrhonischen Hypotyposen und be-

sagt, daß die Vorstellung sich wegen Unklarheiten beim Begriff des Zen-

tralorgans nicht denken lasse (280). Die beiden letzten Argumente stellen

noch einmal darauf ab, wieviel oder welche Identität zwischen einer Vor-

stellung im Verstand, den Sinnen und den äußeren Gegenständen beste-

hen muß, damit die Vorstellung als Wahrheitskriterium dienen kann, und

benutzen diese Frage, um den Begriff und die Bestimmungen der Vorstel-

lung als absurd erscheinen zu lassen. Bei der Herleitung dieses Resultats

stützen sie sich allerdings beide wieder auf die Annahme, daß die Bezie-

hung zwischen dem Vorgestellten und der Vorstellung strukturerhaltend

sein müsse (382, 384), also ein Isomorphiepostulat, das mit dem Vorstel-

lungsbegriff des Kleanthes verbunden ist und dem des Chrysipp wider-

spricht. Daher sind auch diese skeptischen Einwände nicht so weitreichend

und allgemein, wie Sextus vorgibt; gegen Chrysipp können sie nicht mehr

vorgebracht werden.

Im zweiten Schritt — er entspricht dem fünften in der Argumentation

der Pyrrhonischen Hypotyposen — geht Sextus zu der Frage über, ob die

Vorstellungen, wenn sie trotz aller Bedenken zugestanden werden, alle

wahr sind oder nicht. Er meint, hier komme allenfalls die These der Stoi-

ker und der Akademiker in Betracht, nach der nur ein Teil der Vorstel-

lungen wahr sei (M vii 388-400), und argumentiert dann, daß auch diese

Position nicht verteidigt werden könne. Dabei geht es, was die Stoiker

betrifft, um die erkennende (καταληπτική), und was die Akademiker

angeht, um die glaubhafte (πιθανή) Vorstellung; diese Vorstellungen seien

nicht einsichtig zu machen (M vii 401-439).

Die sehr ausführliche Argumentation zu den Stoikern (401-435) um-

faßt viele verschiedene Argumente, von denen aber mehrere lediglich auf

mögliche Verwechslungen erkennender und nicht-erkennender Vorstel-

lungen aufmerksam machen, bereits von den Akademikern (Karneades)

vorgetragen und von den Stoikern entkräftet worden waren (vgl. 402-

411, 415-421: F.D.S. 1242, 421-423). Sodann argumentiert Sextus dage-

gen, daß überhaupt etwas erkennend sei, sogar mit einer Instabilität der

wahrgenommenen Gegenstände (411-414), und spielt in polemischer Um-

kehrung stoischer Repliken am Schluß die stoische Figur des Weisen ge-

gen die Kompetenz der stoischen Schulgrößen aus (432-435: F.D.S.

265

360 a). Gegen die jüngeren Stoiker macht Sextus geltend, sinnliche Vor-

stellungen erforderten nach stoischer Lehre fünferlei; diese Anforderun-

gen könnten aber niemals allesamt erfüllt werden, weil die Umstände dies

immer irgendwie verhinderten; es gebe also immer ein Hindernis dage-

gen, daß eine erkennende Vorstellung zum Wahrheitskriterium werde

(424 f.: F.D.S. 285). Dieses Argument stellt vor allem eine Interpretations-

aufgabe: Ist die Klausel der jüngeren Stoiker, daß die erkennende Vor-

stellung dann und nur dann Wahrheitskriterium sei, wenn der Zustim-

mung kein Hindernis im Wege steht, eine angemessene Weiterführung

der älteren stoischen Lehre; oder widerspricht sie dieser Lehre? Im ersten

Fall können die Stoiker den Einwand des Sextus durch Differenzierungen

abwehren; im zweiten Fall haben sie das stoische Wahrheitskriterium de-

savouiert und müssen der Kritik stattgeben40.

Es bleiben drei Argumente unmittelbar zur erkennenden Vorstel-

lung. Das erste bezieht sich auf deren Definition und hält den Stoikern

vor, ihre Erklärungen der erkennenden Vorstellung und des äußeren Ge-

genstands stünden im Verhältnis einer Diallele (426: F.D.S. 329). Wer

dem entkommen will — so muß man wohl ergänzen —, braucht zur Iden-

tifizierung der erkennenden Vorstellung ein anderes Kriterium, und die-

ses Erfordernis führt entweder in eine Absurdität oder in einen unendli-

chen Regreß (427-429). Die Stoiker bestreiten natürlich die Vorausset-

zungen dieser beiden Einwände und sagen, die erkennende Vorstellung

zeige sich selbst; sie sei Kriterium ihrer selbst und von daher auch Krite-

rium für die äußeren Gegenstände. Dagegen wendet Sextus dann ein,

was er den Stoikern wohl eigentlich Vorhalten will: «Das freilich unter-

scheidet sich nicht von der umgekehrten Behauptung, daß eben das Vor-

gestellte der Ausweis sowohl seiner selbst als auch der Vorstellung

sei»41; alle Gegenstände brauchten ein von ihnen verschiedenes Kriteri-

um (430-432; Zitat 430). Die Voraussetzung dieses Einwands, daß näm-

lich Vorstellungen Gegenstände wie alle anderen auch seien, wird auf

266

stoischer Seite wieder höchstens von Kleanthes geteilt, der sich mit sei-

nem Verständnis des “Eindrucks im Zentralorgan” gegen eine solche

Deutung nicht wehren kann. Chrysipp ist da anderer Ansicht. Ihm gegen-

über beruht der Einwand entweder auf einer schlecht durchdachten dog-

matischen These, was Sextus zurückweisen wird; oder er stellt bloß eine

Aufforderung dar, die Seinsweise intentionaler Gebilde gründlicher zu

klären.

Nun kam es darauf an festzustellen, ob Sextus entsprechend seiner

skeptischen Interessenlage die stoische Erkenntnistheorie, insbesondere

die Lehre von der erkennenden Vorstellung in ihrer durchdachtesten Aus-

prägung kritisiert oder zumindest Argumente gegen sie vorbringt, die

auch gegen die beste Ausprägung eingesetzt werden könnten. Unter die-

sem Gesichtspunkt ausgewertet zeigt das zusammengestellte Material als

erstes,

(1) daß Sextus sowohl in den Pyrrhonischen Hypotyposen als auch

in Adversus Dogmaticos beansprucht, sich mit allen Versionen der stoi-

schen Lehre auseinanderzusetzen. In den Pyrrhonischen Hypotyposen ver-

sucht er das mit einem Gedankengang, der alle Versionen zugleich treffen

soll. In Adversus Dogmaticos versucht er teilweise dasselbe; zum anderen

Teil bemüht er sich, gegen die in Frage kommenden Varianten einzeln

vorzugehen.

(2) Die vorgebrachten Argumente werden dem umfassenden An-

spruch nicht immer gerecht. Sowohl die vorgeblich allgemeinen als auch

die speziell gegen Chrysipp gerichteten Argumente bauen zum Teil auf

Voraussetzungen auf, die nur zu dem Vorstellungsbegriff des Kleanthes

passen und nicht zu dem des Chrysipp, der von solchen Argumenten also

nicht betroffen ist. Sextus scheint sich dessen allerdings nicht bewußt

gewesen zu sein42.

(3) Nichtsdestoweniger betrifft ein Teil der vorgebrachten Argumen-

te in der Tat alle Ausprägungen der stoischen Lehre. Sie sind allerdings

267

von unterschiedlicher Relevanz, a) Einige stammen aus der Akademie,

und die Stoiker hatten darauf gute Antworten, b) Im dritten Argumenta-

tionsschritt aus den Pyrrhonischen Hypotyposen meint Sextus, Vorstellun-

gen taugten nicht als Wahrheitskriterium; sie seien nämlich Vorstellungen

von sinnlichen Erlebnissen und nicht von äußeren Gegenständen (PH ii

72 f.; ähnlich M vii 354-356). Da dieses Argument die Gattungszuwei-

sung des Wahrheitskriteriums berührt, muß es separat genannt werden.

Es sollte aber nicht in Richtung auf Humes Erläuterung der Skepsis gele-

sen und zu einem massiven Einwand ausgebaut werden; nach Ausweis

des Kontextes ist es so nicht gemeint; vielmehr spielt Sextus nur mit

dem Unterschied von Sinnesorganen und Seele, c) Die anderen Einwände

sind entweder ganz allgemein wie der Hinweis auf die Veränderungsapo-

rie oder auch wie der Rekurs auf dogmatische Kontroversen über die

Existenz eines Zentralorgans; oder sie stützen sich auf bestimmte Aspek-

te des Zentralorgans, insbesondere auf seine pneumatische Substanz. Alle

diese Argumente erstrecken sich auf die theoretische Explikation des

Vorstellungsbegriffs und erzwingen vielleicht sogar deren Revision. Sie

bezweifeln jedoch nicht die Existenz von Vorstellungen und widerspre-

chen nicht der stoischen Annahme, daß das Wahrheitskriterium der Gat-

tung nach eine Vorstellung sei; erst recht berühren sie nicht die nähere

Bestimmung des Wahrheitskriteriums. Insofern sind sie weit vom Kern

der Auseinandersetzung entfernt und können erst in Verbindung mit

anderen Kritikpunkten ein größeres Gewicht erlangen.

(4) Gegen die Konzeption des Kleanthes liegen auch spezifische Ein-

wände vor; es sind die Einwände Chrysipps, denen Sextus sich einfach

anschließt, ferner die bloß vorgeblich allgemeinen Argumente des Sextus

(vgl. (2)). Auch gegen die jüngeren Stoiker, die dem klassischen stoischen

Wahrheitskriterium eine Klausel anfügen, erhebt Sextus einen gesonder-

ten Einwand. Aber man sucht vergebens nach einem Argument, das sich

vornehmlich gegen die Konzeption Chrysipps wendet und ihr auch ange-

messen ist.

(5) Sextus setzt nicht das Argument Humes ein. Er fragt die Dogma-

tiker nicht nach einer soliden Begründung dafür, daß wenigstens ein Teil

unserer Vorstellungen von äußeren Gegenständen verursacht werde.

268

Es zeigt sich also, daß Sextus zwar um die Varianten der stoischen

Erkenntnistheorie weiß und seine skeptischen Zweifel gegen alle diese

Ausprägungen entwickeln möchte, daß er aber gegen die Konzeption Chry-

sipps keine hinreichend triftigen Einwände hat. Diese Schwäche beein-

trächtigt die Überzeugungskraft der pyrrhonischen Skepsis. In der zentra-

len Frage, ob es ein Wahrheitskriterium gebe, die durchdachteste dogma-

tische Gegenposition nicht nachdrücklich entkräften zu können und sich

in der Lehre vom Zeichen sowie in der vom Beweis von vornherein

nur auf frühstoische Positionen zu beziehen, die durch Chrysipp überholt

waren, das fördert nicht die skeptische Urteilsenthaltung, sondern stärkt

eher die Tradition Chrysipps innerhalb der Stoa.

Wenn die Unzulänglichkeit der skeptischen Argumentation bei Sex-

tus soweit richtig beobachtet ist, könnte darin ein Grund liegen, warum

die Diskussion zwischen den Stoikern und den Skeptikern seit dem 1.

Jh. v. Chr. erlahmte und die Qualität der Gegnerschaft trotzdem bis zur

Zeit des Sextus Empiricus ungefähr gleich blieb: Die Pyrrhoneer waren

zwar überzeugt, sich gegen jede dogmatische These durchsetzen zu kön-

nen. Aber gegen die von Chrysipp ausgehende stoische Lehrtradition ge-

lang ihnen das nicht in der wünschenswerten Weise. Die Stoiker mögen

sich deshalb gar nicht ernsthaft angegriffen gefühlt haben und haben sich

vielleicht aus diesem Grund nicht so energisch verteidigt wie vorher ge-

gen die Kritik der Akademiker. Infolgedessen kam die Diskussion nicht

vom Fleck, und weil sie nicht vorankam, blieben die Stoiker für mehr

als 200 Jahre unverändert die Hauptgegner der pyrrhonischen Skepsis.

Daß die Parteien sich während einer derart langen Zeit unbeweglich

gegenüberstanden, wird mehrerlei Gründe gehabt haben. Ein Grund

davon dürfte eine argumentative Schwäche der pyrrhonischen Skepsis

gewesen sein, die es nicht verstand, ihren stärksten Gegner effektiv zu

überwinden.

Sie hätte sich allerdings besser auf ihn einstellen können; und vor

allem hätte sie ihre skeptischen Tropen benutzen können, um andere Ein-

wände gegen die Stoiker zu entwickeln. Damit hätte sie auch gegen Chry-

sipp wirksam vorgehen können; und die Diskussion wäre gewiß anders

verlaufen. Es ist reizvoll, sich zum Schluß zu überlegen, wie eine solche

Auseinandersetzung ausgesehen haben könnte.

269

V

Die Pyrrhoneer hätten auch gegen die von Chrysipp entwickelte

Form der stoischen Erkenntnistheorie wirksam auftreten können. Dazu

boten sich zwei Ansatzpunkte. Indem die Stoiker die erkennende Vorstel-

lung als Wahrheitskriterium ansahen, waren sie erstens der Meinung, daß

die Klarheit und Deutlichkeit dieser Vorstellung deren Wahrheit ver-

bürgt, obgleich sie davon logisch unabhängig ist. Zweitens nahmen sie

an, daß die erkennenden und alle unerkannten wahren Vorstellungen von

äußeren Gegenständen verursacht sind. Die Skeptiker hätten sich auf die-

se Behauptungen konzentrieren und die Stoiker nach soliden Begründun-

gen dafür fragen können. Daraufhin hätten die Stoiker sich aller Voraus-

sicht nach im “Netz des Skeptikers” verfangen43, indem sie entweder

keine weiteren Begründungen mehr zu geben vermochten oder in einen

unendlichen Regreß hineingerieten oder bereits benutzte Begründungen

wiederholten. Je nach Art der Argumentationsschwäche hätte der Skepti-

ker seine Urteilsenthaltung dann entweder mit dem Tropos der unbewie-

senen Voraussetzung oder mit dem des Regresses ins Unendliche oder

mit dem der Diallele begründet. In jedem Fall wäre er zum Ziel gekom-

men. Eine derartige skeptische Strategie hätte als die antike Form des

skeptischen Arguments von Hume gelten können. Sie hätte die von

Agrippa konzipierten skeptischen Tropen gezielt eingesetzt und wäre ge-

gen Chrysipp ebenso erfolgreich gewesen wie gegen alle anderen Stoiker.

Daß es dazu nicht gekommen ist, könnte an dem Preis gelegen ha-

ben, den der pyrrhonische Skeptiker selber hätte entrichten müssen. In

der Erkenntnistheorie und Logik zweifelt Sextus nur an der Erkennbar-

keit der Außenwelt, nicht an ihrer Existenz. Diese war für ihn noch ähn-

lich unstrittig wie das Ziel allen Philosophierens; und weil das, was er-

scheint, aus begrifflichen Gründen immer auf etwas Zugrundeliegendes

zurückverweist44, griff er auf sie bei der Erläuterung der pyrrhonischen

Skepsis wiederholt zurück. Mit der angedeuteten Argumentations Strate-

gie wäre aber auch die Existenz der Außenwelt problematisiert worden,

und die Skeptiker hätten ihr Urteil darüber ebenfalls zurückhalten müs-

270

sen. Das wäre eine Radikalisierung der Skepsis gewesen, die ihnen zu

verwegen erschienen sein mag.

Aber nehmen wir einmal an, die pyrrhonischen Skeptiker hätten ihre

argumentative Chance trotzdem wahrgenommen, sie hätten besagte Be-

denken hintangestellt und wären — eventuell auf eine stoische Nachfrage

hin — sogar entschlossen gewesen, ihre Skepsis zu radikalisieren. Was

hätten die Stoiker ihnen dann antworten können?

Was die Stoiker auf die schwächeren Argumente der Skeptiker

geantwortet haben, ist leider nicht zusammenhängend überliefert. Aus

entsprechenden Hinweisen des Sextus ergibt sich aber, daß man die

Pyrrhoneer einesteils in Widersprüche verwickeln wollte und anderenteils

versucht hat, die skeptischen Argumente gegen ihre Urheber umzu-

kehren45. Außerdem waren die Stoiker überzeugt, daß die erkennende

Vorstellung und überhaupt das menschliche Erkenntnisvermögen uns von

der Natur verliehen seien, damit wir in Übereinstimmung mit der Natur

leben können46. Bei der Widerlegung lag es deshalb besonders nahe,

darauf zu achten, ob die Skepsis mit elementarsten Lebensvollzügen ver-

einbar sei. Die Stoiker versuchten also geltend zu machen, daß der Skep-

tiker, wenn er getreu seiner Auffassung leben wolle, unmöglich eine

menschliche Existenz führen könne47. Darüber hinaus erklärten sie, die

Pyrrhoneer könnten noch nicht einmal wissen, daß sie Menschen sind

oder daß sie ihr Urteil zurückhalten. Diesen zweiten Einwand gegen skep-

tische Erwägungen kannte wohl schon Platon48; Klemens von Alexan-

drien erhebt ihn ausdrücklich gegen die Pyrrhoneer, und daß er gerade

auch von den Stoikern vorgetragen wurde, ergibt sich aus Sextus Empiri-

cus; denn das polemische Argument, in dem er das stoische Ideal des

Weisen gegen die stoischen Schulgrößen ausspielt, führt er ein als eine

Umkehrung von Argumenten, die die Stoiker gegen die pyrrhonischen

271

Skeptiker vorzubringen pflegen49. Von den Skeptikern wurden die Hin-

weise, daß die Skepsis mit elementarer Lebenspraxis unvereinbar sei, ge-

legentlich als deplaziert oder als Mißverständnisse abgetan (z.B. PH i 200;

M xi 162-165: F.D.S. 360). Da die Skepsis noch nicht ihre volle Schärfe

erreicht hatte, waren solche Kritiken vielleicht wirklich übereilt. Aber

wenn nun eine Radikalisierung der Skepsis vorausgesetzt wird, kann das

stoische Interesse an einer (Selbst-) Widerlegung der Skepsis anhand der-

art grundsätzlicher Fragen wieder aufgenommen werden. Wir dürfen also

annehmen, daß die Stoiker sich bemüht hätten, der neu qualifizierten

skeptischen Kritik mit einer ebenso fundamentalen Gegenkritik zu begeg-

nen. Dazu hätte sich die folgende Überlegung angeboten:

Wegen der argumentativen Stärke der skeptischen Tropen, zumal

wenn sie im Verbund eingesetzt werden, sieht es so aus, als könne die

pyrrhonische Skepsis sich immer durchsetzen. Ob ihr das tatsächlich ge-

lingt, weiß man nicht; aber der Skeptiker rechnet damit. Er nimmt also

an und hält es für möglich, daß niemals von irgendeiner Aussage wirklich

gewußt und eingesehen wird, welchen Wahrheitswert sie hat, auch nicht

von so elementaren Aussagen wie “Ich bin ein Mensch” und “Ich halte

mein Urteil zurück”50. Indem er das für möglich hält, aber den Wahr-

heitsanspruch von Aussagen mit Sextus Empiricus noch anerkennt, gibt

er jeden Zusammenhang zwischen Wahrheit und Verifizierbarkeit preis.

Sollte er daran lieber festhalten wollen, so muß er auf den Wahrheitsan-

spruch von Aussagen verzichten und gibt dann jeden Zusammenhang zwi-

schen der Sinnhaftigkeit von Aussagen einerseits und ihrer Wahrheit und

Verifizierbarkeit andererseits auf. Aber von dem “Anspruch” der Aussagen,

einen Sinn zu haben, wird er nicht auch noch absehen können, weil damit

der Anspruch der Sprache, überhaupt verständlich zu sein, aufgegeben

würde. Diesen Anspruch erhebt auch der Skeptiker schon, wenn er seine

philosophische Einstellung nur mitzuteilen versucht. An diesem “Anspruch”

muß also auch vom Skeptiker selbst festgehalten werden. Um ihn zu wi-

derlegen, bleibt dann zu zeigen, daß dieser “Anspruch” der Sprache auf

Verständlichkeit nur dann aufrecht erhalten werden kann, wenn nicht für

272

alle aussagen jeder Zusammenhang zur Verifizierbarkeit preisgegeben

wird51. Dies mit der nötigen Genauigkeit im Detail wirklich nachzuweisen

würde eine ausführlichere sprachanalytische Betrachtung erfordern. Statt-

dessen muß an dieser Stelle der Hinweis genügen, daß Ansprüche auf

sprachliche Verständlichkeit, wenn sie gerechtfertigt werden müssen, in

aller Regel mit Verfahren erläutert werden, die zugleich einen Zusam-

menhang zwischen Wortbedeutung und Verifizierbarkeit hersteilen oder

sichern. Soweit dieser Hinweis einen kunstgerechten Nachweis vertreten

kann, ergibt sich also eine förmliche Widerlegung der Skepsis: Es ist nicht

möglich, daß wir eine verständliche Sprache zu haben beanspruchen und

doch niemals von irgendeiner Aussage wissen, welchen Wahrheitswert sie

hat; der bloße Anspruch auf Verständlichkeit der Sprache stellt sicher,

daß es Aussagen gibt, deren Wahrheit oder Falschheit einsehbar ist.

Um die Urteilsenthaltung auch gegenüber Chrysipp und den ihm fol-

genden Stoikern zu rechtfertigen, sah der Pyrrhoneer sich genötigt, seine

Skepsis zu radikalisieren. Dadurch forderte er die Stoiker zugleich zu einer

neuen, sehr grundsätzlichen Replik heraus, der er sich nun wohl beugen

muß. Er hat deswegen aber keinen Anlaß, die fiktive Auseinandersetzung

ganz verloren zu geben.

Er hat nämlich erreicht, daß die Stoiker selbst auf einem wesentli-

chen Zusammenhang von Verständlichkeit, Wahrheit und Verifikation

bestehen. Obwohl dieser Zusammenhang im Rahmen des ausstehenden

Beweises erst noch weiter ausgearbeitet werden muß, kann man ihn von

den Stoikern schon kritisch einfordern. Der Skeptiker kann ihnen Vorhal-

ten, der Zusammenhang werde von ihnen selbst häufig mißachtet; daher

seien auch die Stoiker selbst zu einer erheblichen Korrektur ihrer Auffas-

sungen gezwungen.

Eine solche Kritik betrifft vor allem den Umgang der Stoiker mit

Vorbegriffen und allgemeinen Begriffen. Neben der erkennenden Vorstel-

lung führte man in der Stoa gelegentlich auch noch andere Wahrheitskri-

terien an; Chrysipp etwa betrachtete auch Sinneswahrnehmung (αἴσθησις)

und Vorbegriff (πρόληψις) als Kriterien (Diog. Laert. vii 54: F.D.S. 255),

273

nach anderen Quellen auch die allgemein üblichen Begriffe (κοιναὶ ἔννοιαι)

(z.B. F.D.S. 310). Diese zusätzlichen Kriterien widersprechen nicht der

sonstigen Darstellung der stoischen Lehre. Denn man darf sie sich nicht

unabhängig von der erkennenden Vorstellung denken. «In their generali-

ty and complexity, preconceptions and common conceptions cover truths

which cognitive impressions, or at least sensory ones, do not transmit

directly; but Chrysippus can be assumed to have regarded these criteria

as complementary to sense-perception, and grounded in the cognitive im-

pressions of which it consists»52. Soviel zur Verbindung der zusätzli-

chen Wahrheitskriterien mit dem Hauptkriterium der Stoiker.

Nun erklärten die Stoiker ebenso wie die Epikureer auf der einen

Seite, alle Vorbegriffe und allgemeinen Begriffe hätten empirische

Grundlagen; mit Blick auf die platonische Tradition war das beiden Schu-

len wichtig53. Aber auf der anderen Seite neigten sie auch beide dazu,

diese Begriffe über den unproblematischen Erfahrungsbereich hinaus in

einer für das allgemeine Verständnis befremdlichen Weise zu gebrauchen;

man bekannte sich auch zu solchen Bedeutungsverschiebungen und gab

jeweils geeignet erscheinende Erklärungen. Von daher war der Stoizismus

voll von Lehren, die auf Begriffen beruhten, welche von den gemeinhin

üblichen Begriffen gewaltig abwichen und die auch mit den Begriffen

anderer Philosophen nicht immer übereinstimmten. Anders gesagt be-

nutzten die Stoiker die Vorbegriffe und allgemeinen Begriffe für man-

cherlei problematische Beweise. Wenn sie z.B. ihre Lehre von der Mi-

schung oder die von der Existenz und Vorsehung der Götter begründe-

ten, stützten sie sich auf bestimmte Vorbegriffe und allgemeine Be-

griffe 54, die aber von anderen Leuten nicht immer so verstanden wurden,

wie die Stoiker sie gebrauchten; von manchen Dogmatikern wurden sie

274

sogar verwendet, um geradewegs entgegengesetzte Thesen zu begründen55.

Die Widersprüche waren unübersehbar..

Zur Rechtfertigung konnten die Stoiker zwar auf die empirischen

Grundlagen aller ihrer Begriffe verweisen. Aber das brachte die Kritiker

nicht zum Schweigen. Angesichts der Widersprüche war klar: Wenn man

vom Ergebnis der Beweise nicht von vornherein aus anderen Gründen

überzeugt war, bildeten die Vorbegriffe und die allgemeinen Begriffe so,

wie sie von den Philosophen benutzt wurden, gewiß keine verläßlichen

Wahrheitskriterien. Die Skeptiker konnten da einhaken, und wie das

Werk Plutarchs zeigt, haben sie das ausgiebig getan. Auch Sextus Empiri-

cus hat sich an der Kritik mit gezielten Bemerkungen beteiligt und in

bewundernswerter Kürze erklärt, es gebe viele konkurrierende allgemeine

Begriffe; welchen man folgen solle, wisse man nicht und enthalte sich

daher des Urteils (M viii 331 a-333 a).

Auf die Dauer blieb das Problem auch den Stoikern nicht verborgen,

und Epiktet scheint versucht zu haben, die Vor- und die allgemeinen

Begriffe als Wahrheitskriterien zu retten. Er hielt an der Widerspruchs-

freiheit und universalen Gemeinsamkeit der Vorbegriffe fest und verlegte

die Quelle des Streits und der Widersprüche in die Anwendung der Vor-

begriffe auf die Einzelfälle (F.D.S. 313). Demgegenüber waren die Skep-

tiker, wie bei Sextus eben zu sehen war, nicht überzeugt, daß es nur

ein einziges System von Vorbegriffen gebe; naheliegenderweise hätten sie

Epiktet also gefragt, worauf er diese Annahme stütze. Und wenn man

sie akzeptiert, fragt sich weiter, wodurch denn gesichert sei, daß Streit

wirklich nur im Bereich der Anwendung aufkommen könne; müßten dazu

nicht bestimmte Anforderungen an die Begriffe gestellt werden, Anforde-

rungen, die von den Stoikern selbst als zu restriktiv empfunden wür-

den56? Der Skeptiker käme also auch angesichts des Vorschlags von

Epiktet zu einer wohlbegründeten Urteilsenthaltung.

Kehren wir nun zu unserem fiktiven Dialog zurück. Der Skeptiker

beugt sich dort dem Argument, daß zwischen der Verständlichkeit der

275

Sprache, dem Anspruch auf Wahrheit und der Möglichkeit einer Verifi-

kation ein gewisser unaufgebbarer Zusammenhang bestehe. Er fordert

daraufhin aber umgekehrt den Stoiker und alle anderen Dogmatiker auf,

diesen Zusammenhang auch selber zu respektieren. Angesichts der Hand-

habung der Vorbegriffe und der allgemeinen Begriffe bei seinen Gesprächs-

partnern wird diese Aufforderung zu einer herben Kritik.

Die widersprüchlichen Ergebnisse, die mit diesen Begriffen hergelei-

tet werden, zeigen, was selbst Epiktet einräumt, daß nämlich die Anwen-

dungsregeln dieser Begriffe unklar sind. Um diesen Mangel zu beheben

und die beeinträchtigte Verständlichkeit der Begriffe zu erhöhen, müßten

sie genau und nachvollziehbar erläutert werden; die Bedeutung der Be-

griffe müßte überprüft und sorgfältig rekonstruiert werden. Am Ende ei-

nes solchen Prozesses würde sich nicht nur zeigen, unter welchen Voraus-

setzungen die stoischen Lehrsätze (teilweise) aufrecht erhalten werden

können und unter welchen nicht. Sondern es würde sich auch zeigen, was

von dem programmatischen Hinweis der Stoiker und der Epikureer zu

halten ist, daß alle ihre Begriffe empirisch begründet seien. Bei vielen

Vorbegriffen und allgemeinen Begriffen der Stoiker dürfte dieser Hinweis

im wesentlichen nicht zutreffen; dort ist der von den Stoikern selbst po-

stulierte Zusammenhang von Verständlichkeit, Wahrheit und Verifika-

tion dann wohl nicht gewahrt. Aber nicht das ist nun der Hauptpunkt

der skeptischen Kritik. Diese setzt vielmehr schon vorher an und bemän-

gelt vor allem, daß die Stoiker sich angesichts der Widersprüche nicht

schon von sich aus daranmachen, die Begriffe in der bezeichneten Weise

zu analysieren und/oder zu rekonstruieren. Indem sie das versäumen, so

wird unser Skeptiker sagen, geben sie ihre Lehrmeinungen als wahr aus,

ohne sich genügend um deren Verständlichkeit zu bemühen, geschweige

denn um ihre Verifizierbarkeit. Damit verletzen sie das von ihnen selbst

eingebrachte Postulat, und in diesem folgenreichen Punkt gewinnt der

Skeptiker den Dialog.

Die Pyrrhoneer wären mit ihren Tropen in der Lage gewesen, die

Urteilsenthaltung gegenüber jeder Gestalt der stoischen Erkenntnislehre

zu etablieren. Tatsächlich haben sie aber schwächere Argumente einge-

setzt und sind gegenüber der von Chrysipp vorgetragenen Gestalt der

Lehre hinter ihrem Ziel zurückgeblieben. Dadurch entstand zwischen ih-

nen und den Stoikern eine argumentative Pattsituation, die lange andau-

276

erte; das Werk des Sextus darf als deren Ausdruck gewertet werden. An

diese Situation knüpft der im vorangehende skizzierte fiktive Dialog an.

Er ist durch zweierlei bestimmt. Einerseits soll er nicht aus den tat-

sächlich ausgetauschten, sondern aus fiktiven Argumenten bestehen, die

jeweils im Sinne desjenigen zwingend sind, der sie vorbringt. Anderer-

seits sollen diese Argumente sich, obwohl fiktiv, doch so eng wie möglich

an nachweisbare argumentative Schwerpunkte der beiden Seiten anleh-

nen. Entsprechend diesen Vorgaben führt der Dialog zwischen den pyr-

rhonischen Skeptikern und den Stoikern um die Möglichkeit oder Un-

möglichkeit wirklicher Erkenntnis unverzüglich über die Pattsituation

hinaus, wird sehr fundamental und ändert seinen Charakter. Und zwar

erreicht die Auseinandersetzung sofort das in der Neuzeit gewohnte radi-

kale Problembewußtsein. Jedoch verwandelt sie sich nicht von einer

antiken erkenntnistheoretischen in eine neuzeitliche erkenntniskritische

Diskussion; sondern sie ist moderner und entpuppt sich im Grunde als

ein sprachanalytischer Diskurs. Daran mag es liegen, daß von den ur-

sprünglichen Kontrahenten am Ende keiner als Verlierer darsteht; beide

haben eine Einsicht gewonnen.

1.
Das geht z.B. aus einer Stelle bei Galen recht gut hervor: «Was also hindert

uns, davon ein präzises Wissen zu haben, solange wir in der Lage sind, einen Beweis

der These zu formulieren, und solange die besten Philosophen, die auch du selbst

bewunderst, mit Hippokrates und untereinander übereinstimmen, es sei denn, jemand

meine, die Meinungsverschiedenheit sei ein ausreichendes Zeugnis dafür, daß die

These sich unserer Kenntnis entziehe, und wäre damit unversehens zu einem Skepti-

ker anstatt zu einem Stoiker geworden?», Gal. adv. Iul. v 8: F.D.S. ( = Die Fragmente

zur Dialektik der Stoiker.
Neue Sammlung der Texte mit deutscher Übersetzung und

Kommentaren, hrsg. von K. Hülser, 4 Bde., Stuttgart 1987/1988) 362. Die Über-

setzung in F.D.S. ist nicht ganz korrekt.
2.
Vgl. D. Hume, An Enquiry Concerning Human Understanding, in D. Hume,

The Philosophical Works, ed. by Th. H. Green and Th. H. Grose, iv (new edition)

London 1882, sect. xii, S. 3-135.
3.
D. Hume, op. cit., S. 125.
4.
Vgl. die “allgemeine” Erörterung der skeptischen Philosophie in PH i pas-

sim
, außerdem einzelne Stellen wie etwa M viii 357.
5.
Vgl. z.B. M. Frede, Stoics and. Skeptics on Clear and Distinct Impressions, in

The Skeptical Tradition, ed. by M. Burnyeat, Berkeley 1983, S. 65-93, bes. 86-92;

A. A. Long-D. N. Sedley, The Hellenistic Philosophers, 2 Bde., Cambridge 1987

(= L.-S.), I, S. 251 f.
6.
So wurde in die Definition der erkennenden Vorstellung schon von Zenon

ein drittes Merkmal aufgenommen («wie sie von etwas nicht Bestehendem her nicht

entstehen könnte»); jüngere Stoiker machten später noch weitere Zusätze: F.D.S.

33, 255-257, 329-341; L.-S. § 40, i, S. 250 f. Siehe auch unten S. 251 f.
7.
Vor allem Chrysipp hat sich hier hervorgetan und wohl auch viel von den

Akademikern gelernt; vgl. z.B. Diog. Laert. vii 183 f.: F.D.S. 154.
8.
Die zehn Tropen Änesidems (vgl. L.-S. § 72) eignen sich dazu noch nicht und

wurden von ihm auch nicht zu diesem Zweck eingesetzt. Denn sie weisen bloß auf,

daß Erscheinungen nicht objektiv sind, und zeigen nicht, daß objektive Erkenntnis

unmöglich sei. «The upshot is that all appearances are determined by relativity to

factors over and above the intrinsic nature of the appearing object, and that there is

therefore no uncontaminated viewpoint from which the conflicts between them can

be arbitrated. Consequently we are compelled to suspend judgement about the nature

of things» (Sedley in L.-S. i, S. 487). Zur Leistungsfähigkeit der fünf Tropen Agrippas

weiter unten S. 269.
9.
M vii 93 = Poseidonios, Frgm. 461 Theiler (Poseidonios. Die Fragmente, hrsg.

von W. Theiler, 2 Bde., Berlin/New York 1982) verweist Sextus auf Bemerkungen des

Poseidonios zu Platons Timaios. Theiler führt diese und noch andere Stellen auf

Poseidonios’ Schrift Περὶ κριτηρίου zurück, vgl. Poseidonios cit., i, S. 380, n, S. 403.
10.
Von Chrysipp wurde die Lehre von der Erkenntnis wahrscheinlich noch im

Zusammenhang der Naturphilosophie oder der Ethik behandelt. Vgl. F.D.S. Bd. 1,

S. liii f. und J. Mansfeld, Diogenes Laertius on Stoic Philosophy, in Diogene Laerzio

storico del pensiero antico
, «Elenchos», vii (1986) S. 295-382, bes. 362-4.
11.
Diog. Laert. vii 49 (F.D.S. 255). Vgl. zu den Gliederungsvarianten der

stoischen Logik-Lehrbücher auch Diog. Laert. vii 43-46 (F.D.S. 33) und die Über-

sicht in F.D.S. Bd. 1, S. lxxviii-xc.
12.
Vgl. z.B. schon D. Hume, op. cit., S. 132.
13.
Gelegentlich hat auch Sextus selbst das so dargestellt. Vgl. z.B. PH i 12;

215; 220-235; M vii 27 (weiter unten zitiert).
14.
Vgl. D. Sedley, The Motivation of Greek Skepticism, in The Skeptical Tradi-

tion,
cit., S. 9-29, bes. 21 f.
15.
Wie Sextus feststellt, fühlte man sich allgemein «beunruhigt durch die

Unregelmäßigkeit in den Sachen und ratlos, welchen von ihnen man eher zustimmen

sollte» (PH i 12), und strebte aus dieser Lebenserfahrung heraus durchweg nach

Seelenruhe.
16.
Diog. Laert. vii 129 (F.D.S. 361): «Sie [seil, die Stoiker] sind der Ansicht,

daß man die Philosophie auch nicht wegen der Meinungsverschiedenheit [unter den

Philosophen] aufgeben dürfe, weil man aufgrund dieses Arguments dem ganzen Leben

zu entsagen hätte, wie auch Poseidonios in seinen Protreptischen Reden sagt». Vgl.

ferner Cic. ac. pr. ii 31, 37 f. (L.-S. 40N; 400/F.D.S. 363); Sext. Emp. M xi 162-165

(F.D.S. 360).
17.
Vgl. vor allem PH i 208 und 201.
18.
PH i 206: Der Skeptiker versichert nichts über die unbedingte Wahrheit

seiner eigenen Aussagen; diese sind möglicherweise ebenso schwach wie die Meinun-

gen der Gegner und heben sich mit ihnen auf.
19.
PH i 16 f., 202-204. Vgl. für das “bis jetzt” z.B. auch PH i 200, 201; in

70; M viii 257, 401, 427, 428; xi 229.
20.
Näheres supra, S. 239.
21.
PH ii 12 f.; M vii 2-19. Die Orientierung an einer bestimmten Gruppe von

Dogmatikern entspricht in diesem Fall dem wohlverstandenen Eigeninteresse des

Sextus und bringt ihm eher Vor- als Nachteile. Er möchte ja die Auffassungen der

Dogmatiker umfassend entkräften und ist sich sicher, dieses Ziel erreichen zu kön-

nen. Wenn er bei seinen Erörterungen also eine möglichst vollständige Themenliste

zugrundelegt, ist am Ende für ein Maximum dogmatischer Thesen vorgeführt, wie

wenig Zustimmung sie verdienen. Für die Überzeugungskraft des Skeptikers kann

eine derart umfangreiche Demonstration nur günstig sein.
22.
PH ii 13; M vii 24. An der ersten Stelle formuliert Sextus Empiricus seinen

Gedankengang außerordentlich kurz; wirklich verständlich wird er erst an der zwei-

ten Stelle.
23.
Siehe einerseits PH ii 18, andererseits M vii 27 (im folgenden zitiert).
24.
Vgl. PH ii 19: «Diesen Widerstreit werden sie [scil. die Dogmatiker] entwe-

der entscheidbar nennen oder unentscheidbar. Wenn unentscheidbar, geben sie eben

damit zu, daß man sich zurückhalten müsse. Wenn aber entscheidbar, mögen sie

uns sagen, wodurch er entschieden werden soll, wo wir doch weder ein anerkanntes

Kriterium besitzen noch überhaupt wissen, ob es so etwas gibt, sondern danach fra-

gen». — J. Barnes hat kürzlich darauf hingewiesen, daß Meinungsstreitigkeiten, in

denen der Skeptiker selbst Partei ist, sich kurioserweise gerade aufgrund dieser Beteili-

gung des Skeptikers auch zu dessen Gunsten entscheiden. Bei einem ernsthaften Mei-

nungsstreit ist nämlich zu unterstellen, daß jede Seite ihre Sache seriös erwogen hat

und daß sich kein Weg zeigt, den Streit überzeugend zu entscheiden. Vernünftiger-

weise muß man ihn also unentschieden lassen und sich des Urteils enthalten. Wenn

— wie in unserem Fall — der Skeptiker eine Partei des Meinungsstreits bildet, heißt

daß, man muß sich dem Skeptiker anschließen und dadurch den Streit entscheiden

(vgl. J. Barnes, The Toils of Scepticism, Cambridge 1990, S. 17 ff.; der Beweis für

die eigentümliche Entscheidung des Streits S. 23). Sextus scheint diese sonderbare

Eigenschaft des Grundkonflikts zwischen den Philosophien gekannt zu haben; vgl.

nämlich außer der eben zitierten Stelle auch M viii 160.
25.
Siehe supra, Anm. 21.
26.
F.D.S. 33, 255-257, 329-341 und öfter. Eine beachtliche Zahl dieser Texte

stammt von Sextus Empiricus. Siehe auch L.-S. § 40 mit dem Kommentar von Long,

in Bd. I, S. 249-53.
27.
Genaueres unten S. 261 ff.
28.
Die folgende Liste mag einen Teil dieser Gegenkritik und einige von Sextus

in anderen Bereichen referierte antiskeptische Argumente der Stoiker andeuten: M

vii 259 (F.D.S. 354): Die Bestreitung, daß eine Vorstellung das Kriterium sei, sei

selbst eine Behauptung aufgrund einer anderen Vorstellung. — 440-442 (F.D.S. 358):

Die skeptische Bestreitung, daß es ein Kriterium gebe, laufe auf die Behauptung hin-

aus, daß es kein Kriterium gebe, die ihrerseits unbegründet sei oder ein Kriterium

voraussetze. Ferner sei es nicht unsinnig, zuzulassen, daß etwas sein eigenes Kriteri-

um sei. — viii 275-284 (F.D.S. 1031, 1185): Argumente zur Existenz des Zeichens. —

463-469 (F.D.S. 1187): Beweis des Beweises aus der skeptischen Bestreitung des Be-

weises (s.a. PH ii 185-187: F.D.S. 1188). Ferner ein Kettenschluß zur Existenz des

Beweises. — M ix 204-206 (F.D.S. 1189): Beweis der Ursache aus ihrer skeptischen

Suspendierung. — xi 162-165 (F.D.S. 360): Skepsis führe zur Untätigkeit oder zur

Inkonsistenz. — Diese Entgegnungen bringen allerdings in der Regel keine neuen

Gesichtspunkte mehr ein, sondern versuchen lediglich, die skeptischen Argumente

gegen sich selbst umzudrehen; und Sextus findet immer einen Weg, den Repliken

die Durchschlagskraft zu nehmen.
29.
M viii 258: F.D.S. 704. Basileides soll erklärt haben μηδὲν εἶναι ἀσώματον.

Sextus versteht das als Abweichung von der orthodoxen stoischen Lehre; sein Text

besagt dann: «daß es nichts Unkörperliches gebe». Basileides könnte aber ganz im

Gegenteil auch sehr Orthodoxes gesagt haben. Das εἶναι in der Nachricht des Sextus

könnte nämlich im Sinne der ontologischen Terminologie der Stoiker zu verstehen

sein. Die Notiz bedeutet dann, «daß nichts Unkörperliches sei», und das ist alte

stoische Lehre. Was Basileides gemeint hat, ist also ganz unklar.
30.
Als es noch keine Alternative zu dieser Sicht gab, hat Frede ihr Für und

Wider in instruktiver Weise dargestellt; vgl. M. Frede, Die stoische Logik, Göttingen

1974, S. 9 ff.
31.
Die größte Differenzierung wurde mit einer Studie von J. Brunschwig er-

reicht (vgl. Proof defined, in Doubt and Dogmatism. Studies in Hellenistic Epistemology,

ed. by M. Schofield-M. Burnyeat-J. Barnes, Oxford 1980, S. 125-60, bes. 159 f.),

der in den Berichten des Sextus insgesamt vier Beweisbegriffe ermitteln zu können

glaubte, von denen je einer auf Zenon von Kition, Kleanthes, Chrysipp und einen

Redaktor, wahrscheinlich Sextus Empiricus selbst, zurückgehen sollte.
32.
Vgl. D. Sedley, Diodorus Cronus and Hellenistic Philosophy, «Proceedings of

the Cambridge Philological Society», cciii (1977) S. 74-120, bes. 74-8. — K. Döring,

Gab es eine Dialektische Schule?, «Phronesis», xxxiv (1989) S. 293-310, hat gegen

Sedleys Feststellungen über eine eigenständige Dialektische Schule Bedenken vorge-

tragen, die in unserem Zusammenhang jedoch, wie auch Döring selbst andeutet

(S. 295 Anm. 4), nicht berücksichtigt werden müssen.
33.
Th. Ebert, The Origin of the Stoic Theory of Signs in Sextus Empiricus, «Ox-

ford Studies in Ancient Philosophy», v (1987) S. 83-126.
34.
Th. Ebert, Dialektiker und frühe Stoiker bei Sextus Empiricus. Untersuchun-

gen zur Entstehung der Aussagenlogik
, Göttingen 1991 (“Hypomnemata” xcv), S.

219-302.
35.
Von logischen Lehrstücken Chrysipps berichtet Sextus an folgenden Text-

stellen: PH i 69 Hundesyllogismus; — ii 253 Lösung des Sorites; — M vii 229, 372 f.

die Vorstellung als Veränderung des Zentralorgans; — 416 Lösung des Sorites; —

viii 223 Gebrauch des Terminus “unbeweisbar”; — 400 die Vorstellung als Verän-

derung des Zentralorgans; — 443 keine Argumente mit nur einer Prämisse; — xi

vollständige Einteilung und allgemeiner Satz.
36.
Siehe PH ii 157-159: F.D.S. 1128, auch M viii 224-227: F.D.S. 1131. Chry-

sipps Name fällt in diesem Zusammenhang allerdings nicht.
37.
Vgl. PH ii 146-151: F.D.S. 1111 (die ältere Version) und M viii 428-435:

F.D.S. 1110 (von Chrysipp beeinflußt); dazu Th. Ebert, Dialektiker cit., S. 131-75.
38.
Siehe auch Plut. de comm. not. 47: F.D.S. 281.
39.
Vgl. auf der einen Seite PH ii 72-75, auf der anderen Seite M vii 354-358.
40.
A. A. Long, Hellenistic Philosophy. Stoics, Epicureans, Sceptics, London 1974

(19862), S. 128 f., äußerte sich in Richtung auf die zweite Alternative. Inzwischen

scheint er aber die erste Auffassung zu unterstützen, so daß auch die jüngeren

Stoiker als orthodox angesehen werden können; vgl. L.-S. i, S. 251 f.
41.
[...] ὅπερ oὐ διενήνοχε τοῦ φάναι κατὰ ἀναστροφὴν καὶ τὸ φανταστὸν ἑαυτοῦ

τε καὶ τῆς φαντασίας εἶναι δοκίμιον.
42.
Das nährt den Verdacht, daß Sextus oder vielmehr seine Gewährsleute ur-

sprünglich gegen die von Kleanthes unterstützte Version der stoischen Erkenntnisleh-

re gestritten und erst nachträglich versucht haben, ihre Überlegungen auch auf Chry-

sipp auszudehnen, ohne sich von der eigentümlichen Stärke dieses Gegners genügend

Rechenschaft zu geben.
43.
Vgl. J. Barnes, op. cit., S. 113 ff.
44.
PH i 15, 19, 45, 48, 54 f., 61, 99, 102, 135, 163, 208, 215 und öfter.
45.
Vgl. insbesondere PH i 200; ii 131 (F.D.S. 1077); 185-187 (F.D.S. 1188); M

vii 433 (F.D.S. 360 a); viii 278-280 (F.D.S. 1031); 281-284 (F.D.S. 1185); 463-469

(F.D.S. 1187); ix 204-206 (F.D.S. 1189).
46.
Vgl. M vii 259 f. (F.D.S. 354); Cic. ac. pr. ii 22 (F.D.S. 346), 30 f., 37 ff.

(F.D.S. 363), 42 = L.-S. 40K, 40M, 40N, 40O, 41B.
47.
Näheres supra, S. 243.
48.
Vgl. Phaedr. 260 a.
49.
M vii 433: F.D.S. 360 A. Vgl. supra, S. 248.
50.
Der Skeptiker müßte diese unangenehmen antiken Beispiele jetzt gelten

lassen.
51.
..., was natürlich nicht heißen soll, jede beliebige Aussage müsse, um ver-

ständlich zu sein, auch verifizierbar sein. Gegen eine solche These gäbe es gar zu

viele schlagende Gegenbeispiele!
52.
Long, in L.-S. ι, § 40, S. 252 f. mit den nötigen Belegen.
53.
Vgl. für die Stoiker F.D.S. 276 ff., 300 ff. u. ö. sowie L.-S. § 40, für die

Epikureer, ibid. § 17.
54.
Vgl. für die Lehre von der Mischung L.-S. § 48, speziell das Referat Ale-

xanders von Aphrodisias, de mixt, ιιι-iv, auch in F.D.S. 310. Was die Lehre von

den Göttern betrifft, wird auf die Funktion der Begriffe an einer Stelle sogar grund-

sätzlich hingewiesen: Diog. Laert. vii 52 (F.D.S. 255). Vgl. in übrigen auch die ver-

schiedenen Berichte von den theologischen Argumenten der Stoiker: L.-S. § 54.
55.
Die Peripatetiker hatten ein anderes Verständnis der Mischung als die Stoi-

ker; vgl. die erwähnte Studie Alexanders, daraus auch F.D.S. 177. Die Epikureer

vertraten eine entgegengesetzte Theologie; s. L.-S. § 23.
56.
So Long, in L.-S. i, S. 253.


Karlheinz Hülser . :

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