DAS DRITTE BUCH DES DIOGENES LAERTIOS
Olof Gigon
DAS DRITTE BUCH DES DIOGENES LAERTIOS

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Im ganzen gesehen folgt das Buch, das Platon gewidmet ist, dem

allgemeinen Schema der Biographien von Philosophen: Lebenslauf von

der Geburt bis zum Tode (1-47), dann das Oeuvre (47-66), endlich

die Lehre (67-109); das Oeuvre, also die Schriften werden als ein

System vorgeführt, desgleichen die Lehre, da eine Eingliederung in

den Lebenslauf bei den Schriften nur in einzelnen Fällen möglich ist,

bei der Lehre sich von vorne herein beinahe ausschliesst; das antike

Denken kennt ja den Begriff einer geistigen Entwicklung, wie er uns

seit Goethe vertraut ist, nicht. Dieses Schema ist nun durch drei grosse

Einlagen aus dem Gleichgewicht geraten.

Die erste Einlage ist das lange Zitat aus dem Werke eines Alkimos

an einen Amyntas (9-17). Ich betone hier sofort gegen Jacoby und

andere (vgl. FGrHist 560 F 6 mit Kommentar), dass alle bisherigen

Identifikationen sowohl des Verfassers wie auch des Adressaten freie

Hypothesen sind. Wir wissen von dem Werke nur das, was uns das

Zitat selber lehrt. Das Ziel des Alkimos scheint es gewesen zu sein,

die Bedeutung Epicharms als Philosophen herauszuarbeiten. Dazu darf

man erinnern an Diogenes Laertios ( Diog. Laert. I 42) wonach

Epicharm zuweilen zu den Sieben Weisen gezählt wurde, dann an

Aristoteles metaph. Γ 5. 1010 a 6, endlich und vor allem an Platon

Theaet. 152 e, wo Platon eine eigentümliche philosophiegeschichtliche

Konstruktion vorträgt, die er sicherlich nicht selber geschaffen, sondern

schon vorgefunden hat. Als Vertreter der Lehre vom πάντα ῥεῖ werden

zuerst zwei Philosophen genannt, ein Prosaiker (Heraklit) und ein

Dichter (Empedokles) dann zwei dramatische Dichter, der Archeget

der Tragödie (Homer) und derjenige der Komödie, Epicharm. Es ist

kaum zu bezweifeln, dass der Verfasser dieser Konstruktion zu jedem

der vier Namen Zitate als Belege beigebracht hat. Der Einsatz unseres

Zitates bei Diog. Laert. φαίνεται δὲ καί Πλ. scheint anzudeuten, dass

auch andere Philosophen erwähnt waren, die den Einfluss Epicharms

erfahren haben. Die Behandlung Platons ist in keiner Weise polemisch.

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Was als seine Doktrin den Versen Epicharms gegenübergestellt wird,

lässt sich nur teilweise aus den Dialogen ableiten; überraschend ist

in 13 das wörtliche Zitat aus dem Parm. 132 D, also aus einem

Dialog, den Aristoteles überhaupt nirgends berücksichtigt zu haben

scheint (vgl. Bonitz Ind. 598 A 9-599 A 17). Es bleibe dahin gestellt,

welche Konsequenzen aus diesem einigermassen singulären Zitat gezogen

werden können.

Der Text ist keineswegs fehlerfrei überliefert, doch auch darauf

gehe ich nicht näher ein; ich bemerke nur, dass im ersten Epicharm-

zitat zwischen dem ersten und dem zweiten Vers eine Lücke angesetzt

werden muss, und dass die Verse 2-6 und die Verse 7-18 unmittelbar

nichts miteinander zu tun haben.

Diog. Laert. selber hat das Zitat eingeschaltet als eine biblio-

graphische Rarität und um zu zeigen, dass Platon im Westen nicht nur

sich die drei Bücher des Pythagoras verschafft und aus ihnen gelernt

hat (9), sondern eben auch durch Epicharm beeinflusst wurde. Höchst

eigenartig ist die Notiz bei Suidas Δ 1178, Dionysios II. habe ein

Buch Περὶ τῶν ποιημάτων Ἐπιχάρμου geschrieben; ich wage keine

Konsequenzen daraus zu ziehen.

Anders zu beurteilen ist die Notiz über Sophron, die Diog. Laert.

auf das Zitat aus Alkimos folgen lässt (18). Sie gehört in die Nähe

der Erzählung des Herakleides vom Pontos Frg. 6 W., wonach Platon

den Epiker Antimachos von Kolophon bewundert und sich energisch

für ihn eingesetzt haben soll (vgl. Plut. Lysandr. 18,8 und Cic.

Brut. 191). Das sind Dinge, die an die Biographik des Antigonos

ran Karystos erinnern.

Die zweite Einlage beginnt mit der bekannten, vielfach diskutierten

Widmung an eine Dame, die als φιλοπλάτων charakterisiert wird (47).

Ihr zuliebe will der Verfasser von der Eigenart und der Anordnung

der Werke Platons, aber auch in Kürze von dessen Lehre sprechen

(dazu P. von der Mühll, Kl. Schriften, 1976, S. 388 ff.). Was nun folgt,

darf man als Prolegomena zum Studium der Opera omnia Platons

bezeichnen (47-66). Der Text hebt sich durch seine Uebersichtlichkeit

stark von seiner Umgebung ab; umgekehrt ist von Enkomiastik, wie

wir sie auf Grund der Widmung erwarten dürften, keine Rede. Das

Ganze Hesse sich mindestens in einigen Teilen mit den Prolegomena

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zum Studium der Werke des Aristoteles vergleichen, wie sie den

spätantiken Kategorienkommentaren vorausgeschickt zu werden pflegen;

wir besitzen sie in neuplatonischer Uebermalung, doch dürfte ihre

Substanz bis auf Andronikos von Rhodos zurückgehen (vgl. dazu auch

die Prolegomena in Plat. ed. Westerink). Was als doxographischer

Abriss geboten wird (67-80) ist kompositorisch und sachlich von sehr

bescheidener Qualität. Die Vermutung bleibt legitim, dass Diog. Laert.

den ganzen Block 47-66 mehr oder weniger unverändert aus einem ihm

vorliegenden älteren Autor abgeschrieben hat. Es kommt ja dazu auch

der Konflikt der Widmung mit der Anrede in x 29, die doch wohl

an einen Epikureer gerichtet ist. Wenn schliesslich x 138 das Gesamtwerk

enden lässt mit der Pointe, dass das τέλος des σύγγραμμα gleichzeitig

die ἀρχή der εύδαιμονία sei, so ist es nicht leicht, der Folgerung zu

entgehen, dass derjenige, der dies schreibt, selbst ein Epikureer ist.

Jedenfalls ist es so gut wie ausgeschlossen, in dem σέ von x 29 (der

Schluss des Satzes ist zerstört und nicht sicher wiederherstellbar) dieselbe

Dame zu sehen, die in m 47 als φιλοπλάτων apostrophiert wird. Man

darf subsidiär darauf hinweisen, dass Diog. Laert. zwar, nach Objektivität

strebend, bei Epikur wie bei Platon und Aristoteles, um nur diese zu

nennen, neben Aeusserungen der Anerkennung und Bewunderung auch

Aeusserungen der Feindschaft registriert, aber nur bei Epikur die

Behauptungen der Feinde (3-8) mit aller Schärfe zurückweist (9). Soweit

es überhaupt möglich ist, Diog. Laert. als Person zu fassen, darf man

vermuten, dass er Epikur näher stand als Platon.

Die dritte Einlage sind die Diaireseis (80-109), ein geschlossenes

Ganzes, das so umfangreich ist, dass Diog. Laert. sich gezwungen sah,

den Bericht über die ethischen Lehren Platons (78-80), der auf ein

doxographisches Sammelwerk zurückgeht, auf das äusserste zu kürzen.

Was Diog. Laert. bietet, ist eine von drei Fassungen (es kann noch

mehrere gegeben haben) desselben Grundtextes, alle drei in der Form

eines völlig zerlesenen Handbuches, wobei nicht nur die Theoreme auf

ihre primitivste Form reduziert, sondern auch Probleme der theoretischen

und der praktischen Philosophie, Thesen Platons und des Aristoteles

achtlos durch einander geworfen sind. Dabei ist keine der (uns bisher

bekannten) drei Fassungen die ursprüngliche. Sie ergänzen einander alle

gegenseitig, so wie (um das für uns nächste Beispiel zu nennen) die

138

vier als ganzes fassbaren Platonviten (Diog. Laert., Apuleius, Olymp.

comm. in Alc. I p. 1-9 ed. Westerink, Prolegomena in Plat. p. 3-15 ed.

Westerink) einander gegenseitig ergänzen: jede Einzelne bringt Dinge,

die die übrigen nicht haben und lässt Anderes aus, was die übrigen

bewahren. Der Kommentar von C. Rossitto (1984) ist ausserordentlich

verdienstvoll, doch kann man wohl in manchen Fällen noch weiterkom-

men bis zu jenem Punkte, an dem hinter den Banalitäten ernsthafte

und bedeutende Thesen sichtbar werden.

Was übrig bleibt, ist zweierlei.

Einmal eine Biographie im strengen Sinne (1-47), in der es von

Unklarheiten und Widersprüchen derart wimmelt, dass man mit der

einfachen Erklärung, Diog. Laert. sei eben nur ein elender Skribent,

nicht mehr auskommt. Es muss dieser Inkohärenz, die auch dem antiken

Leser kaum entgangen sein kann, ein Prinzip zugrundeliegen. Diog. Laert.

will augenscheinlich gerade nicht einen kompakten Lebenslauf erzählen,

in dem Alles mit Allem zusammenhängt und Alles sich durch Alles

erklärt, sondern er sammelt bestimmte präzise Informationen, womöglich

von wenig bekannten Autoren: dass für den Demos Platons der kaum

bekannte Antileon bemüht wird (3) und für die Kritik an Platons

Sizilienreisen Ciceros rhodischer Lehrer Apollonios Molon (34), als

ob nicht schon die gesamte Briefliteratur des frühen Hellenismus, von

der noch öfters die Rede sein wird, dazu diente, eine derartige Kritik

abzuwehren, ist charakteristisch; vgl. schon den Siebenten Brief und

seine Andeutung 328 c. Es kommt ihm auf die Pointe an, die in jeder

einzelnen Information enthalten ist, nicht auf die Zusammenordnung

der verschiedenen Informationen zu einem in sich kohärenten Bilde.

An Einzelheiten notiere ich zu diesem Stück nur die sonderbare

Dürftigkeit der Apophthegmata (38-40), verglichen mit dem viel

reicheren Angebot des Gnomologium Vaticanum Sternbachs (Nr. 423-

449), dann die Eigentümlichkeit des sog. Testamentes (41-43), das,

verglichen etwa mit dem Testament des Aristoteles (v 11-16) nicht

viel mehr ist als ein Nachlass Verzeichnis.

An der Doxographie endlich fällt auf, dass im Gegensatz nicht

nur zu 1-47, sondern auch zu 47-66 Zitate und Belege völlig fehlen,

dann auch, dass trotz 56 die Dreiteilung der Philosophie nicht

respektiert wird. Die Physik (67-77) wird weitgehend im Anschluss

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an den Timaios abgehandelt, die Ethik (78-80) bleibt zumeist in densel-

ben allgemeinen doxographischen Kategorien, die auch in V 31; VI 11;

VII 121; X 117-121 benutzt werden. Die Dialektik muss sich mit

drei in 79 eingeschobenen Zeilen begnügen.

Doch wenden wir uns nun zu den Sachen selber. Ich beschränke

mich dabei auf eine Untersuchung von 1-47 und gebe auch da an

dieser Stelle keinen Kommentar, sondern greife die zwei Problemkreise

heraus, von denen man behaupten kann, dass sie die Biographie

Platons überhaupt beherrschen.

Der erste Kreis betrifft die Herkunft von Platons Philosophie:

Ist Platon in letzter Instanz ein Schüler des Sokrates gewesen, wie dies

die Dialoge vermuten lassen, oder war er vielmehr ein Schüler der

Pythagoreer, wie dies eine Tradition erklärt, die repräsentativ vor allem

in Aristoteles metaph. A 6 zu Worte kommt? Der zweite Kreis stellt

Platon als Theoretiker und Praktiker der Politik in Frage: Welchen

Sinn haben seine drei Reisen nach Syrakus gehabt? Beweist ihr

Misserfolg, dass Platons Forderung in resp. 473 c-e ein für alle Male

unerfüllbar ist, weil Macht und Weisheit sich niemals unter einander

werden verständigen können, oder ist das Ganze bloss eine von

unglücklichen Zufällen verfolgte Episode gewesen, auf die sich Platon

in der Mitte seines Lebens aus nicht völlig durchsichtigen Gründen

eingelassen hat?

Ich hebe hier nur ein Moment hervor, weil es blitzartig beleuchtet,

wie es hinsichtlich dieser beiden Probleme mit der historischen

Dokumentation steht. Wer sich bemüht, die einschlägigen Texte in

ihrem vollen Umfang zu überblicken (soweit dies beim gegenwärtigen

Stand der Forschung möglich ist), wird bald zu seinem Staunen

bemerken, dass ihm die Tradition die verschiedensten Interpretationen

anbietet. Der Bestand and schlechthin unanfechtbaren Tatsächlichkeiten

scheint so gering zu sein, dass der Manipulation und Ausdeutung ein

überaus grosser Spielraum zur Verfügung stand.

Dies sei an vier Fragen dargestellt; die erste geht den ersten

Problemkreis an, die dritte und vierte den zweiten, die zweite schliesslich

berührt den ersten wie den zweiten Kreis. Die erste Frage: wohin gehört

Platons Philosophie? Die zweite: was ist der Sinn und die Absicht

seiner Reisen gewesen? Die dritte: wie wird Dionysios II. der Gegens-

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pieler Platons in Syrakus geschildert? Die vierte: wie wird Dion

dargestellt, der zwischen Platon und Dionysios II. sozusagen in der

Mitte steht?

Wie hat Platon zu philosophieren begonnen?

Die Antwort des Aristoteles metaph. A 6. 987 a32-b 1 ist klar.

Von Jugend auf ist Platon zu allererst vertraut mit Kratylos, der ihm

die Lehren des Heraklit vermittelte; nach diesen Lehren ist die Welt

des Wahrnehmbaren im steten Fluss, und eine Episteme gibt es von

ihr nicht. An dieser Lehre hat Platon nach Aristoteles dauernd

festgehalten.

Mit diesem Bericht stimmt überein, was sich zunächst aus Diog.

Laert. III 5 entnehmen lässt: ἐφιλοσόφει δὲ τὴν ἀρχὴν [...] καθ’ Ἡρά-

κλειτον. Auch Diog. Laert. III 8, der Fundamentalsatz, der erklärt,

Platons Lehre sei eine μῖξις aus drei philosophischen Logoi, wird so zu

verstehen sein; denn da steht der Logos Heraklits an der Spitze, ihm

folgt komplementär derjenige des Pythagoras und dann erst für die poli-

tische Philosophie Sokrates. Dies lässt sich für die Einordnung Heraklits

und des Pythagoras mit der Mitteilung des Aristoteles zur Deckung brin-

gen, nicht aber für Sokrates. Was nach 987 b 1-4 Platon an Sokrates

entscheidend beeinflusst, ist gerade nicht die Wendung zu den Ethika,

sondern die sokratische Frage nach dem καθόλου und die Methode

des ορισμός. Denn dies beides wird eine unentbehrliche Voraussetzung

der Ideenlehre, die als solche allerdings erst durch den Kontakt mit

den Anschauungen der Pythagoreer zustande kommt. Eine erschöpfende

Interpretation der Stelle müsste hier einesteils eth. Nic. A 4. 1096 a 11-

b 8, andernteils die schlecht formulierte, aber nicht ganz unwichtige

Parallele dazu in m. mor. A 1. 1182 a 11-32 heranziehen; darauf müssen

wir in dem vorliegenden Kontext verzichten. Ein offene Frage bleibt,

ob in III 58 die Eingliederung des Dialogs Kratylos an der Spitze der

zweiten Tetralogie des Thrasyllos (die erste Tetralogie ist ganz um

den Tod des Sokrates gruppiert) mit der privilegierten Stellung des

Kratylos als Lehrer Platons (vgl. Prokl. comm. in Plat. Crat. p. 4, 7 ed.

Pasquali) zusammenhängt. Anders akzentuiert ist ein Apophthegma des

Sokrates bei Ariston Frg. 29. 30 W.

Für uns viel wichtiger ist, dass nicht nur eine, sondern gleich

zwei Traditionen dem Bericht des Aristoteles radikal widersprechen.

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Die eine Tradition geht aus von dem Text, den man gerne als das für

die Lebensgeschichte Platons weitaus wichtigste Dokument bezeichnen

möchte, das Πλάτωνος περίδειπνον, das Platons eigener Neffe Speusip-

pos verfasst hat. Die Fragmente sind jetzt als Frg. 147-153 in der

Sammlung Isnardi-Parente zusammengestellt. Frg. 151 zeigt, dass

Speusippos sich ausdrücklich auf seine Zugehörigkeit zur Familie

Platons berufen hat; rätselhaft bleibt die Uebereinstimmung von Frg.

147 und 148: denn dass Hieronymus Porphyrios abschreibt, mag man

annehmen, doch dass Porphyrios Diog. Laert. benutzt hat, kann man

kaum glauben. Sollten beide unabhängig von einander jenen Anaxilaides

herangezogen haben, der uns faktisch genau so unbekannt ist wie der

kurz nachher erwähnte Antileon (die Hypothesen von E. Schwartz,

in RE, s.v. Anaxilaides sind nicht unmöglich, aber unbeweisbar)? Im

übrigen allerdings kann die Sammlung der Fragmente, vie ich glaube,

noch um einiges vermehrt werden.

Die wunderbare Zeugung Platons durch Apollon kann nicht

abgetrennt werden von der Notiz Apollodors FGrHist 244 F 37 (bei

Diog. Laert. III 2), dass Platon an dem Tage geboren wurde, an dem

nach der sakralen Ueberlieferung von Delos Apollon selber geboren

worden war. Diese Notiz wiederum ist unlösbar verknüpft mit Apol-

lodor 244 F 34 (Diog. Laert. II 44), wonach Sokrates am Tage zuvor,

nämlich an dem Tage, an dem, wiederum nach der Tradition von

Delos, Artemis geboren worden war, seinen Geburtstag hatte. So

gehören Lehrer und Schüler auf eine geheimnisvoll göttliche Weise

zu einander.

Speusippos werden wir aber auch den Bericht geben, der in nur

wenig von einander abweichenden Brechungen in den Prolegomena

p. 2, 16-22 ed. Westerink, Olymp. comm. in Alc. I p. 2, 24-29

ed. Westerink, dann Cic. de div. I 78, Ael. var. hist. X 21 und

XII 45 erhalten ist: Die Mutter habe gleich nach der Geburt Platons

den Säugling auf den Hymettos gebracht, um dort zum Dank für

die Geburt dem Apollon Nomios und den Nymphen ein Opfer

darzubringen. Während des Opferns legt sie das kind irgendwo hin,

und wie sie zu ihm zurückkehrt, findet sie seinen Mund voll von Honig.

Da ausdrücklich von der Mutter die Rede ist, wird als Erzähler kaum

ein anderer als Speusippos in Frage kommen.

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Bedeutender für uns ist die Geschichte Diog. Laert. III 5, dass

Sokrates in der Nacht, bevor Platons Vater zu ihm kam, um ihm seinen

Sohn anzuvertrauen, einen Traum hatte, dass er das Kücken eines

Schwans auf seinen Knien hielte, dieses aber plötzlich heranwuchs und

mit süssem Gesang sich in die Höhe schwang (etwas ausführlicher bei

Apul. de Plat. I 1). Die Prolegomena p. 1, 21/22 und Olymp, in Alc. I

p. 2, 30-31 zögern denn auch nicht, das, was in Platons Phaed. 85 b

Sokrates von sich sagt, er sei “Mitsklave der Schwäne” bei Apollon,

auf Platon zu beziehen.

Dazu tritt schliesslich der Traum Platons selber, von dem die

Prolegomena p. 1, 29-35 und Olymp, in Alc. I p. 2, 156-160 erzählen.

Platon träumt unmittelbar vor seinem Tode, er sei ein Schwan ge-

worden und fliege von Baum zu Baum, so dass es den Jägern un-

möglich wurde, ihn einzufangen. Anscheinend nach Platons Tod erfährt

der Sokratiker Simmias von dem Traum und deutet ihn so, dass alle

Menschen versuchen würden Platons Gedanken zu erfassen, doch dass

keiner sie jemals ganz würde einfangen können. Damit ist angezeigt,

was Cicero meint, wenn er in den acad. I 17 Platon als varius et

multiplex
charakterisierte. Viele Deutungen Platons sind möglich, doch

keine erschöpft ganz, was er wollte. Da versteht sich Platon also selber

als der Schwan Apollons; und dem entspricht natürlich genau sowohl,

dass er an seinem Geburtstag starb (Frg. 150 Isn.) wie auch, dass die

Zahl seiner Lebensjahre mit der heiligen Zahl Apollons übereinstimmt

(Frg. 149 Isn.).

In alledem also gehört Platon gleichzeitig zu Apollon und zu So-

krates.

Ich zögere etwas mit einer letzten Vermutung. Wenn Platon nach

Hermippos Frg. 41 W. bei einem Hochzeitsmahl stirbt, sollte etwa

auch dies auf Speusippos zurückgehen und eine geheimnisvolle Bezie-

hung andeuten, die zwischen dem Hochzeitsmahl und dem Totenmahl

bestanden hätte? Möglich, aber in keiner Weise beweisbar.

Wir wenden uns zu der anderen Tradition, für die Platon durch

Sokrates zur Philosophie gelangt.

Der junge Platon erfährt die traditionelle Ausbildung in Gram-

matik als Elementarfach, dann Gymnastik und Musik.

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Als Lehrer der Grammatik figuriert Dionysios mit Verweis auf

riv. 132 A, wo allerdings Sokrates nur flüchtig erwähnt, er habe sich

zur Schule des Διονύσιος ὁ γαμματιστής begeben und dort einige junge

Leute vorgefundet die sich nicht, wie man hätte erwarten können, über

Probleme der Grammatik, sondern über solche der Meteorologie (Ana-

xagoras und Oinopides werden gennannt) unterhielten. Von einer nä-

heren Beziehung des Sokrates zu jenem Dionysios ist nirgends die Rede.

Doch die Biographie hat unbedenklich gefolgert, Dionysios sei der Leh-

rer Platons gewesen. Wir werden beachten, dass die Zahl der Angaben

in Platons Dialogen, die ohne weitere Begründung von Sokrates auf

Platon selber übertragen werden, nicht sehr gross ist. Zu erinnern ist

an die soeben angeführte Stelle im Phaed. 85 B; bemerkenswert ähn-

lich wie der Fall der riv. 132 A ist die Lage hinsichtlich der Figur

des Kratylos. Dieser ist im gleichnamigen Dialog Gesprächspartner des

Sokrates. Davon, dass er etwa Lehrer des Sokrates gewesen wäre, ist

weit und breit keine Rede. Dennoch figuriert er in den Texten, die

ich nannte, als Lehrer Platons. Hier ist freilich der Sprung vom Befund

der Dialoge zu der Behauptung der Biographie so gross, dass man sich

fragen wird, ob ein uns kaum mehr fassbarer Text mit im Spiele ist.

Man wird an den Dialog des Aischines denken, auf den Aristoteles rhet.

Γ 16. 1417 a 36-b 3 sicher und metaph. Γ 5. 1010 a 7-15 wahrscheinlich

anspielt. Da ist Kratylos der radikale Vertreter des πάντα ρεῖ, der

völlig konsequent schliesslich sogar auf das Sprechen verzichtet und

nur noch Zeichen gibt. In welchem szenischem Zusammenhang Kratylos

da vorgekommen sein mag, wissen wir nicht (H. Dittmar, Aischines,

Berlin 1912, S. 293 f., führt nicht weiter). Doch als ein unbekannter

Faktor muss dieser Dialog in Rechnung gestellt werden.

Als Lehrer in der Gymnastik, genauer der Ringkunst, wird Ariston

von Argos genannt. Ich zweifle nicht daran, dass es derselbe ist, den

Aristoxenos in seiner Biographie Platons als Aristoteles bezeichnet

(Frg. 66 W.; Wehrlis Kommentar z. St. beruht auf einem Missver-

ständnis). Dikaiarch Frg. 40 W. steuert dazu bei, dass Platon als Ring-

kämpfer an den Isthmien aufgetreten sei. Apuleius de Plat. I 2 nennt

dazu die Pythien, die Prolegomena p. 2, 26-28 ed. Westerink erwähnen

vielmehr die Olympien und Nemeen und geben an, er habe an beiden

Spielen einen Siegespreis errungen.

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Dass Platon einen Preis gewonnen hat, wird wohl auch schon Di-

kaiarch gesagt haben. Im übrigen wird es bei den Isthmien bleiben,

und mehr als Platons Beteiligung an diesen Spielen wird man Dikaiarch

auch nicht geben dürfen (anders Wehrli). Hat diese Notiz eine weiter-

gehende Bedeutung besessen, die wir nicht mehr rekonstruieren kön-

nen? Zwei Einzelheiten darf man im Auge behalten: nach Diog. Laert.

II 23 gehört zu den wenigen Reisen, die Sokrates unternommen hat,

auch eine solche εἰς Ἰσθμόν. Wenn anderseits Diog. Laert. III 1 her-

vorhebt, die Familie der Mutter Platons gehe bis auf Solon und Po-

seidon zurück, und eine spätere Ergänzung (natürlich nicht erst Thra-

syllos) auch den Vater über Melanthos auf Poseidon zurückführt, derart,

dass man erwarten darf, Poseidon habe für Platon selbst eine bestimmte

Rolle gespielt, so wissen wir immerhin, dass gerade die Isthmischen

Spiele unter dem Patronat Poseidons standen.

Endlich soll nicht vergessen werden, dass gerade das Ringen als

Metapher für philosophische Diskussionen alt und weitverbreitet ist;

vgl. etwa Demokrit VS 68 b 125 (auch den Titel des Protagoras Κατα-

βάλλοντες) oder Antisthenes bei Diog. Laert. VI 4.

Dass die Notiz über Platons Beschäftigung mit der Malerei einfach

aus dem Tim. 67 c-68 d deduziert ist, verrät der Text der Prolegomena

p. 3, 13-15 deutlich.

In den Angaben über die Musik ist allerdings einiges durcheinan-

der geraten. Für uns interessant ist zunächst nur die Mitteilung, dass

er Tragödien verfasst hat. Denn dies führt über einige Zeilen hinweg

unmittelbar zu der Erzählung, Platon habe sich vor dem Dionysos-

Theater eingefunden, um eine Tragödie aufführen zu lassen, und da

sei er auf Sokrates gestossen; dieser habe so mächtig auf ihn eingewirkt,

dass er sofort seine Tragödien verbrannt habe und von da an, nämlich

von seinem 20. Lebensjahr an nur noch Schüler des Sokrates gewesen

sei.

Dazu einige wenige Anmerkungen.

Was tut zunächst der Dithyrambos, dem sich Platon als erster

Gattung zugewandt haben soll? Die Antwort liefert die Prolegomena

p. 3, 1-3: Platons erster Dialog sei der Phaidros gewesen und dieser

habe einen dithyrambischen Charakter. Genau dies meint auch Diog.

Laert. III 38, wenn er den Gegenstand des Phaidros leicht abschätzig

145

als μειρακιῶδες bezeichnet und ein Urteil Dikaiarchs Frg. 42 W. zitiert,

das Wehrli mit Recht auf den Phaidros bezieht; möglicherweise muss

man auch Diog. Laert. m 25 dazu nehmen, wo der Verdacht besteht,

Diog. Laert. habe seinen Autor missverstanden. Denn was interessiert,

ist nicht, dass Platon der erste unter zahlreichen (welchen?) Philosophen

war, der gegen Lysias schrieb, sondern vielmehr, dass sein erstes Werk

in einer Polemik gegen Lysias bestand (womit wir in die Nähe von

III 34-36 kommen).

Was es mit den μέλη auf sich hat, die Platon gedichtet haben soll,

ist schwer zu sagen. Allerdings bemerken an dieser Stelle die Prolegomena

p. 2, 28-30 und Olymp. in Alc. I p. 2, 43-44, dass Platon als Lehrer in

der Musik Drakon gehabt habe, der der Schüler des bekannten Dämon

gewesen sei, auf den sich Sokrates bei Platon resp. 400 b und 424 c

ausdrücklich beruft. Bestätigt wird dies durch Ps.-Plut. de musica 1136 f,

der (aus Aristoxenos?) berichtet, Platon sei Schüler Drakons von Athen

und des Megillos (der Name auch in den Prolegomena, nicht völlig

sicher restituierbar) von Akragas gewesen. Diese mögen ihn zu den

μέλη angeregt haben. Dass der Name Damons und Drakons bei Diog.

Laert. fehlt, obschon dieser in einer Parenthese II 19 notiert, Sokrates

sei Schüler Damons gewesen (was gewiss nicht erst Alexandras FGrHist

273 F 86 angenommen hat), ist etwas merkwürdig. Doch Diog. Laert.

will nicht mehr als Stichworte geben.

Die Bekehrung Platons von der Tragödie zur Philosophie (vgl. Ael.

var. Hist. II 30; dass Platon sich zuvor schon am Epos versucht habe,

ist eine naive Erweiterung — möglicherweise veranlasst durch Herak-

leides Pont. Frg. 610) erfolgt durch eine plötzliche unerwartete Kon-

frontation mit Sokrates. Die nächste Parallele ist die Bekehrung Xeno-

phons (Diog. Laert. II 48), die spektakulärste diejenige Polemons (Diog.

Laert. IV 16 mit den von Gigante Frg. 13-33 gesammelten Parallelen;

dass die ganze Erzählung durch Plat. symp. 212 C-223 A beeinflusst

ist, bedarf keines Beweises). In der Sache selbst befindet sich die

Geschichte in Uebereinstimmung mit dem Urteil, das Sokrates in Pla-

tons Politeia über die Tragödie fällt.

Es bleibt indessen eine Seltsamkeit, die man nicht übersehen sollte.

Trotzdem für Platon zwischen der Tragödie und der Philosophie keine

Versöhnung möglich ist, haben die antiken Editoren Platons sich nicht

146

gescheut, das Oeuvre der Dialoge nach dem Modell der Tragödie zu

organisieren.

Ein erster Versuch wird Diog. Laert. III 50 kurz und kritisch ab-

getan. Dieser Versuch läuft faktisch darauf hinaus, dramatische, erzäh-

lende und gemischte Dialoge zu unterscheiden, also die Kategorien, die

Platon selber resp. 392 C ff. für die Dichtung entwickelt, auf seine

philosophischen Werke zu übertragen.

Ein zweiter anspruchsvoller Versuch wird in 56-60 vorgetragen.

Ihm geht als eine Art von Begründung voraus der Nachweis, dass die

Tragödie und die Philosophie sich parallel entwickelt hätten. Platon

vollendet die Philosophie mit der Dialektik, wie Sophokles die Tragödie

vollendet hatte. Die Nähe dieser Konstruktion zu Aristoteles poet. 4.

1449 a 9-19 ist evident. Die Konsequenzen aus dieser Verwandtschaft

der Texte zu ziehen ist allerdings nicht leicht, vor allem, da Platon

hier die Philosophie durch die Dialektik zum Abschluss bringt, während

derselbe Aristoteles in Diog. Laert. IX 25 (und I 19) Zenon von Elea

zum Schöpfer der Dialektik macht. Einen Ausgleich ermöglicht nur die

Hypothese, dass in in 56 die Dialektik im platonischen, in ix 25 da-

gegen die Dialektik im aristotelischen Sinne des Wortes gemeint ist.

Jedenfalls hat diese Konstruktion Thrasyllos (bzw. den Autor, dem

er folgt) dazu legitimiert, das gesamte Oeuvre Platons mit Ausnahme

der Briefe in neun Tetralogien aufzugliedern. Wie sich dies in der oft

äusserst künstlich anmutenden Zusammenstellung der Dialoge ausge-

wirkt hat, brauchen wir hier nicht zu verfolgen. Ich beschränke mich

auf die Frage, ob das System der neun Tetralogien irgendwann irgendet-

was mit der religiösen Bedeutung der Neunzahl für Platons Leben

(Speusippos Frg. 149 Isn.) zu tun gehabt haben kann.

Ein dritter Versuch wird auf Aristophanes von Byzanz zurück-

geführt (III 61-62). Er hat in Trilogien gegliedert, statuiert aber nur

fünf Trilogien zu je drei Dialogen (und die Brief Sammlung); die übrigen

Dialoge hat er καθ’ ἕν καὶ ἀτάκτως folgen lassen; dass muss bei einem

Philologen vom Range des Aristophanes seine bestimmten Gründe ge-

habt haben, über die wir leider nichts erfahren.

Die Gesamtsituation ist einigermassen paradox. Platon hat die

Tragödie verworfen, doch seine philosophischen Werke werden grup-

piert, als ob sie Tragödien wären. Wer dies getan hat, muss der Mein-

147

ung gewesen sein, dass Platon malgré lui als Schriftsteller der Tra-

gödie näher gestanden sei, als er als Philosoph hätte zugeben wollen.

In diesem Sinne wird man wohl auch den bekannten Satz des

Aristoteles zu verstehen haben, der Logos Platons stünde zwischen

Dichtung und Prosa in der Mitte (III 37). Der Satz wird in einer Reihe

kritischer Urteile zitiert und ist gewiss nicht als ein Kompliment auf-

zufassen. Platon hat die Grenze zwischen philosophischer Sachlichkeit

und poetischer Emotionalität nicht genügend respektiert. Dass etwas

später Epikur ebenso wie Zenon über Platons Dialoge noch schärfer

geurteilt haben, darf angenommen werden. Soviel zu den Traditionen,

die Platon durch Sokrates zur Philosophie gelangen lassen, im offenen

Widerspruch zu anderen Traditionen, die Platon zuerst an Kratylos

binden, der die Illusion einer Episteme von der Wahrnehmungswelt

destruiert, dann an die Pythagoreer, die ihm den Anstoss zur Konstruk-

tion einer Episteme des wahrhaft und unwandelbar Seienden geben.

Der Ueberblick über die Traditionen, die Platon zum Schüler der

Pythagoreer machen, muss mit einer scheinbar primitiven Frage be-

ginnen (die ich oben als die zweite Hauptfrage nannte): Wozu hat

Platon eigentlich seine Reisen unternommen?

Sokrates ist bekanntlich nie gereist. Dass er als Hoplit mehrere

Feldzüge des athenischen Heeres mitmachte, hat mit Reisen nichts zu

tun (ich bin übrigens überzeugt, dass der Bericht des Aristoxenos Frg.

61 W. nicht als ein Missverständnis von Diog. Laert. ii 22-23 weginter-

pretiert werden darf. Es muss da eine vermutlich gegen Sokrates gerich-

tete Pointe dahinterstecken, die wir nicht mehr fassen können). Die

wenigen wirklichen Reisen, die in ii 23 kurz erwähnt werden, beweisen

als Ausnahme nur die Regel.

Dagegen sind in Bios Platons die Reisen das wichtigste äussere

Ereignis gewesen. Vier verschiedene Traditionen lassen sich unterschei-

den. Eine erste Tradition spricht von einer Reise zu dem Mathematiker

Theodoros nach Kyrene. Sie macht chronologische Schwierigkeiten, die

man nicht unterschätzen darf. Platons Theaitetos schildert Theodoros als

einen alten Mann; wir haben den Eindruck, dass er Altersgenosse des

Sokrates ist. Dies bestätigt Eudemos Frg. 133 W., der mit chrono-

logischen Angaben nicht spart und ausdrücklich Theodoros neben Hip-

pokrates von Chios eine Generation vor Platon ansetzt. Sollte Platon

148

seine Reise nach Kyrene einige wenige Jahre nach dem Tode des So-

krates unternommen haben, so müsste Theodoros damals weit über

siebzig Jahre alt gewesen sein. Und in welcher Absicht wurde die

Reise unternommen? Zu einer derart langen Reise dürfte sich Platon

nicht ohne einen gewichtigen Grund entschlossen haben. Bei Eudemos

wie schon bei Xen. mem. IV 2, 10 ist Theodoros γεωμέτρης und nichts

anderes. Platons Theaitetos präzisiert; ich greife nur 164 e-165 a heraus.

Theodoros hat sich demnach zuerst an Protagoras angeschlossen (woher

weiss Platon dies? Auf keinen Fall hat er diese “Konversion” erfunden.

Aber wer dann?), sich aber bald von den ψιλοὶ λόγοι ab- und der

Geometrie zugewandt. Im Dialog bleibt er persönlich ein Freund des

Protagoras, doch in seiner Tätigkeit ist er ausschliesslich Geometer,

und zwar grenzt ihn dies nach zwei Richtungen ab. Einmal findet sich

nicht die geringste Spur einer Beziehung zu den Pythagoreern; die

Bemerkung lambl. vit. Pyth. 267, wo Theodoros im Katalog der

Pythagoreer aufgeführt wird, ist ohne Gewicht, wie auch K. von Fritz

in RE, s.v. Theodoros mit Recht hervorhebt. Andererseits hat Theodoros

auch nichts mit dem mathematischen Quadrivium zu schaffen, das für

uns bekanntlich zum ersten Male im Plat. Protag. 318 e als Lehrge-

genstand des Hippias von Elis erscheint; Platon setzt es in der Politeia

als System schon voraus und ergänzt es persönlich durch die Stereo-

metrie. Von einer privilegierten Stellung der Geometrie ist da nichts

zu erkennen.

Nur im Gorg. 465 b, 508 a und im Men. 85 E kann man ein

spezifisches Interesse an der Geometrie spüren, ohne dass wir berech-

tigt wären, weiter reichende Konsequenzen zu ziehen; insbesondere

wird man die ἰσότης γεωμετρική im Gorg. 508 A nicht leicht von der

bei Aristoteles eth. Nic. E 3. 1131 b 12-16 und E 4. 1131 b 32-1132 a 2

skizzierten und schon von ihm vorausgesetzten Distinktion der geome-

trischen und der arithmetischen Analogie abtrennen können. Wie dem

auch sei: eine Reise Platons nach Kyrene kann nur durch die Ueber-

zeugung motiviert gewesen sein, dass in der Interpretation der Wirk-

lichkeit die Geometrie, und sie allein, eine zentrale Position einnimmt.

Schon Ed. Zeller hat in diesem Zusammenhang an die zwei monumen-

talen Sätze erinnert, die Platon zugeschrieben werden: ό θεός αεί γεω-

μετρεΐ (Plut. quaest. conv. 718 c) und die Inschrift über der Eingangs-

149

türe der Akademie: μηδεὶς ἀγεωμέτρητος εἰσίτω (Elias in Cat. comm.

p. 118, 18-19 ed. Busse und Philop. in De an. comm. p. 117, 26-27 ed.

Hayduck). Diese Dinge, die Reise nach Kyrene und die beiden Sätze dürf-

ten auf irgendeine Weise mit einander Zusammenhängen, und dass

das Ganze letzten Endes die Erfindung eines Dialoges ist (Eratosthenes,

Platonikos?), ist nicht ganz wahrscheinlich.

Eine zweite Tradition lässt Platon nach Aegypten zu den προφήται

reisen. Dazu gehört unmittelbar die Mitteilung, er habe auch beab-

sichtigt, mit den Magiern Kontakt auzunehmen; doch sei dies «wegen

der Kriege in Asien» nicht möglich gewesen, wie Diog. Laert. III 7

erklärt.

Zu beginnen ist mit Cic. de fin. V 87 (vgl. V 50), der die drei

grossen Forschungsreisenden aufzählt und charakterisiert: Platon, Py-

thagoras und Demokrit; die Angaben sind vor allem für Platon so

detailliert, dass sie auf einen bestimmten anspruchsvollen Autor zurück-

gehen müssen, als der sich im Kontext Theophrast Περὶ εὐδαιμονίας

anbietet (dass Theophrast von den Forschungsreisen Demokrits gespro-

chen hat, bezeugt Ael. var. hist. IV 20 = VS 68 A 16 ausdrücklich).

Was Pythagoras betrifft, so erzählt lambl. vit. Pyth. 12-19 in seiner

leicht konfusen Art, Thales habe Pythagoras empfohlen, nach Aegypten

zu reisen, was denn auch geschehen sei. Dann freilich habe Kambyses

Aegypten erobert und Pythagoras als Kriegsgefangenen mitgenommen,

was diesem aber nicht unwillkommen gewesen sei, da er auf diese

Weise die Magier kennengelernt habe. Von den Reisen Demokrits

hat endlich nicht nur Theophrast gesprochen (der ihn, wie es scheint,

bis zu den Chaldäern, Magiern und indischen Gymnosophisten gelangen

liess), sondern auch Antisthenes von Rhodos FGrHist 508 F 12, bei

dem er zu den Priestern nach Aegypten kam, dann nach Persis zu den

Chaldäern und endlich zum Roten Meer. Andere ergänzten dies und

brachten ihn über die Chaldäer hinaus zu den Gymnosophisten und

über das Rote Meer hinweg nach Aethiopien.

Es liegt auf der Hand, dass wir da eine ziemlich einheitliche Kon-

zeption haben. Die drei grossen Forschungsreisenden bilden eine Grup-

pe, der es daran lag, die Weisheit des Ostens kennen zu lernen, in

Aegypten gewissermassen die eine, im persischen Bereich die andere

Hälfte. Soll man dies Alles Theophrast geben, von dem wir einen kaum

150

anfechtbaren Dialogtitel Akicharos besitzen, mit einem aegyptischen

Weisen dieses Namens im Mittelpunkt (Diog. Laert. V 50, dazu VS

68 B 299 mit einer Anm. von Diels, die allerdings die weiteren Zusam-

menhänge nicht sieht)?

Uns interessiert hier die Art, wie Platons Reise nach Aegypten

weiter ausgemalt wurde.

Ich nehme vorweg Plut. gen. Socr. 578 F, wo Simmias (augen-

schleinlich derselbe, der uns als Exeget des Traumes Platons unmittel-

bar nach seinem Tode schon begegnete) berichtet, dass er und Platon

und Ellopion von Peparethos (uns nur aus dieser Stelle bekannt) sich

lange Zeit zu Studien in Memphis beim προφήτης Chonuphis aufge-

halten hätten. Als sie von Aegypten abgereist und in Karien ange-

kommen waren, seien Leute aus Delos zu ihnen gekommen, und hätten

Platon gebeten, für sie ein schwieriges geometrisches Problem zu lösen,

— womit wir in die Nähe des schon genannten Platonikos des Era-

tosthenes gelangen. Hat Eratosthenes Platon nicht nur über das delische

Problem sprechen, sondern auch von seinem Aufenthalt in Aegypten

erzählen lassen?

Mehrfach belegt ist die Geschichte, dass Platon mit Eudoxos von

Knidos zusammen in Aegypten war. Nach Strab. XVII 1, 29 wurden

in Heliopolis zu seiner Zeit noch die Häuser der Priester gezeigt, in

denen Platon und Eudoxos mit den Priestern diskutiert hätten. Plut.

de Is. 354 de nennt als Besucher Aegyptens der Reihe nach Solon,

Thales, Platon, Eudoxos und Pythagoras und weiss sogar für Eudoxos,

Solon und Pythagoras die Namen der Priester zu nennen, die sie be-

lehrt hätten. Dabei wird für Eudoxos derselbe Chonuphis aus Memphis

angeführt, den in gen. Socr. 578 F Simmias zusammen mit Platon

gehört zu haben behauptet. Hat Plutarch improvisiert oder kannte er eine

Version, die Simmias zum Begleiter Platons bei Chonuphis machte, und

eine andere, in der Eudoxos an die Stelle des Simmias trat? Clem.

Alex. strom. I 69, 1 erwähnt Sonchos als Lehrer des Pythagoras, Sech-

nuphis von Heliopolis als Lehrer Platons und Konuphis als denjenigen

des Eudoxos. Zu allem Ueberfluss nennt Diog. Laert. VIII 87 eine

Reise des Eudoxos nach Aegypten und präzisiert VIII 90, dieser sei

in Heliopolis mit Chonuphis zusammengetroffen: an keiner von diesen

beiden Stellen wird Platon genannt. Dass er ihn absichtlich eliminiert

151

hat, um für die abermals andere, in III 6-7 vorgetragene Version Raum

zu gewinnen, ist möglich, aber nicht sicher. Wer letztlich was über

Platons Reise nach Aegypten erzählt hat, lässt sich vorläufig nicht

genauer feststellen. Dass es eine bekannte Geschichte war, zeigt die

touristische Auswertung, von der wir bei Strabon lesen. Wichtig ist

natürlich die Reise Solons, die als solche historisch ist, aber gleichzeitig

die Brücke zu Plat. Tim. 21 a ff., Crit. 108 d schlägt, vgl. Plut. Solon

26, 1 und 31, 6. Eine historische Basis dürfte auch die Reise des Eudo-

xos nach Aegypten haben; die Reise Platons wird man umso eher als

Erfindung bezeichnen, als es ja möglich war, sie aus Tim. 21 A-25 d zu

deduzieren.

Dazu schliesslich die Version unseres Textes, ausgezeichnet durch

einen abenteuerlichen Anachronismus; Euripides ist bekanntlich gestor-

ben, als Platon etwa dreizehn Jahre alt war. Dies spricht freilich nicht

gegen das Alter der Geschichte, im Gegenteil. Man sollte nie den Pa-

radefall eines derartigen Anachronismus aus den Augen verlieren, den

Cic. de inv. I 5-52 aus dem Sokratiker Aischines bezeugt. Da berich-

tet Sokrates von einem Gespräch, das Aspasia (gest. wohl um 430 v.

Chr.) mit Xenophon (geb. 426) und dessen Gattin (geb. etwa 416)

über die Ehe geführt haben soll.

Merkwürdig ist immerhin, dass die sonstige Ueberlieferung, die Bioi

des Euripides eingeschlossen, von einer Reise des Euripides zusammen

mit Platon nach Aegypten nicht das geringste weiss, während von Be-

ziehungen zwischen Euripides und Sokrates Diog. Laert. II 18 u. a.

berichtet wird. Sollte jemand ein Interesse daran gehabt haben, Platon

mit Euripides, der in den Dialogen häufiger als alle anderen Tragiker

zitiert wird, zusammenzubringen? Charakteristisch ist die Zusammen-

stellung der beiden Verszitate. Das erste (Iph. Taur. 1193) soll offen-

bar einen autobiographischen Beleg bringen: Euripides hat Heilung

in Meerbädem gesucht, und in Erinnerung daran enstand der Vers,

der im Drama selber in einem vieldeutigen Gespräch zwischen Iphi-

genie und König Thoas steht. Das zweite, nicht eben geschickt zusam-

mengezogene Zitat aus Od. δ 228-232 steuert die unentbehrliche Präzi-

sierung bei: der Kranke begibt sich nach Aegypten, wo die besten

Aerzte zuhause sind.

Mehr können wir über diese absonderliche Erfindung nicht sagen.

152

Dasselbe gilt auch von der (platonfeindlichen?) Notiz bei Plut. Solon

2, 8, Platon habe die Kosten seiner Reise nach Aegypten durch den

Verkauf von attischem Oel bestritten.

Eine nächste Variante, die erste Variante der Motivierungen der

Reise nach dem Westen bieten Diog. Laert. III 18, Apul. de Plat. I 4,

Athen. 507 B (aus Hegesandros aus Delphi), endlich die Prolegomena

p. 4, 11-13 ed. Westerink, Olymp. in Alc. I p. 2, 94-96 ed. Westerink

und in Gorg. p. 211, 23-24 ed. Westerink. Platon wollte nach Sizilien

fahren, um den Aetna zu besichtigen, also die Ursachen das Vulkanismus

zu entdecken, also etwa wie Thaies nach Aegypten gereist war, um die

Ursache der sommerlichen Nilschwelle kennen zu lernen.

Hier haben wir wiederum einen eigentümlichen Befund. Ueber-

liefert ist uns der Titel einer Monographie Theophrasts Περὶ τοῦ ῥυάκος

τοῦ ἐν Σικελίᾳ. (Diog. Laert. V 49), doch Theorien über den Vulka-

nismus im allgemeinen und den Aetna im besondern sind uns erst in

Resten bei Poseidonios (wie zu erwarten) fassbar: Frg. 42,43,342

Theiler, und dann im Gesamtüberblick in dem lateinischen Aetna-

Gedicht, als dessen Verfasser Senecas Freund Lucilius gilt.

Bei Platon selber begegnet uns der sizilische ῥύαξ nur in einem

einzigen Text, nicht etwa im Timaois, sondern im Mythos des Phaed.

111 E, 113 B; jede Interpretation des Mythos kann zeigen, dass dieser

im ganzen auf sehr detaillierten naturwissenschaftlichen Theorien über

die Struktur des Erdinnem aufgebaut ist. Impliziert ist darin auch eine

Theorie des Vulkanismus. Wir werden kaum fehlgehen mit der Ver-

mutung, dass dieser Motivierung der ersten Reise nach Sizilien eine

biographische Ausdeutung des Phaidon-Mythos zugrundeliegt.

Mit der nächsten Variante endlich gelangen wir zu den Pytha-

goreern. Diog. Laert. III 6 erklärt übermässig knapp, Platon habe sich

nach Italien zu den Pythagoreern Philolaos und Eurytos begeben. Die

Nennung gerade dieser zwei Namen gestattet es, mit einiger Wahr-

scheinlichkeit die Herkunft der Variante zu bestimmen. Aristoxenos

Frg. 19 W. zählt die letzten Pythagoreer auf, die der Verfasser selber

noch gekannt hat. Es sind fünf, einer aus der Chalkidike und bemer-

kenswerterweise nicht weniger als vier aus Phleius. Sie sind alle, wie

Aristoxenos erklärt, Schüler der Tarentiner Philolaos und Eurytos ge-

wesen. Wir folgern, dass Aristoxenos auch erzählt haben wird, Platon,

153

der eine Generation älter war als er selber, habe die Philosophie der

Pythagoreer bei diesen beiden Männern kennengelernt, genauer: er

sei zu diesen beiden Tarentinern gereist, weil er das Pythagoreertum

kennen lernen wollte und schon wusste, dass diese beiden ihn am besten

würden belehren können.

Dieser einfache Tatbestand hat eine ganze Reihe von Implikationen.

Ich beginne mit der einfachsten. Wenn Platon rund zehn Jahre nach

dem Tod des Sokrates diese Reise unternahm, so bedeutet dies, dass

er sich vom aporetischen und dialogischen Philosophieren des Sokrates

ab und der strengen Dogmatik des Pythagoreertums zuwenden wollte.

Wir kennen das Urteil des Aristoxenos über Sokrates hier, das Pytha-

goreertum dort zur Genüge, um folgern zu dürfen, dass dieser Platons

Reise zu Philolaos und Eurytos als einen bewussten und harten Bruch

mit Sokrates dargestellt haben wird. Einen Einfluss dieser Darstellung

möchte ich annehmen vor allem an den zwei Stellen, an denen Cicero

ausdrücklich erklärt, Platon habe mit seiner Wendung zum Pythago-

reertum etwas getan, was Sokrates niemals gebilligt hätte (vgl. acad.

I 17; de fin. V 87).

Es kann nun hier nicht die Rede davon sein, auf die reiche Tra-

dition über Philolaos und die dürftige Tradition über Eurytos (hier

haben wir nur Aristot. metaph. N 5. 1092 b 9-13 und Theophrast me-

taph.
6 a 19-22, beide aus derselben Quelle, anscheinend einem Dialog,

in welchem Archytas über eine Theorie des Eurytos berichtete; dazu

Ps.-Alex. comm. in Metaph. p. 827,9-26 ed. Hayd.) näher einzutreten.

Wir haben es ja auch zur Hauptsache nicht mit Platon, sondern mit

der Arbeitsweise des Diog. Laert. zu tun.

Ich möchte also vor allem diejenigen Angaben prüfen, die sich

im Werk des Diog. Laert. selber finden.

Erstaunlich ist zunächst iii 9: Platon schreibt einen Brief an

Dion nach Sizilien, er möchte um 100 Minen die drei pythagoreischen

Bücher von Philolaos kaufen; offenbar handelt es sich um Platons eige-

nes Geld, denn es wird beigefügt, Platon sei durch ein riesiges Geld-

geschenk des Dionysios sehr reich geworden.

Wir bemerken vor allem, dass, — bezeichnend für Diog. Laert. —

weder hier noch zuvor in III 3 der Leser darüber informiert wird, wer

dieser Dion ist. Erst von III 18 an wird es allmählich klar, wie das

154

Ereignis einzuordnen ist: Platon ist bei Dionysios I. gewesen, ohne

zuvor Philolaos aufgesucht zu haben; beim Abschied ist er vom

Tyrannen grosszügig beschenkt worden und schreibt nun von Athen

aus nach Sizilien, wo sich Dion aufhält, einen Brief, dieser möge dem

Philolaos die Bücher abkaufen. Gemeint ist das dreigeteilte Werk des

Pythagoras selber, das Diog. Laert. VIII 6 erwähnt.

In VIII 15 lesen wir dieselbe Geschichte wie in III 9 mit dem

Zusatz, es seien durch diesen Bücherkauf Platons zum ersten Male die

Lehren des Pythagoras in der Oeffentlichkeit bekannt geworden. In

VIII 55 ergänzt Neanthes FGrHist 84 F 26, zur Veröffentlichung durch

Philolaos sei diejenige durch die Gedichte des Empedokles dazu ge-

kommen; vorher habe nur die Gemeinschaft der Pythagoreer diese

Lehren gekannt. Ein drittes Mal wird dieselbe Notiz in VIII 84 beige-

bracht.

Doch dann folgen in VIII 85 zwei Varianten, beide bewusste Kor-

rekturen der in in 9 auf Satyros zurückgeführten, aber sicherlich älteren

Tradition. Nach Hermippos Frg. 40 W. hat Platon selber in Syrakus

um 40 Minen nicht etwa die drei Bücher des Pythagoras, sondern ein

kleines Buch des Philolaos selber den Erben des Philolaos abgekauft

und dann daraus seinen Dialog Timaios fabriziert. Diese Version geht

in allem Wesentlichen auf die uns erhaltenen Verse Frg. 54 Diels der

Sillen des Timon von Phleius zurück: Platon kauft für viel Geld ein

kleines Büchlein und beginnt dann den Timaios zu schreiben. Damit

ist einerseits Dion ausgeschaltet, vielleicht auch die Annahme berück-

sichtigt, dass Philolaos längst tot war, als Platon nach Sizilien kam.

Timon schliesst mit der Bosheit, dass Platon aus diesem Büchlein (wurde

etwa auch vorausgesetzt, dass die drei Bücher des Pythagoras ein Schwin-

del seien, da es von Pythagoras wie von Sokrates gar nichts schriftliches

gab?) den Timaios machte; wer so erzählte, kannte noch nicht die

später allgemein rezipierte Konstruktion, dass der Titelheld des Timaios,

Timaios aus Lokroi selber ein Pythagoreer gewesen sei und ein Buch

verfasst habe, das dann Platon als Vorlage gedient hätte. Diese Kon-

struktion ist in der Tat in allen Teilen willkürlich; die entscheidende

Stelle Tim. 20 A lässt in keiner Weise darauf schliessen, dass Timaios

ein Pythagoreer gewesen wäre.

155

Die zweite Variante eliminiert die Peinlichkeit des Bücherkaufs

und dreht die Geschichte ins Sentimentalische: Dionysios hatte einen

Schüler des Philolaos ins Gefängnis werfen lassen, ihn aber auf die

Bitte Platons hin wieder frei gegeben. Zum Dank dafür schenkt der

Schüler (so muss es gemeint sein) Platon das Buch seines Meisters.

Anders wird die Peinlichkeit abgeschwächt bei lambl. vit. Pyth.

199: Philolaos habe das Geld nur angenommen, weil er in bittere

Armut geraten sei.

Diog. Laert. VIII 53 erwähnt einen Brief des Telauges, Sohnes des

Pythagoras, an Philolaos, für uns nur interessant als Beleg für die Tat-

sache, dass zur gesamten Geschichte der Pythagoreer wie der Sokra-

tiker und der Beziehungen Platons zu Italien und Sizilien im 3. und

2. Jhd. v. Chr. eine ungeheure Masse von Briefen fabriziert worden

sein muss, meist mit geringem psychologischen Geschick geschrieben,

aber oft mit ausgezeichnetem Tatsachenmaterial ausgestattet. Wichtig

ist dies insofern, als alle Autoren von der Zeit Ciceros an sich auf diese

Sammlungen gestützt haben, ohne sich über das oftmals geringe lite-

rarische Niveau oder die biographische Unwahrscheinlichkeit vieler Brief-

situationen irgendwelche Gedanken zu machen. Um ein für uns inte-

ressantes Beispiel zu nennen: Plutarch setzt in seinem Dion die Echtheit

aller in der Edition des Thrasyllos zusammengestellten dreizehn Briefe

voraus; es kümmert ihn nicht, dass etwa zwischen dem sorgfältig und

gepflegt formulierten Siebenten Brief und dem Dreizehnten Brief ein

evidenter Qualitätsunterschied besteht.

Zu Philolaos sei nur noch angemerkt, dass man über seine Le-

bensdaten keine zuverlässigen Angaben besessen zu haben scheint. Nach

einigen Texten war er zur Zeit der ersten Reise Platons in den Westen

389/8 noch am Leben, nach anderen bereits gestorben. Sonderbar ist,

dass man die einzige Stelle, an der Platon selber von Philolaos spricht,

Phaed. 61 d, nicht zu deuten wusste. Der Text selber ist klar. Sokrates

erwähnt als eine offenbar bekannte Tatsache, dass Philolaos vor einiger

Zeit auf einer Vortragsreise nach Theben kam und dort Vorträge hielt,

in denen auf irgendeine unbestimmte Weise davon die Rede war, dass

der Philosoph sich selbst nicht töten dürfe. Zur soeben angelaufenen

Diskussion trägt der Hinweis nichts bei, und ebenso wenig erfahren

wir, wer Philolaos ist, von wo er nach Theben gekommen ist und

156

wohin er sich nach seinem Gastspiel begeben hat. Was Olympiodor

(pp. 54-57 ed. Westerink) beizubringen hat, wirkt eher hilflos. Er zitiert

zur Sache einige pythagoreische Akusmata und lässt Philolaos auf der

Flucht nach Theben kommen, nachdem die pythagoreische Gemeinde

in Italien vernichtet worden war (ein Ereignis, das K. von Fritz, s.v.

Philolaos,
auf die Jahre 450/445 datiert), — eine Erklärung, die mit

dem Wortlaut Platons kaum vereinbar ist. Rätselhaft ist auch Ael.

var. hist. I 23, das voraussetzt, dass zwischen Gorgias und Philolaos eine

ähnliche Beziehung bestand wie zwischen Protagoras und Demokrit.

Einige Worte noch über Ciceros Bericht von der Reise Platons

de fin. V 87. Er lässt Platon zuerst nach Tarent zu Archytas kommen,

dann nach Lokroi zu Echekrates, Timaios, Arion. Von Philolaos und

Eurytos ist keine Rede. Wir haben es also mit einer von Diog. Laert.

in 6 abweichenden Tradition zu tun.

Wenige Einzelheiten seien hervorgehoben.

Höchst auffallend ist in dem ganzen Komplex die Stellung des

Archytas. Seine Biographie bei Diog. Laert. VIII 79-83 zerfällt deutlich

in zwei Teile. Von seinen überragenden Leistungen als Mathematiker

spricht kurz VIII 83, dazu kommen zwei Briefe, je einer des Archytas

und einer Platons, die der Legitimation der Schriften des Lukaners

Okkelos dienen sollen; auf der ändern Seite ist Archytas der grosse

Staatsmann, der sieben Mal mit grösstem Erfolg das Amt des Strategos,

das höchste Amt in seinem Staate (nach Suidas A 4121: im κοινὸν τῶν

Ἰταλικῶν) bekleidet hat. Ein Zitat VIII 82 verrät, dass diese Aktivität

in der Biographie des Archytas, die Aristoxenos geschrieben hat (Frg.

47-50 W.), — wohl sehr ausführlich —, zur Sprache kam (vermutlich

Hesse sich Wehrlis knappe Fragmentsammlung noch stark ergänzen).

Blicken wir auf Platon, so stehen uns die Zeugnisse in den ps.-pla-

tonischen Briefen zur Verfügung. Zwei Briefe Platon an Archytas Hegen

vor. Der eine ist identisch mit demjenigen, den Diog. Laert. VIII 81

bietet, der andere ist gut formuliert (darum auch von Cic. de fin.

II 45 mit Beifall zitiert), doch wie er mit den sonstigen Data aus dem

Leben des Archytas vereinbart werden kann, sieht man nicht: Wie

kommt Archytas, der überaus erfolgreiche und allerseits respektierte

Strategos, dazu, der politischen Tätigkeit überdrüssig zu sein und sich

157

in seine Studien (worin sie bestehen, erfährt man nicht) zurückziehen

zu wollen?

Der Siebente Brief erwähnt Archytas häufig (338 c, 339 b, d,

350 ab), doch ausschliesslich in dem Sinne, dass Archytas für Platon

die Funktion einer politischen Rückendeckung gegenüber Dionysios II.

erfüllt. Wie die Not am grössten ist, alarmiert Platon Archytas und

die Freunde in Tarent, und diese senden unter dem Vorwand einer

offiziellen Gesandtschaft einen Dreissigunderer nach Syrakus und set-

zen Dionysios so lange unter Druck, bis er Platon freigibt (350 ab).

Der Leser muss erraten, dass Archytas in Tarent eine Position inne

hatte, die ihm erlaubte, nicht nur mit Dionysios II. politisch auf glei-

chem Fusse zu verkehren, sondern auch spektakuläre Sofortmassnahmen

anzuordnen. Nur einmal wird erwähnt, Archytas und die Freunde in

Tarent hätten in einem Briefe die φιλοσοφία des Dionysios gerühmt;

worin sie bestand, erfahren wir allerdings nicht (339 d).

Für sich steht der grob formulierte, aber stoffreiche Dreizehnte

Brief, in dem Platon dem Dionysios ankündigt, er werde ihm pytha-

goreische Texte und διαιρέσεις senden, und dazu einen Mann, der ihm

und auch dem Archytas, wenn dieser ihn einmal besuchen sollte, nütz-

lich sein würde. Es ist Helikon von Kyzikos, von dessen Erfolg als

Astronom bei Dionysios Plut. Dion 19, 6 berichtet. Den Brief zitiert

Plut. de coh. ira 463 c, de vit. pud. 533 b, doch wichtiger ist gen.

Socr.
579 c, wo Eudoxos und Helikon im Zusammenhang des Delischen

Problems genannt werden. Da ist also mit Sicherheit der Platonikos

des Eratosthenes die Quelle, — wie er dies vielleicht weit öfters war

als wir heute feststellen können. Er mag auch die Komposition des

Dreizehnten Briefes beeinflusst haben.

Von philosophischer Betriebsamkeit in Syrakus ist bei Plutarch

zweimal die Rede. Nach Dion 13, 4 wendet sich im τυραννεῖον alle

Welt begeistert der Geometrie zu, und in 14, 3 äussern die Gegner

Platons die Befürchtung, Dionysios werde nun, statt seine Macht zu

behaupten ἐν Ἀκαδημείᾳ τὸ σιωπώμενον ἀγαθὸν ζητεῖν καὶ διὰ

γεωμετρίας εὐδαίμονα γενέσθαι. (Dazu noch die sonderbare Stelle des

Dritten Briefes 319 c.) Die Formulierung spielt deutlich auf die un-

geschriebene Lehre Platons an, doch gerade auf denjenigen Aspekt,

der mit den pythagoreischen Doktrinen des Archytas (die wir einiger-

158

massen kennen) oder des Philolaos (wenn es solche gab) nicht das

geringste zu tun hat.

Es zeichnet sich da eine Situation ab, in der die Einwirkung des

Pythagoreertums auf Platon und Platons Aktivität in Syrakus strikte

von einander getrennt werden. Selbst dort, wo die Pythagoreer von

Tarent ins Spiel kommen, hat ihre Intervention keinen philosophischen,

sondern ausschliesslich einen politischen Charakter.

Cicero nennt neben Archytas noch drei Pythagoreer aus Lokroi.

Arion ist uns überhaupt nur aus Cicero bekannt. Timaios gilt,

wie schon erwähnt, bei den Kommentatoren des platonischen Timaios

als Pythagoreer, obschon Platons Text dies nicht hergibt und obschon,

wie ebenfalls schon hervorgehoben, Timon von Phleius zwar den Inhalt

des Dialoges pythagoreisch nennt, dies aber nicht mit einem Pythagoreer

Timaios, sondern mit dem Büchlein des Philolaos in Verbindung bringt.

Es bleibt Echekrates. Für Platon Phaed. 57 A ist er zusammen mit

ändern Bürgern von Phleius ein Anhänger des Sokrates, der gerne die

Gelegenheit ergreift, von Phaidon, der sich (anscheinend bald nach

dem Tode des Sokrates) auf der Heimreise von Athen in seine Heimat

Elis gerade in Phleius aufhält, Genaueres über die Ereignisse in Athen

zu erfahren. (Schwer verständlich ist es, nebenbei gesagt, wie Hermo-

doros Frg. 4,5 ed. Isnardi Parente auf den ausgefallenen Gedanken

kommen konnte, alle Sokratiker nach dem Tode des Sokrates aus Furcht

vor der ὠμότης τῶν τυράννων zu Eukleides nach Megara entweichen

zu lassen. Es wäre vielleicht einmal nützlich, die gesamte Ueberlieferung

über diesen Hermodoros kritisch zu prüfen; der Siebente Brief 325 b

nennt die Ankläger des Sokrates δυναστεύοντές τινες!) Dass Phleius,

sozusagen in Konkurrenz zu Italien, ein Zentrum des Pythagoreertums

war, dürfte schon Platon bekannt gewesen sein. Dann aber müssen

wir folgern, dass er bewusst und systematisch jeden Hinweis auf das

Pythagoreertum gemieden hat. Die Welt des Sokrates hat mit derjeni-

gen des Pythagoras nichts gemein und soll mit ihr nichts gemein habe.

Für Aristoxenos Frg. 18, 19 W. gehört Echekrates zu den letzten

Pythagoreern. Wenn ihn Aristoxenos noch selber gekannt hat, so ist

dies chronologisch nicht unbedenklich: Der Echekrates des Phaidon

muss doch wohl im Jahre 399 mindestens 30 Jahre alt sein, Aristoxenos

wiederum ist frühestens 375 geboren (s. Wehrli zu Aristoxenos Frg. 1);

159

Echekrates muss also ein sehr alter Mann gewesen sein, als Aristoxenos

ihm (wo?) begegnete; oder es war eben ein anderer Echekrates.

Der ciceronische Echekrates ist augenscheinlich in Tarent zuhause.

Wenn endlich der Neunte Brief Platons 358 b dem Archytas zusagt,

Platon werde sich um den jungen Echekrates kümmern, sowohl dem

Archytas wie auch Phrynion, dem Vater des Jungen zuliebe, so kann

es sich nur um einen Echekrates aus Tarent handeln, der in der Zeit

nach Platons erster Reise noch ein νεανίσκος war. Die Ueberlieferung

ist also auch da so uneinheitlich, dass man vermuten möchte, es hätten

sich im Umkreise Platons mehrere Personen des Namens Echekrates

befunden. Man kann aber auch mit dem freien Spiel philosophischer

Dichtung rechnen, das sich um chronologische und topographische Pro-

babilitäten wenig kümmert.

Wir gelangen damit zum zweiten Hauptteil unserer Analyse der

Reisen, den wir kürzer fassen können. Um es gleich pointiert zu sagen:

In den drei Reisen zu den Tyrannen von Syrakus kommt der Sokratiker

Platon zum Zuge, der Verfasser der Politela; den Pythagoreer Platon

gehen diese Reisen nichts an. Es kann sich nicht darum handeln, das

ganze Material auszubreiten. Wir beschränken uns zur Hauptsache auf

die Eine Frage: Wie wird der Beginn jeder der drei Reisen dargestellt

und motiviert und wie das Ende? Zuvor nur noch eine Bemerkung,

die im besonderen den ominösen Siebenten Brief angeht. Ich habe an-

derswo (Didactica Classica Gandensia 20, 1980) begründet, weshalb

ich diesen Brief, wie alle anderen Briefe, für unecht halte. Hier nur zwei

Ergänzungen.

Die Faszination, die der ausserordentlich geschickt abgefasste Brief

auszuüben vermag, beruht nicht zuletzt darauf, dass der Verfasser es

verstanden hat, das Drama vollständig auf die drei Hauptakteure zu

konzentrieren: den Philosophen, den Fürsten (vertreten durch Diony-

sios II.) und Dion, den dritten Mann, der der Philosophie ebenso nahe

steht wie dem Fürstentum. Die Nebenfiguren werden entweder über-

haupt eliminiert oder dann lediglich mit vagen Andeutungen bedacht.

Ich erinnere indessen daran, dass nach anderer Ueberlieferung Platon

auf den späteren Reisen sich durch Speusippos (Frg. 15 Isn.; vgl. Diog.

Laert. IV 2 und Frg. 7 Isn.) und Xenokrates (Frg. 12 Isn.; vgl. Diog.

Laert. IV 8 und 11) hat begleiten lassen, und dass zu derselben Zeit

160

wie Platon auch andere Sokratiker, vor allem Aristippos und Aischines

(vgl. Aristippos Frg. 25-43 Giannant.), auch Antisthenes (Frg. 32, 166

Giannant.) sich in Syrakus aufgehalten haben. Auf der anderen Seite

muss der als Historiker hoch angesehene Philistos von Syrakus unter

den Gegnern Platons in Syrakus der bedeutendste gewesen sein (FGrHist

556 t 5-7). Keine dieser Gestalten wird im Brief erwähnt; die künst-

lerische Absicht, alles Licht auf die drei Helden der Tragödie fallen

zu lassen, ist mit Händen zu greifen.

Von der Atmosphäre, die beim ersten Aufenthalt Platons in Sy-

rakus herrschte, ist im Briefe nur in allgemeinen Wendungen die Rede

(326b-327b). Die krasse und nicht übermässig originelle Gegenüber-

stellung eines Lebens der ἡδονή, das Platon in Sizilien vorgefunden

zu haben behauptet, und des Lebens der ἀρετή, dem sich zu weihen

Dion unter Platons Einfluss freudig entschlossen ist, beherrscht den

ganzen Abschnitt (vgl. 335 b). Von persönlichen Beziehungen zwischen

Platon und Dionysios I. ist nirgends die Rede. Auch dies überrascht.

Andere Traditionen haben Einiges zu berichten gewusst, so Diog. Laert.

III 18-19, Plut. Dion 5, 1-6 und 9, 3-4 und 9, 8. Zum Teil spielen

diese Berichte an auf eine zusammenhängende Darstellung, die uns im

Auszug bei Olymp, comm. in Alc. I p. 2, 99-110 ed. Westerink am

besten greifbar ist. Dionysios I. stellt Platon vier Fragen. Die erste:

Welcher Mensch ist εὐδαίμων? Die Antwort: Sokrates (die Imitation

von Her. I 30-31 ist evident). Die zweite: Was ist die Aufgabe des

Staatsmannes? Antwort: Die Bürger βελτίους ποιεῖν. Dazu ist der

Hintergrund Plat. Gorg. 503 b-d und 515 b-517 A. Die dritte: Ist nicht

das ὀρθῶς δικάζειν etwas Gutes? Die Antwort: Es ist nur das zweit-

beste, da der gerechte Richter nichts anderes tut als der Flickschneider,

der die zerrissenen Kleider wieder zusammennäht (vgl. Olymp. comm.

in Gorg.
p. 212,15-19 ed. Westerink), d.h. es ist besser, dass die

Kleider nicht zerreissen und dass man des Richters nicht bedarf. Diese

Stelle ist von beträchtlichem Interesse, erstens weil der Berichterstatter

ausdrücklich beifügt, Dionysios sei wegen seines ὀρθώς διπάζειν be-

kannt gewesen, — ein Lob, das man bei einem Tyrannos nicht ohne

wreiteres erwartet; zweitens, weil, sie auf eine These zurückführt,

die im platonischen Gorg. 464 b-465 e stillschweigend vorausgesetzt

und erst in 478 c flüchtig berührt wird: wünschbar ist nicht, sich

161

vom Arzte heilen zu lassen, sondern des Arztes überhaupt nicht zu

bedürfen. Die vierte Frage: Setzt die Tyrannis nicht Mut voraus? Die

Antwort: Im Gegenteil, da es keinen feigeren Menschen gibt als den

Tyrannen, der sogar das Messer des Friseurs fürchten muss (was mit

Plut. Dion 9, 3 und Cic. tusc. disp. V 58 zusammengeht). Der Text

ist, wie wir ihn besitzen, dürftig, aber nicht ohne Interesse; zum plato-

nischen Gorgias muss eine Beziehung bestehen, die wir allerdings nicht

genauer zu umschreiben vermögen. Diog. Laert. III 18 scheint auf eine

weitere, dem Gorgias nahestehende Frage anzuspielen, doch da ist der

Text in Unordnung. Beachtenswerter ist Plut. Dion 5, 3-4: Dionysios

fragt den Philosophen, wozu er eigentlich nach Sizilien gekommen sei,

und dieser erwidert spitz: «Um einen ἀγαθὸς ἀνήρ zu suchen», was

den Tyrannen zu der bösen Replik veranlasst: « Offensichtlich hast du

noch keinen gefunden». Man wird dazu teils Diog. Laert. VI 41, teils

Plut. mor. 220 d vergleichen. Im Siebenten Brief findet sich nichts

dergleichen; ihm kommt es nur auf die effektvolle (und letzten Endes

von Banalität nicht freie) Gegenüberstellung von Laster und Tugend

an.

Dem ersten Zusammentreffen Platons mit Dionysios I. widmet

Diog. Laert. einen merkwürdigen Satz III 18. Auffallend ist schon, dass

der Tyrann, offenbar um ihn von seinem Sohne zu unterscheiden,

ausdrücklich ὁ Ἑρμοκράτους heisst; da scheint ein alter Autor benutzt

zu sein. Dann hören wir, Dionysios habe ihn zu einer Zusammenkunft

“gezwungen”. Was das besagen soll, wissen wir nicht (auch der Sie-

bente Brief 329 de führt nicht weiter). Die nächsten Parallelstellen

Prolegomena p. 4, 13 ed. Westerink, Olymp. in Alc. I p. 2,97-98

ed. Westerink, in Gorg. p. 211,25-26 ed. Westerink sind völlig nichts-

sagend. Umso bemerkenswerter ist einesteils der Siebente Brief 326 de,

andernteils (z. T. von jener Stelle abhängig) Plut. Dion 4, 3-4. Da hören

wir, dass offenbar ein Gott es veranlasst hat, dass Platon nach Syrakus

kam. Der Platon des Briefes versteht sich als Werkzeug einer Gottheit,

um Syrakus von der Tyrannis zu befreien. Was konkret den Anstoss

dazu gegeben hat, dass Platon von Tarent (wie wir annehmen müssen)

nach Syrakus weiterreiste, wird nicht mitgeteilt. Wenn über den un-

mittelbar darauf folgenden späteren Akt zwei einander entgegengesetzte

Versionen belegt sind, so ist dies eine andere Sache: bei Plut. Dion

162

4, 4-5 macht zuerst Dion die Bekanntschaft Platons und ist durch den

Philosophen und die Philosophie derart ergriffen, dass er Dionysios

veranlasst, selber eine Begegnung mit Platon zu suchen. Bei Corn. Nepos,

Dion 2, 2 dagegen scheint zuerst Dionysios durch Archytas von Tarent

Platon kennen gelernt zu haben und gewährt danach auch Dion den

Wunsch, ihn mit Platon zusammenzubringen. Was die historisch rich-

tige Version ist, ist, wie in allen derartigen Fällen unentscheidbar; und

die erste Frage, wie Platon überhaupt mit Dion oder Dionysios in einen

Kontakt kam, ist mit keiner der beiden Versionen beantwortet.

Wichtiger ist allerdings der Gedanke, dass eine Gottheit dies alles

so gelenkt habe. Er weist unverkennbar hinüber auf das Ende der

ersten Reise, wie es von Diog. Laert. iii 19-20 erzählt wird. Die

einfachste Fassung, mit der wir uns hier begnügen dürfen, ist die, dass

der Tyrann zunächst in seinem Zorne Platon töten lassen will, dann

aber von Dion und Aristomenes (wer dies ist, wird dem Leser nirgends

gesagt) beschwichtigt wird. Er übergibt aber Platon dem spartanischen

Flottenführer und Gesandten Pollis, der zufällig gerade in Syrakus ist,

mit dem Auftrag, ihn in Aegina als Sklaven zu verkaufen. Dies geschieht,

doch abermals zufällig stellt sich Annikeris von Kyrene ein, der Platon

freikauft, so dass dieser glücklich in Athen ankommt. Pollis dagegen

hat durch sein Verhalten den Zorn der Gottheit auf sich geladen und

findet seine Strafe. Bei der Naturkatastrophe, die 376 die Stadt Helike

an der Nordküste Achaias im Meere versinken liess, geht er zusammen

mit seinem Schiff unter.

Für den antiken Leser wohl noch mehr als für den modernen ist

dieser Ausgang befremdlich, da ein derartiger Verkauf in die Sklaverei

in jenem von Kriegen Aller gegen Alle heimgesuchten Jahrhundert ein

nicht allzu seltenes Missgeschick war, das meistens damit endete, dass

man Freunde mobilisierte, die die Summe für den Freikauf zur Ver-

fügung stellten (der moderne Leser wird überdies nachrechnen, dass

die Schuld des Dionysios weit grösser war als die des Pollis). Dennoch

gilt die Tat des Pollis als ein ruchloses Vergehen gegen die Götter.

Zu verstehen ist dies nur, wenn man den Brief 326 de und Plut. Dion

4, 3-4 dazunimmt: Platon ist von Anfang an, wie ich sagte, das Werk-

zeug der Gottheit für ihre Pläne, und wer diese Pläne stört, macht

sich zum Feind der Gottheit. Die Vermutung drängt sich auf, dass

163

das Ganze aus dem Dialog Περί εύσεβείας des Herakleides Pontikos

stammt, wo Frg. 46 W. ausführlich der Untergang von Helike und

Bura als eine Folge der Gottlosigkeit ihrer Bewohner geschildert wird.

Dass der besondere Fall des Pollis in dem Frg. nicht erwähnt wird,

ist, wie ich glaube, kein Einwand. Platon als einen Mann darzustellen,

der unter dem besonderen Schutz der Gottheit stand, passt aufs beste

zu Herakleides; dass er auch berichtet hat, wie Platon ihn beauftragte,

nach den Werken des Epikers Antimachos zu forschen (Frg. 6 W.),

habe ich schon früher erwähnt. Ebenso wird auch er selber erzählt

haben, Platon habe ihn für die Dauer seiner dritten Reise nach Syrakus

mit der Leitung der Akademie betraut (Frg. 2 W.). Ob und wie weit

dies zutrifft, ist hier nicht zu untersuchen; nach der arabischen bio-

graphischen Ueberlieferung hat Platon vielmehr für die Dauer seiner

zweiten Reise Aristoteles mit der Stellvertretung in der Akademie

beauftragt (vgl. I. Düring, Aristotle in the Ancient Biographical Tradi-

tion,
Göteborg 1957, S. 198, 214). Der Verdacht besteht, dass es sich

in beiden Fällen um Erfindung handelt mit dem Zweck, den einen

oder den anderen für die Nachfolge des Speusippos zu empfehlen.

Was Platons Schicksal angeht, so ist hier nur festzuhalten einmal,

dass die Notiz Diog. Laert. III 9, Dionysios I. habe ihn mit einem

ungeheuren Geldgeschenk nach Athen entlassen, mit der Pollis-Erzäh-

lung völlig unvereinbar ist, und sodann, dass der Siebente Brief nicht

das geringste darüber sagt, wie Platon nach dem Ende des ersten

Aufenthalts von Syrakus wieder nach Athen gelangte. Der Verfasser

ist offensichtlich an der Person des älteren Dionysios überhaupt nicht

interessiert. Ihm liegt nur an dem Dreieck Platon-Dion-Dionysios II.,

im Unterschied zu Plutarchs Dion, in welchem das Schicksal des jün-

geren Dionysios sehr stark durch den Charakter und das Verhalten

seines Vaters mitbestimmt ist. Im Briefe ist (von 327 B an) Platon

einfach wieder in Athen, und die Vorbereitungen zur zweiten Reise

laufen an.

Hier wird nun Diog. Laert. III 21 interessant. Platon hat die

Absicht, die Staatsordnung die er in seiner Politeia entworfen hatte,

in Sizilien zu verwirklichen, Dionysios scheint darüber schon im Bilde

zu sein. Platon bittet ihn darum, ein Territorium und Menschen für

seinen Staat zur Verfügung zu stellen, und Dionysios sagt dies zu.

164

Da ist also Platon ganz und ausschliesslich Schüler des Sokrates, der

ihn nach III 8 die politische Philosophie gelehrt hat. Dasselbe meint

im Prinzip Olymp. in Alc. I p. 2, 115-119 ed. Westerink. Dion schreibt

an Platon einen Brief des Inhalts, der Regierungsantritt Dionysios II.

erlaube die Hoffnung, die Tyrannis in eine Aristokratie zu verwandeln,

also nach dem Schema der platonischen Politeia die schlechteste Staats-

ordnung in die beste.

Auch hinter den etwas verschrobenen Wendungen des Apul. de

Plat.
I 4 dürfte derselbe Sinn stecken: Platon reist nach Sizilien auf die

Bitte des Dionysios hin, den Syrakusanern Beistand zu leisten (dazu

immerhin der Dritte Brief 315 d, 319 d; da handelt es sich um die

Verwandlung der Tyrannis in eine Königsherrschaft, s.u. und die

Gesetze der Poleis jener Gegend kennen zu lernen. Offenbar sollen die

vorhandenen schlechten Gesetze in bessere umgewandelt werden.

Umständlich und wortreich werden im Siebenten Brief 327 c-329 b

die Voraussetzungen und Absichten, die zu der zweiten Reise führen,

erörtert. Zuerst wird vom leidenschaftlichen Bemühen Dions gesprochen,

mit Hilfe des jungen Fürsten in Italien und Sizilien einen wahrhaft glück-

seligen Zustand des Friedens zu erreichen; seine Hoffnungen gipfeln in

einem Hinweis auf das zentrale Paradoxon der Politeia 473 cd, das nach

dem Briefe schon für Platon selber vor dem Antritt der ersten Reise

der Leitgedanke aller politischen Tätigkeit gewesen war (326 ab). Platon

hat seinerseits für die zweite Reise zwei Motive: er will sich nicht selber

vorwerfen müssen, dass sein Tun ein blosser λόγος und kein ἔργον sei

(was wiederum mit 473 A zusammenhängt, dazu Tim. 19 b-e) und er

darf das Vertrauen Dions nicht enttäuschen. Später wird nochmals in

335 D und 336 E auf das Paradoxon angespielt. Was also Diog. Laert.

konkret als Forderung formuliert, ist hier nicht mehr und nicht weniger

als die Verwirklichung des Programms der Politeia.

Freilich verschwindet dieser Plan nach Platons Ankunft in Syrakus

fast augenblicklich von der Bildfläche. Denn nur wenige Monate später

(329 BC) wird Dion aus Syrakus entfernt unter der Anschuldigung, er

betreibe den Sturz der Tyrannis. Diese Anschuldigung wird man nicht

grundlos nennen, auch wenn 329 C, wie der ganze Siebente Brief durch

die Vieldeutigkeit des Begriffs der Tyrannis belastet sind. Ueber das

geschichtliche Phänomen, das wir als die sizilische Tyrannis kennen,

165

schiebt sich immer wieder die platonische Konstruktion resp. 562 A-

576 B, deren Regent der radikal ungerechte Anti-Philosoph ist; die

Frage, wie sich die Realität der Politie von Syrakus zu jenem “Ideal-

typus” verhält, wird vom Verfasser des Briefes absichtsvoll offen ge-

lassen. Der Brief gelangt jedenfalls rasch zum Ende des zweiten Aufent-

haltes. 330 c registriert nur eben die Abreise, während 338 A, auch

Plut. Dion 16, 4 und der Dritte Brief 317 A in unbestimmten Wendun-

gen von einem Krieg reden, der die ganze Aufmerksamkeit des Diony-

sios beansprucht, so dass dieser Platon, offenbar in höflichster Weise

bittet, abzureisen und nach dem Ende der Feindseligkeiten wieder zu

kommen. Die Historiker haben sich den Kopf darüber zerbrochen, um

was für einen Krieg (gegen die Karthager? gegen die Lukaner?) es sich

gehandelt haben könnte. Die Texte geben nicht den geringsten Anhalt-

spunkt, so dass der Verdacht erlaubt ist, es handle sich um eine nicht

sehr elegante Erfindung. Der Krieg wird wie ein deus ex machina

eingesetzt, um Dionysios und Platon auf eine unanfechtbare Weise

von einander zu trennen. Erst die dritte Reise kann sinnvollerweise

mit einem Bruch enden. Diog. Laert. III 21-22 verlegt allerdings den

Bruch in die zweite Reise, was zur Folge hat, dass er über das Ende

der dritten Reise nur zu sagen weiss, sie sei erfolglos verlaufen (III 23).

Darüber unten noch etwas. Die dritte Reise setzt das Zerwürfnis

zwischen Dionysios und Dion voraus; und zwar kommen zum Vorwurf,

Dion wolle die Tyrannis stürzen, finanzielle Auseinandersetzungen hinzu.

Dionysios beginnt, die Hand auf das ausserordentlich grosse Vermögen

Dions zu legen. Der Siebente Brief hinterlässt den Eindruck, als reduzier-

ten sich in der Endphase des Dramas die philosophischen und politischen

Probleme auf die Frage der ökonomischen und sozialen Rehabilitation

Dions (vgl. Plut. Brutus 56, 5, auch 56, 7).

Diog. Laert. III 23 beschränkt sich auf die dünne Bemerkung,

Platon habe die dritte Reise in der Absicht angetreten, Dionysios und

Dion mit einander zu versöhnen. Der Siebente Brief 338 e-340 a bietet

eine doppelte Motivierung. Dionysios beginnt eine leidenschaftliches

Interesse an der Philosophie zu nehmen, und auch Archytas und die

Freunde in Tarent senden Briefe, in denen sie die Begeisterung des

Dionysios für die Philosophie loben und Platon ermahnen, sie ent-

sprechend zu honorieren. Dazu tritt eine eigentliche Erpressung. Dio-

166

nysios stellt Platon in Aussicht, wenn er nach Syrakus komme, würden

die Angelegenheiten Dions nach Dions Wunsch geregelt werden; wenn

nicht, dann eben nicht. So wird eine Triere abgeschickt, um Platon

in Athen abzuholen, und mit der Triere reist Archedemos, ein von

Platon besonders geschätzter Vertrauensmann des Archytas. Plut. Dion

18 folgt ziemlich genau dem Siebenten Brief. Der Dritte Brief 317 bc

spricht nur von der Erpressung und fügt bei, es seien bei Platon ganze

Mengen von Briefen des Dionysios und der Freunde in Italien und

Sizilien eingetroffen. Wir haben in der Tat eine Ereignisfolge, in der

das Hin und Her von Briefen eine erstaunlich grosse Rolle gespielt zu

haben scheint; doch dass in der Mitte des 4. Jhd. ein derart ausgebauter

Briefverkehr möglich war, darf man bezweifeln. Wir werden dies Alles

dem 2. Jhd. geben, in dem die Publikation von Briefsammlungen

(“Briefromanen”) geradezu Mode geworden zu sein scheint; den Ursa-

chen dieser Mode nachzugehen wäre interessant; doch müssen wir hier

darauf verzichten.

Olymp. in Alc. I p. 2, 188-192 ed. Westerink bringt die Er-

pressung in einer krass übertreibenden Variante: Dion wird seines

ganzen Vermögens beraubt und von Dionysios ins Gefängnis geworfen.

Umgekehrt erzählt Apul. de Plat. 4, Platon habe es auf seiner Reise

erreicht, dass der verbannte Dion wieder in seine Heimat zurückkehren

durfte.

Was die letzte Rückkehr Platons anlangt, so bemerkt Diog. Laert.

III 23 äusserst trocken, Platons Intervention sei erfolglos gewesen,

und so sei er eben nach Athen zurückgekehrt.

Einen detaillierten, aber in einem wichtigen Punkt bewusst zwei-

deutig gehaltenen Bericht bietet der Siebente Brief 350 ab. Jede Hoff-

nung auf ein finanzielles Arrangement zwischen Dionysios und Dion

hat sich zerschlagen. Unter einem, wie Platon behauptet, nichtigen

Vorwand entfernt Dionysios Platon aus der Akropolis und weist ihm

eine Wohnung bei einem Archedemos zu, anscheinend demselben, der

in 339 A als ein von Platon hochgeschätzter Vertrauensmann des Ar-

chytas figuriert, im Zweiten Brief 310 b und im Dritten Brief 319 a

zwischen Platon und Dionysios als Mittelsmann fungiert. In unserem

Kontext hören wir wenig später, dass die Wohnung des Archedemos

sich in den Quartieren der μισθοφόροι befindet, und Platon vernimmt,

167

dass eine Gruppe dieser Söldner ihm nach dem Leben trachtet. In

der Bedrängnis alarmiert er Archytas und die Freunde in Tarent. Ein

Dreissigruderer wird unter dem Vorwand einer Gesandtschaft abge-

schickt mit Lamiskos als Vertreter des Archytas an Bord. Dieser stellt

an Dionysios die ultimative Forderung, Platon wegreisen zu lassen.

Dionysios gibt sofort nach und versieht Platon noch mit dem nötigen

Reisegeld. Die Absicht ist deutlich, die Verantwortung des Dionysios

für das Debakel nicht allzu gross erscheinen zu lassen; dies hängt nun

wiederum mit dem 350 cd mitgeteilten Entschluss Platons zusammen,

aus Rücksicht auf Dionysios in dem nun ausbrechenden offenen Krieg

zwischen Dion und Dionysios neutral zu bleiben. Plut. Dion 19, 8-20, 4

entspricht dem zur Hauptsache. Beigegeben wird nur eine kurze Epi-

sode 20, 2-3, die sich in charakteristisch abgewandelter Form auch bei

Diog. Laert. iii 21 findet. Diog. Laert. verlegt sie erstens an das Ende

der erste Reise Platons nach Sizilien und macht konsequenterweise

(da es ja nicht zu einem ordnungsgemässen Abschied zwischen Platon

und Dionysios kam) aus dem Wortwechsel einen Austausch von Briefen.

In beiden Versionen wird die Geschichte erfunden sein, zumal da die

arrogante Bosheit der Replik Platons völlig dem überheblichen Ton

entspricht, in dem der ganze Siebente Brief Dionysios II. behandelt.

Bemerkenswert ist auch, wie schon erwähnt, dass Diog. Laert. die

Intervention des Archytas zur Rettung Platons aus der dritten in die

zweite Reise verlegt. Er steuert auch einen Brief des Archytas an Dio-

nysios bei, an dem zweierlei auffällt: einmal wird als Abgesandter des

Archytas neben Lamiskos auch Photidas genannt, und sodann wird

überraschend diskret angedeutet, falls es zwischen Dionysios und Pla-

ton Streit gegeben habe, so möge Dionysios ἀνθρωπίζειν, also angesichts

der Schwäche des Menschen nachsichtig sein. Dies kann so ausgelegt

werden, dass auch Platon an dem Zerwürfnis nicht ganz unschuldig

war und darum ebenso der Nachsicht bedurfte wie Dionysios.

Da über das Ende der dritten Reise weder Apuleius noch die Prole-

gomena
noch Olympiodor sich äussern, könnten wir nun gleich zu den

beiden Fragen übergehen, die als letzte hier zur Sprache kommen sollen:

Wie steht es mit dem Porträt des Dionysios I. und vor allem II. und

wie mit demjenigen Dions, dem Platon ein berühmtes, bei Diog. Laert.

168

iii 30 aus dem hellenistischen Aristippos zitiertes Epigramm gewidmet

haben soll?

Zuvor aber noch zwei Kleinigkeiten.

Nach Diog. Laert. iii 23 hat sich Platon nach dem Scheitern seiner

Pläne in Syrakus entschlossen, sich ganz aus der Politik zurückzuziehen.

Betont wird, wie überraschend dies ist, da seine Schriften ihn als

πολιτικός ausweisen. Da wird also noch einmal Platon als Sokratiker

verstanden. So bedarf auch der Rückzug der Begründung, die gleich

doppelt gegeben wird. Das erste Kemmnis ist das Volk von Athen. Vage,

um nicht zu sagen konfus wird erklärt, die Athener hätten sich schon an

«ἄλλα πολιτεύματα gewöhnt. Wa das heissen soll, wissen wir nicht.

Entweder wird auf politische Vorgänge in der ersten Hälfte des 4. Jhd.

angespielt, von denen wir keine Ahnung mehr haben, oder es wird

das, was die apol. 31 c-32 A als Haltung des Sokrates bekennt, auf

Platon übertragen (vgl. auch resp. 496 cd), oder es wird endlich einfach

auf die Darlegungen des Siebenten Briefes 324 b-326 b zurückgegriffen

(die ihrerseits sonderbar genug stilisiert sind).

Ungleich präziser ist der zweite Bericht, der etwas ausführlicher

bei Ael. var. hist. ii 42 vorliegt. Danach haben die gegen Sparta sieg-

reichen Arkader und Thebaner bei der Gründung von Megalopolis

366 Platon angefragt, ob er ihr Gesetzgeber werden wolle. Er lehnt

jedoch ab, weil sie nicht bereit sind, das Prinzip der lsonomia anzuneh-

men. Dies stimmt zwar bestens mit dem Siebenten Brief 326 d und

335 D überein, aber sehr wenig mit der Konstruktion der Politeia, in

der die lsonomia gerade ein Kennzeichen der äussersten Demokratie

ist (516 E, 563 B). Man darf vermuten, dass derjenige, der Platon gegen

die Arkader und Thebaner so argumentieren Hess, gar nicht von der

Politeia ausging, sondern vielmehr vom Gorgias, wo Sokrates in der

Tat die lsonomia gegen die Pleonexia des Kallikles ausspielt, und wir

erinnern uns, dass auch zu dem Gespräch Platons mit Dionysios I.

der Gorgias den Hintergrund bildete. Im Blick auf die Wirkungs-

geschichte der Dialoge Platons wird man dies beachten müssen.

Interessant ist, dass Ael. var. hist. II 30, dann auch Plut. ad princ.

inerud.
779 D einen zweite derartige Anfrage an Platon kennen, aus-

gehend von Kyrene. Diese lehnt er ab mit der Begründung, die Kyre-

naiker lebten in solcher τρυφή, bzw. ἡδονή, dass es keinen Sinn habe

169

ihnen Gesetze zu geben. Auch da scheinen die Kategorien des Gorgias

einzuwirken.

Abermals anders berichtet Plut. adv. Col. 1126 cd, Platon habe

den Arkadern Aristonymos als Gesetzgeber gesandt, den Eleern Phor-

mion und den Leuten von Pyrrha Menedemos. Da soll er also in nicht

unerheblichem Masse zum mindesten indirekt gesetzgeberisch tätig ge-

wesen sein. Was daran historisch ist, können wir nicht wissen. Dass es

den Erben Platons daran gelegen sein musste, nicht bloss Missdeutungen

der Reisen nach Syrakus abzuwehren, sondern auch das Scheitern in

Syrakus durch Erfolge in anderen Poleis gewissermassen wettzumachen,

kann man verstehen.

Den politischen Hoffnungen Platons steht die Gründung der

Akademie gegenüber. Davon spricht Diog. Laert. nur beiläufig: iii 5

schief formuliert, da der κῆπος am Kolonos gerade die Academie

selber ist, dann iii 7 über den Namen der Akademie, wo dem Leser

nicht klar wird, welche Bedeutung die Namensänderung Ἑκαδημία

in Ἀκαδημία gehabt hat. Man möchte annehmen, dass sie an einer

bestimmten Pointe hängt, wenn noch Timon von Phleius in der Mitte

des 3. Jhd. den alten Namen verwendet. Nach iii 20 hat Dion das

Geld für den Freikauf Platons gesandt, doch wurde es nicht dazu

verwendet, sondern zum Ankauf des κηπίδιον für die Akademie.

Endlich hören wir iii 41, dass Platon im Garten der Akademie be-

graben wurde. Das ist alles; die Gründung und Organisation der

Schule als solche hat Diog. Laert. nicht interessiert.

Ein Wort noch über das Schülerverzeichnis iii 46-47. Die Relation

zum Verzeichnis im Ind. Acad. Herc. (am besten zugänglich jetzt bei

Xenokrates Frg. 1 Isn.) berühre ich nicht, sondern mache nur auf

einen einzelnen Punkt aufmerksam. Das Verzeichnis nennt 17 Männer

und 2 Frauen. Von diesen 17 Männern stammen nicht weniger als 13

aus dem Nordosten der griechischen Oikumene (den Platon selber nie

besucht hat), 3 sind Athener und für den Westen wird ausschliesslich

Dion genannt, der höchstens in einem sehr begrenzten Sinne als Pla-

tons Schüler gelten kann. Generell ist, von der regionalen Verteilung

abgesehen auffallend, dass in beiden Verzeichnissen Männer erscheinen,

deren Bindung an Platon sich wesentlich darin zu erschöpfen scheint,

dass sie sich um den Sturz einer Tyrannis verdient gemacht haben;

170

kein Zweifel, dass ihre Erwähnung den Zweck hat, nachzuweisen, dass

Platons Lehren im Gorgias und in der Politeia nicht blosse Theorie

geblieben sind, sondern eindrucksvoll in die politische Praxis einge-

griffen haben.

Was das Problem der regionalen Aufteilung angeht, so ist die

nächstliegende Vermutung die, dass die politischen Verhältnisse des

4. Jhd. da eine Rolle gespielt haben müssen. Der Nordosten der grie-

chischen Oikumene ist ja schon seit dem Ende des 6. Jhd. eine der

wichtigsten Interessensphären Athens gewesen, wirtschaftlich ebenso

wie politisch-militärisch. Ob ausserdem andere Momente eingewirkt

haben, können wir nicht sagen.

Es bleiben also noch die zwei letzten Hauptprobleme: das Porträt

der beiden Dionysios einerseits, Dions andererseits. Wir werden uns

auf Diog. Laert. konzentrieren und andere Texte, die Briefsammlungen,

Plut. Dion u.a. nur subsidiär heranziehen.

Gleich das ἠνάγκαζεν iii 18 charakterisiert Dionysios I. als Ty-

rannen. Es folgt das auf zwei “Momentaufnahmen” reduzierte Ge-

spräch. Platon urteilt über die Tyrannenmacht wie es Sokrates im

Gorgias getan hatte, doch was darauf folgt, ist fehl am Platze. Die

Pointe besteht natürlich in den zwei Neologismen, doch ist es unsinnig,

Platon im Jahre 388/7, in dem er rund vierzig Jahre alt war, ein

γεροντιῶσι, vorzuwerfen. Dies passt vielmehr in den letzten Aufent-

halt, 28 Jahre später; da ist dann Platon wirklich ein alter Mann

(vgl. Ep. iii 317 c). Eine ähnliche Verschiebung hat in iii 21 stattge-

funden. Da schreibt also Dionysios I. Platon einen Brief nach Athen

mit der Bitte, nichts Böses über ihn zu sagen. Dies ist doppelt un-

wahrscheinlich. Der Tyrann, der kalkuliert Platon dem Pollis ausge-

liefert hat, um ihn verschwinden zu lassen, hat sicherlich nicht hin-

terher einen solchen Brief geschrieben; ausserdem wird er etwas älter

gewesen sein als Platon; dass er sich dem jüngeren Partner gegenüber

so ängstlich besorgt um seinen guten Ruf gezeigt hätte, glaubt man

nicht. So wird man sich eher an die Version Plut. Dion 20,2-3

halten, wo es die letzten Worte des Dionysios II. an Platon vor dessen

endgültigem Abschied von Syrakus sind. Der Wortwechsel wirkt auf

uns eher zweideutig. Die Worte des Tyrannen sind wie der Ausdruck

des unruhigen Bewusstseins, Platon sei allzu schlecht behandelt wor-

171

den und habe Grund sich zu beklagen; in dieser Perspektive ist Platons

Replik eine reine Unverschämtheit.

Die Einordnung bei Plutarch ist sicher die richtige. Diog. Laert.,

dem es auf historische Kontinuität und Probabilität weniger ankam,

hat die Geschichte nach vorn geschoben.

Ganz dem Bild des bösartigen Tyrannen entspricht es, dass eine

Bemerkung Platons genügt, um Dionysios beschliessen zu lassen, Platon

zu töten, was nur durch die Intervention Dions und des Aristomenes

(den wir nicht kennen und über den Diog. Laert. nicht die geringste

Information bringt) verhindert wird.

Gegen all dies steht iii 9, falls es sich auf Dionysios I. bezieht.

Der in diesem Zusammenhang erwähnte Brief an Dion, der sich damals

in Syrakus befand, kann nur zwischen der ersten und der zweiten

Reise geschrieben sein. Dann wäre es also Dionysios I., der Platon

so ungeheuer beschenkt hat. Oder hat auch dies sich ursprünglich auf

Dionysios II. und Platons letzte Reise bezogen? Der Siebente Brief

350 B bemerkt, Dionysios II. habe Platon die ἐφόδια bezahlt, was in

dem (grotesk inkohärenten) Ersten Brief 309 c höhnisch als ein χρυσίον

λαμπρόν, beschrieben wird, das Platon aus Gründen der Selbstachtung

nicht annimmt, sondern durch einen (uns nicht näher bekannten) Bak-

cheios dem Tyrannen zurückbringen lässt. Bei Diog. Laert. nimmt er

die achtzig Talente an, was den bei Diog. Laert. genannten Onetor

zweifellos zu einer Diskussion der Frage angeregt hat, ob Platon als

σοφός gut daran getan habe, sich seine Leistungen in Syrakus derart

honorieren zu lassen. Ist das einzige andere Zitat II 114 auch aus dieser

Schrift? Zum Titel vgl. X 121.

Die Bekanntschaft mit Dionysios II. beginnt (iii 21) mit einem

Wortbruch des Tyrannen. Er hat Platon versprochen, ihm alles zur

Verfügung zu stellen, was dieser zur Gründung seines vollkommenen

Staates der Politeia benötigt, und hält dann das Versprechen nicht.

Dann aber stossen wir ein drittes Mal auf eine Umgruppierung.

Diog. Laert. erwähnt den Verdacht, Platon habe Dion und Theodotes

dazu überredet, durch einen Umsturz der Insel (faktisch ist minde-

stens ein Drittel der Insel damals in karthagischer Hand. Doch ähnli-

che Grossprecherei findet sich auch in den Briefen) die Freiheit wie-

derzugeben, also die Tyrannis zu beseitigen. Das bringt Platon, wie

172

Diog. Laert. sich ausdrückt «in Gefahr», ein bemerkenswert zurück-

haltender Ausdruck, wenn man sich an iii 19 erinnert, wo der Tyrann

auf ein Bonmot hin Platon gleich töten lassen will. Es folgt die oben

schon besprochene Intervention des Archytas, die bestimmt aber höf-

lich Dionysios an die Garantien erinnert, die er gegeben hat. Wer

Archytas ist, was ihn zu diesem Eingreifen legitimiert und wer die

Anderen sind (πάντες zweimal), in deren Namen er schreibt, erfahren

wir nicht.

Der Kontext im ganzen muss stutzig machen. Es ist nicht ein-

zusehen, wie eine dritte Reise nach Syrakus möglich werden konnte,

nachdem auf der zweiten Reise Platon schon in den Verdacht geraten

war, er wolle die Tyrannis stürzen. Wenn überhaupt, so kann dieser

Konflikt erst während der dritten Reise entstanden sein. In der Tat

tritt Theodotes erst im Verlauf der dritten Reise in Erscheinung (Ep.

iii 318 c, Siebenter Brief 348 c ff.) und wird dann zusammen mit

seinem Neffen Herakleides in der Politik von Syrakus immer wichtiger

(vgl. noch Ep. IV 320 e); Plut. Dion 12, 1 lässt das Misstrauen des

Tyrannen gegen Dion, Theodotes und Herakleides schon in der Zeit

des zweiten Aufenthalts Platons beginnen; es wird die Ursache der

abrupten Verbannung Dions, doch Platon bleibt von den Ereignissen

unberührt, im Gegenteil: Dionysios II. zeigt eine an μανία grenzende

leidenschaftliche Bewunderung für Platon (Plut. Dion 11,1 und 16,2).

Die bei Diog. Laert. der zweiten Reise zugewiesene Intervention des

Archytas erfolgt bei Plut. Dion 20,1 erst, nachdem sich Platon durch

die Söldner des Dionysios II. (nicht etwa durch den Tyrannen selbst)

bedroht fühlt, und führt zum Ende des dritten Aufenthaltes.

Die dritte Reise lässt Diog. Laert. ganz knapp ablaufen, ohne sich

weiter darüber zu äussern, welches der Gegenstand des Streites war,

warum dies Versöhnung zwischen Dion und Dionysios II. misslang

und was dann die Folgen dieses Fehlschlages waren.

Im ganzen bleibt bei Diog. Laert. das Paradeigma des Tyrannen

schlechthin herrschend. Einzelne Einschränkungen sind spürbar, doch

gerade nur so weit, dass man ahnt, dass es Erzählungen zum mindesten

von Dionysios II. gegeben haben muss, die ihn in einem ganz anderen

Licht erscheinen liessen. Es verlohnt sich, einen kurzen Blick auf Plut.

Timol. 13, 8-15, 11 zu werfen, wo einige dem Dionysios. II. wohl-

173

gesinnte Traditionen zu Worte kommen. Es ist im Blick auf die zahl-

reichen einander ganz oder halb widersprechenden Erzählungen über

Platons Bios von Interesse, sich zu vergegenwärtigen, dass auch das

Porträt Dionysios II. nicht einheitlich gewesen ist.

Was zunächst herausgearbeitet wird, ist das Schauspiel des Stur-

zes aus Glanz und Macht in die tiefste Erniedrigung. Das Stichwort

τύχη fällt in 14, 2, und man könnte mit dem Gedanken spielen, De-

metrios von Phaleron habe in seiner Schrift Περὶ τύχης (Frg. 79-81 W.),

für unser Wissen dem ältesten Werk mit diesem Titel, vom Schicksal

des Tyrannen gesprochen. Die Art freilich, in der die Lebensweise

des Dionysios in Korinth geschildert wird, krass realistisch und nicht

ohne grimmige Ironie (14, 3-4), erinnert an ähnliche Passagen in Plu-

tarchs Dion 7,3-7,9,2; da wäre man versucht, an die penetrante

Moralistik Theopomps zu denken. Eindrucksvoll ist das Apophthegma

des Dionysios II. in 15, 4, der auf die Frage, welchen Gewinn ihm

die Philosophie gebracht habe, antwortet: «Ein solches Umschlagen

des Schicksals gleichmütig zu tragen» (vgl. Plut. mor. 176 d). Die

Form des Apophthegmas ist als solche weit verbreitet (Diog. Laert. V

20; VI 63, dann die mit einander korrespondierenden II 68 und VI 6,

weiterhin Gnom. Vat. Nr. 36, 44, 182, 417, 430 Sternb. Was liegt

da zugrunde?). Noch erstaunlicher ist Gnom. Vat. Nr. 261, wo Diony-

sios im Exil erklärt, bei Platon habe er in früheren Zeit gelernt,

massvoll zu herrschen, jetzt massvoll zu leben. Es muss offen bleiben,

ob die flüchtige Anspielung des Ephoros FGrHist 70 F 220 genügt,

um bei ihm eine durchgehend positive Würdigung der Persönlichkeit des

Dionysios, zu der die beiden Apophthegmata passen, vorauszusetzen. Auf

sicherem Boden stehen wir mit dem ebenfalls von Plut. a. O. zitier-

ten Aristoxenos Frg. 32 W., wo Dionysios seinen Konflikt mit Platon

darauf zurückführt, dass keiner seiner sogenannten Freunde ihm mit

παρρησία begegnet sei. Das dürfte in den Platonbios des Aristoxenos

gehören, dessen platonfeindliche Tendenz Wehrli (zu Frg. 61-68), wie

ich glaube, stark übertrieben hat; die wenigen Reste reichen zu einem

solchen Urteil nicht aus, jedenfalls weder Frg. 62, noch 64, 65, 68,

so dass nur 67 übrig bleibt, dessen Tragweite schwer abzuschätzen ist.

Dass Aristoxenos dem Ruhme des Pythagoras zuliebe gleichmässig gegen

Sokrates wie gegen Platon wie gegen Aristoteles polemisiert habe, ist

174

nicht recht glaubhaft. Hübsch ist die Selbstironie in Plut. Timol. 15, 7

aus einem (von wem erfundenen?) Gespräch zwischen Dionysios und

Philipp von Makedonien bei einem Symposion, während die Anrem-

pelei des Diogenes (15, 8-9 vgl. mor. 783 d) genau so witzlos ist wie

das Bonmot des Apollonios Molon Diog. Laert. iii 34, von dem früher

die Rede war.

Allgemein gesprochen ist die Situation die, dass das Geschichts-

werk des Philistos, das als einziges die Sache der sizilischen Tyrannis

vorbehaltslos unterstützt zu haben scheint, fast völlig untergegangen

ist, abgesehen davon, dass es die Regierung des Dionysios II. nur bis

etwa 363/2 dargestellt hat; in den Kämpfen zwischen Dionysios II.

und Dion hat er 356/5 den Tod gefunden. Ephoros scheint seinen

Standpunkt weitgehend geteilt zu haben; doch dies ist das einzige,

was wir dank 70 f 220 wissen. Dies besagt, dass das Feld beherrscht

wird durch Theopomp auf der einen, Timaios auf der anderen Seite,

jener als Moralist mit Sympathien für den Kynismus, dieser als poli-

tischer Gegner jeder Tyrannis. Dazu wird man in Rechnung zu stellen

haben das, was man heute das ideologische Moment nennen mag: die

Konstruktion einer Tyrannis als der Herrschaft des radikal schlechten,

ebenso ungerechten wie zügellosen Menschen; eine solche Herrschaft

zu stürzen und den Tyrannos mit jedem Mittel zu beseitigen ist unein-

geschränkt legitim. Wir kennen diese Konstruktion aus Platons Gorgias

und Staat, doch sie muss schon beträchtlich früher geschaffen worden

sein und ihre Wirkung entfaltet haben. Anders ist es kaum zu erklären,

dass der Sturz der Peisistratiden (510/509) die keineswegs blutdürstige

Wüteriche waren, knapp vierzig Jahre später durch ein Denkmal

der als Helden gepriesenen Tyrannenmörder verherrlicht wurde.

Da hat schon die Ideologie, die uns bei Platon vorliegt, ihr Werk

getan; und ohne dass wir im einzelnen darauf eintreten wollen ist

auch das Porträt der beiden Dionysios in einem erheblichen Umfang

so stilisiert, dass es dem Paradeigma entspricht. Dann benehmen sich

beide so, «wie man sich eben als Tyrann benimmt». Das Paradeigma

ist das erste, historische Realität muss sich ihm anpassen.

Und nun zu Dion. Was uns über ihn mitgeteilt wird, bleibt von

Grund auf zwielichtig.

175

Bei Diog. Laert. begegnet er uns zuerst iii 3 als ein reicher Gön-

ner, der für Platon die Kosten einer Choregie übernimmt. Die Notiz

steht an einer falschen Stelle, an der richtigen dagegen bei Plut. Dion

17,5; denn dies kann nur geschehen sein in der Zeit zwischen der

zweiten und der dritten Reise, als Platon und Dion zusammen in Athen

weilten. Liegt bei Diog. Laert. ein reines Versehen vor oder soll man

die etwas extravagante Vermutung wagen, jemand habe die Notiz in

die Jugend Platons verlegt, weil er aus der Angabe, es habe sich um

einen χορὸς παίδων gehandelt (so Plutarch) gefolgert habe, Platon selber

habe als παῖς bei dieser Darbietung mitgemacht? Kann Athenodoros

oder Diog. Laert. selber so räsonniert haben?

Im nächsten Text iii 9 lesen wir von einem Brief Platons an

Dion mit der Bitte, ihn von Philolaos die drei Bücher des Pythagoras

zu kaufen. Da ist vorausgesetzt, dass Dion in Syrakus ist, aber auch

mit dem Pythagoreer Philolaos (in Tarent?) Kontakt hat. In iii 19

retten Dion und Aristomenes Platon vor den Drohungen des Dionysios

I. und in iii 20 sendet Dion das Lösegeld für Platon an Annikeris,

der Platon freigekauft hatte; dieser nimmt es an, doch nicht als Löse-

geld, sondern um damit für Platon das κηπίδιον in der Akademie zu

kaufen; wie sich dies zum κῆπος von iii 5 und zum Gymnasion in

iii 7 verhält, erfahren wir nicht. In iii 21 ist Platon der, der Dion

und Theodotes dazu antreibt, für Sizilien die ἐλευθερία zu erkämpfen,

ein Programm, das als solches mit der kurz zuvor erwähnten Hoffnung

Platons, durch Dionysios II. seinen vollkommenen Staat (also im Sinne

von resp. 473 cd) verwirklichen zu können, nichts zu tun hat. Nach

iii 23 scheitert die Versöhnung Dions mit Dionysios II. und in iii 25

schliesslich befindet sich Platon in Olympia und trifft dort Dion, der

im Begriffe ist, den Krieg gegen Dionysios zu eröffnen. Es verdient

Beachtung, dass alle Angaben über Dion von iii 9 an chronologisch

korrekt aufgereiht sind. Es bleibt das in iii 30 angeführte Epigramm,

auf das ich ganz am Schluss dieser Skizze zurückkommen möchte.

Im ganzen zeigt Diog. Laert. Dion als einen reichen Mann und

treuen Freund Platons, der zweimal mit seinem Vermögen für Platon

einspringt, andererseits aber mit Dionysios I. und II. in ständigem

Streit zu liegen scheint. Zur Ergänzung seien nun nur noch einige

Stellen aus den Dritten Briefen und Siebenten herausgegriffen.

176

Im Dritten Brief beginnt es nach Präliminarien über die ange-

messenste Anrede in einem Briefe 315 A-C (die irgendwie mit Diog.

Laert. III 61 Zusammenhängen müssen, wo allerdings der dritte Name

nach Platon und Epikur zweifellos verdorben ist) mit einem abson-

derlichen Vorwurf des Dionysios II. Dieser behauptet die Absicht zu

haben, die im Kriege gegen Karthago zurückeroberten griechischen

Städte neu zu besiedeln und zugleich in Syrakus die Tyrannis in ein

Königtum zu transformieren (wie dies möglich ist, führt Aristoteles

polit. E 11. 1314 a 31-1315 a 31 aus, vielleicht nicht ohne Seitenblick

auf konkrete Projekte wie das hier vorliegende); Platon aber habe ihn

gehindert, doch nun sei es Platon, der Dion veranlasst habe, dieses

Programm als sein eigenes zu verkünden. Dies zwingt nun Platon,

sich gegen zwei Vorwürfe zu verteidigen. Der erste ist, dass Platon

sich geweigert habe, mit Dionysios zusammen politisch tätig zu sein.

Dazu wird präzis erklärt (316C-318E): Platon ist nach Syrakus ge-

kommen auf Einladung sowohl seines alten erfahrenen Freundes Dion

wie auch des jungen, unerfahrenen und ihm gänzlich unbekannten

Dionysios. Sehr bald hat «ein Mensch oder ein Gott oder ein Zufall

zusammen mit Dionysios» den Dion aus Syrakus entfernt (die Wen-

dung erinnert natürlich an das oben notierte Stück aus Plut. Dion 4, 4),

und Platon seinerseits weigert sich, ohne den erfahrenen Freund allein

mit dem unerfahrenen jungen Fürsten politisch aktiv zu sein. Er reist

ab, kehrt aber unter dem Druck zahlloser Briefe wieder zurück in der

Absicht, Dion zur Heimkehr und zur Restitution seines Vermögens

zu verhelfen. Er macht 317 E/318 A einen höchst konkreten Vorschlag,

doch Dionysios hört nicht darauf, sondern verkauft rücksichtslos das

ganze riesige Vermögen Dions.

Da wird denn der Konflikt zwischen Dion und Dionysios unheil-

bar; der Leser allerdings wird sich fragen, was diese juristisch-ökono-

mischen Verwicklungen Platon eigentlich angehen. Der zweite Vorwurf

wird rasch abgehandelt 318E-319E. Mit allen nur wünschenswerten

Einzelheiten wird von einem Zwischenfall im Garten des Dionysios

berichtet. Platon besteht darauf, dass die Neubesiedlung der griechi-

schen Städte in Sizilien sein Plan gewesen sei, doch Dionysios repli-

ziert giftig, Platon habe daran noch eine Bedingung geknüpft, nämlich,

dass Dionysios sich zuerst die erforderliche παιδεία aneignen müsse.

177

Platon bestätigt, und Dionysios geht noch einen Schritt weiter und

insinuiert, Platon habe wohl unter der ihm fehlenden παιδεία die

Geometrie verstanden. Darauf ist nun Platon beleidigt, sagt aber dazu

nichts mehr, um seine Heimreise nicht zu gefährden. Der Brief endet

mit der Erklärung, Platon habe Dionysios gewiss nicht daran hindern

wollen, die Städte neu zu besiedeln und die Tyrannis in ein Königtum

umzuwandeln.

Von Philosophie ist, wie man sieht, nur an einer einzigen Stelle

in wenigen Worten die Rede. Im Mittelpunkt steht die politische

Programmatik einerseits, der Streit um die soziale und wirtschaftliche

Position Dions andererseits, beides Fragen, die mit der platonischen

Philosophie, wie wir sie aus den Dialogen vom Laches an kennen,

kaum etwas zu tun haben. Anders gesagt: Man braucht weder den

Gorgias noch die Politeia noch den Politikos gelesen zu haben, um

zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Was Platon mit Dion verband

und inwiefern er sich verpflichtet fühlen konnte, in die im Brief

skizzierten Angelegenheiten einzugreifen, bleibt, wie mir scheint, in

gewissem Sinne ein Rätsel.

Der Siebente Brief steht als Kunstwerk unvergleichlich viel höher

als der Dritte; doch im Verständnis der Ereignisse und der beteiligten

Personen bringt er uns nicht sehr viel weiter.

Sehr rasch wird 324 B das politische Programm genannt, dem

sich der junge Dion unter Platons Einwirkung zuwendet: für Syrakus

die Freiheit (also Sturz der Tyrannis) und die Möglichkeit κατὰ

νόμους τοὺς ἀρίστους, also in einer vollkommenen Staatsordnung zu

leben. Dann berichtet Platon von seinen eigenen politischen Erfahrun-

gen, die ihn schliesslich zu jener Einsicht bringen, die in resp. 473 CD

formuliert ist; der Satz wird 326 AB nahezu wörtlich zitiert. Wie weit

er mit 324 B zur Deckung gebracht werden kann, bleibt offen. Doch

wird er in 328 A, diesmal als das Ziel Dions, ausdrücklich wieder

aufgenommen; ein drittes Mal erscheint er 335 CD: Dionysios hat

sich die einmalige Chance entgehen lassen, Philosophie und Macht

in einer Person zu verwirklichen.

Wichtiger ist, wie der junge Dion in 327 AB charakterisiert wird.

Platon erklärt, ihm sei in seinem ganzen Leben kein junger Mensch

begegnet, der so εὐμαθής gewesen wäre wie Dion. Fragt man indessen

178

nach der Sache, die Dion bei Platon gelernt hat, so werden wir in

demselben Kontext einfach auf den eher banalen Gegensatz zwischen

einem Leben hemmungsloser Ausschweifung, wie es nach Platons Be-

hauptung die Sikelioten führen, und einem Leben der ἀρετή, wie es

Dion zu führen entschlossen ist, verwiesen. Dies scheint zu implizieren,

ohne dass es genauer dargelegt würde, dass Dion sich bei Dionysios II.

verdächtig macht. Wir hören in 328 d unerwartet von grossen Ge-

fahren, in denen er sich befindet, und in 329 c, dass er aus Syrakus

entfernt wird unter der Anklage, die Tyrannis beseitigen zu wollen.

Dies ist doppelt verwunderlich; denn dass schon das Programm Dions

in 324 B auf dieses Ziel hinausläuft, ist evident. Doch was Dion gemäss

327 B-328 C vorschwebt, ist etwas anderes: die Erziehung des Fürsten

zur Philosophie im Sinne von resp. 473 CD. Da stösst Platon indessen

auf den Widerstand des Dionysios. Dann aber 331 D-333 C kommt er

unerwartet auf das Programm zu sprechen, das wir aus dem Dritten

Brief kennen (Neubesiedelung der verwüsteten Griechenstädte in Sizi-

lien) und kombiniert dies nicht ohne Gewaltsamkeit mit dem Vorwurf,

der zum festen Bestand des Tyrannenporträts behört: der Tyrann hat

keine Freunde und vermag sich keine Freunde zu verschaffen. Den

Mördern Dions gegenüber wird in 335 E-336 B nicht ohne Feierlichkeit

Dions Programm, das nun die Freunde verwirklichen sollen, in Erin-

nerung gerufen: erstens Syrakus von der Tyrannis zu befreien, zweitens

den Bürgern die besten Gesetze zu geben und drittens ganz Sizilien

von der karthagischen Herrschaft zu befreien und neu zu besiedeln. Dies

ist ein sinnvolles Programm; aber man wird sich auch eingestehen,

dass es kaum der Philosophie Platons, wie wir sie kennen, bedarf, um

ein solches Programm zu entwerfen.

Zu 337 E-345 C hebe ich nur das eine hervor, Platons konstantes

Bemühen, Dionysios in die Rolle des täppischen, ebenso arroganten

wie unaufrichtigen Dilettanten in der Philosophie abzudrängen. Eine

Beziehung zwischen dem, was hier als Philosophie anvisiert wird, und

dem politischen Programm, sei es von 328 A, sei es von 335 E-336 B,

ist nicht zu erkennen. Umgekehrt ist es wieder ein Stück cliché-haftes

Tyrannenporträt, wie immer wieder (zum ersten Male schon in 329 DE)

die Verlogenheit des Tyrannen hervorgehoben wird; der Tyrann ver-

tritt eben prinzipiell die Lüge wie der Philosoph die Wahrheit.

179

Einigermassen hart ist nach der philosophischen Diskussion in

345 C der Uebergang zur letzten Phase der Ereignisse und damit zur

Frage nach Dions sozialer und wirtschaftlicher Situation. Dionysios

entschliesst sich, das gesamte Vermögen Dions zu blockieren, wogegen

nun Platon als Freund Dions heftig protestiert. Erstaunlich ausführlich

wird über Ueberlegungen Platons und Gespräche mit Dionysios be-

richtet 345 C-347 E. Platon erreicht nichts. Zwischenfälle, provoziert

durch die Absicht des Dionysios, den Lohn der Söldner herabzusetzen

(was man als einen ersten Versuch deuten könnte, im Sinne Platons

auf die Söldner als Stütze der Herrschaft überhaupt zu verzichten),

kommen dazu 347 E-349 C. Das schliessliche Ergebnis ist, dass Diony-

sios auf der Blockierung des Vermögens Dions beharrt, Platon sich

durch die Söldner bedroht fühlt und nur durch die Intervention des

Archytas (also diejenige, die Diog. Laert. III 21-22 in die zweite Reise

verlegt) aus seiner peinlichen Lage befreit wird. Platon verlässt Syrakus.

Es folgt eine letzte Begegnung Platons mit Dion in Olympia 350 B-

351 A (vgl. Diog. Laert. III 25): Dion ist entschlossen zu kämpfen, da

ihm der Tyrann die Herausgabe seines Vermögens verweigert, Platon

dagegen erklärt, im Kampfe neutral bleiben zu wollen. Dies gebietet

ihm erstens die Achtung vor Dionysios: Platon ist σύσσιτος συνέστιος

καὶ κοινωνὸς ἱερῶν des Dionysios geworden und zwar, wie betont

wird, unter der Verantwortung Dions; ausserdem rechnet er es Diony-

sios hoch an, dass er Platon nicht habe töten lassen, — doch von

einer solchen Absicht des Dionysios ist in 349 C-350 B nirgends die

Rede gewesen, sondern nur von Drohungen der Söldner. Erst in

zweiter Linie beruft sich Platon auf sein hohes Alter.

Wir unsererseits dürfen darüber überrascht sein, dass in dieser

Endphase der Ereignisse das philosophisch-politische Programm Platons

und Dions überhaupt keine Rolle zu spielen scheint und dass Platon

bei aller Solidarität mit Dion in seinen letzten Worten an Dion Distanz

zu wahren bestrebt ist; offensichtlich ist sein Wunsch, jede Mitverant-

wortung an den nun folgenden Ereignissen abzulehnen, grösser als

seine Sympathie mit Dion.

So fällt denn Dion nach qualvollen Verwicklungen, die Plutarch,

wohl im wesentlichen nach dem Bericht, dem Timonides von Leukas

dem Speusippos gesandt hat (FGrHist 561), in seiner Biographie mit

allen Einzelheiten schildert.

180

Und nun das Epigramm, das der hellenistische Aristippos zusam-

men mit zwei anderen bei Diog. Laert. iii 29-30 zitiert. Die zwei

Zweizeiler auf den Knaben Aster sind auf ihre Weise Meisterwerke

sparsamster Eleganz. Dass sie von Platon gedichtet sind, kann weder

bewiesen noch widerlegt werden.

Das Epigramm auf Dion ist komplizierter, und man versteht

zunächst nicht, was die Tränen Hekabes und der Troerinnen mit dem

Tode Dions zu tun haben. Offenbar handelt es sich um den Gegensatz

zwischen jenen, die am Ende eines erfüllten Lebens von der Kata-

strophe ereilt werden, und Dion, über den die Katastrophe hereinbricht

in dem Augenblick, in dem er sein Lebenswerk gerade beginnt. Dazu

kommt der letzte Vers, ein leidenschaftliches Bekenntnis der Liebe zu

Dion. Plutarch kennt das Epigramm nicht und auch die Brief Sammlung

erweckt nirgends den Eindruck, es habe zwischen Platon und Dion

ein erotisches Verhältnis im strengen Sinne des Wortes bestanden.

Man wird einwenden, dass Platon begreifliche Gründe genug hatte,

in seinen Briefen über ein solches Verhältnis, wenn es bestand, zu

schweigen. Als Gegenbeispiel mag man an Speusippos Frg. 7 Isn.

(vgl. Frg. 13) erinnern, wo von einem Brief des Dionysios II. an

Speusippos die Rede ist, in welchem anscheinend recht brutal von einem

Liebesverhältnis zwischen Speusippos und seiner Schülerin Lastheneia

von Mantinea gesprochen wurde.

Zu einer schlüssigen Entscheidung wird man auch da nicht gelangen

können. Was gegen das Epigramm spricht, ist, dass die letzte Zeile mit

dem Befund der Briefsammlung nicht in Einklang gebracht werden

kann. Was für die Echtheit spricht, ist eine gewisse Schwerfälligkeit

der Komposition und Diktion. Es ist im Gegensatz zu den Aster-

Epigrammen unzweifelhaft das Werk eines Dilettanten, so wie etwa

der bekannte Hymnos des Aristoteles an die Ἀρετά (Aristotelis car-

mina
Frg. 1 ed. Plezia) unbestreitbar und nachweisbar das Werk eines

Dilettanten ist; denn (von anderem abgesehen) Hermeias mit Herakles,

den Dioskuren, Achilleus und Aias zu vergleichen geht doch etwas zu

weit, — so wie bei Platon der Vergleich Dions mit Hekabe und den

Troerinnen verkrampft wirkt. Doch gerade dies kann im einen wie im

anderen Falle ein Zeichen der Echtheit sein.

181

Damit sei geschlossen. Das Porträt Dions bleibt zwielichtig, das

Porträt eines Mannes, der zwischen einer Leidenschaft für die Phi-

losophie, die doch nirgends über ein Bekenntnis zur ἀρετή und zu

einem einfachen und naheliegenden politischen Aktionsprogramm

hinausgeht, und einem sehr entschiedenen Interesse an seiner eigenen

sozialen und wirtschaftlichen Position zu schwanken scheint. Wie

weit entspricht dieser Eindruck der geschichtlichen Wirklichkeit und

wie weit geht er auf das Arrangement der Tradition zurück? Wir können

es nicht wissen. Evident ist nur, dass die Briefsammlung primär der

Rechtfertigung Platons dient und erst in zweiter Linie dem Ruhme

Dions.

Nun aber zurück zu Diog. Laert. Das Ergebnis unserer Analyse

einiger Texte scheint mir folgendes zu sein.

Für erste hat sich ergeben, dass sich um die Biographie Platons

schon von Anfang an ein dichter Nebel von Erfindungen, Dichtungen

in verschiedener Absicht gelegt hat. Da steht es mit Platon in der

Tat kaum anders als mit Sokrates. Begonnen hat mit den Erfindungen

schon Speusippos und dies läuft dann weiter bis zum Platonikos

des Eratosthenes und darüber hinaus. Zu bedenken bleibt natürlich,

dass Sokrates nichts geschrieben, Platon dagegen ein umfangreiches

Oeuvre hinterlassen hat. Die Biographie hatte dieses Oeuvre zu

berücksichtigen. So sind nicht allzu selten bestimmte Ereignisse an

das Oeuvre angeknüpft worden. Merkwürdig ist allerdings, dass ein

entscheidender Komplex, Platons Beziehung zu den Pythagoreern und

ihrer Lehre ohne jeden Rückhalt an den Dialogen entwickelt worden

ist. Denn die zwei Stellen der Politeia 530 D, 600 A sind bei weitem

nicht tragfähig genug, und dass Platon im Gorgias, Phaidon, Timaios

und Philebos pythagoreische Lehren aufgenommen hat, müsste erst

noch bewiesen werden; seine Texte jedenfalls geben nicht den geringsten

zuverlässigen Hinweis. Doch mit alledem geraten wir in die Nähe des

Problems, wie sich seine ungeschriebene Lehre (in der Aristoteles

und nicht nur er den Einfluss pythagoreischer Gedanken wahrgenommen

haben) zur Lehre der Dialoge verhalten haben mag. Dieses Problem

haben wir hier nicht zu erörtern. Wir werden nur festhalten, dass

weder die Dialoge zugunsten der ungeschriebenen Lehre noch die unge-

schriebene Lehre zugunsten der Dialoge verworfen werden dürfen; doch

182

eine Formel, die dem Werk der Dialoge wie der nur in Fetzen fassbaren

ungeschriebenen Lehre gleichmässig gerecht würde, ist noch nicht

gefunden. Was endlich Diog. Laert. selber angeht, so mag deutlich

geworden sein, dass sein Werk weder eine Biographie sein wollte, wie

sie Plutarch geschrieben hat, noch ein ungeordneter Notizenhaufen ist.

Was er wollte, war, Platons Leben durch eine Reihe gut dokumentierter

“Pointen” zu illustrieren. Eine wirklich kontinuierliche Erzählung gibt

es nicht, auch wenn sich Diog. Laert. im ganzen an die chronologische

Abfolge hält; wir haben immer wieder beobachtet, dass der Leser bei

vielen Namen, die er beibringt, im ungewissen darüber gelassen wird,

um wen es sich da handelt. Wer ist Dion, der in iii 3 plötzlich auftritt,

wer ist Aristomenes (iii 19), Theodotes (21), Lamiskos und Photidas

(22) u. a.? Diog. Laert. ist nicht daran interessiert, dazu Erläuterungen

zu geben. Auf die “Pointe” allein kommt es an, so wie es schon in

den Werken der Pamphile, des Myronianos und des Favorinus, die

er fleissig zitiert, der Fall gewesen sein muss und wie wir es noch an

Aelians var. hist. beobachten können. Da wirkt letzlich die uralte

Kategorie des θαυμάσιον nach, eine Kategorie, in der die philosophische

Frage nach dem Ungewöhnlichen in unserer Wirklichkeit und das

Bedürfnis nach gebildeter Unterhaltung sich seltsam kreuzen. Uns ist

diese Kategorie und die ganze Literatur, die in einem sehr weiten Sinne

aus ihr herauswächst, fremd geworden. Aber in der Antike ist es ein

legitimer Zweig der Literatur, und so hat auch das aus zahllosen

bunten Splittern zusammengesetzte Werk des Diog. Laert. seine Legiti-

mität, die man ihm nicht bestreiten darf; und unter all den Bioi, die

in dem Werke aufgeführt sind, ist derjenige Platons vielleicht der in

dieser Hinsicht am meisten charakteristische.



Olof Gigon . :

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