DER BEGRIFF DER IDEE BEI LEIBNIZ
Hans Poser
DER BEGRIFF DER IDEE BEI LEIBNIZ

Le mauvais usage des idées donne

occasion a plusieurs erreurs.

G. W. Leibniz, GP IV. 409

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1. Einleitung1. Die Begriffgeschichte weist für ἰδέα und die Derivate idea,

idée, Idee usf. ein facettenreiches Spektrum unterschiedlicher Bedeutungen auf

– von der ursprünglichen Bedeutung “Erscheinung”, “Bild” über die platoni-

sche Umdeutung, die das Verhältnis von Urbild und Abbild vertauscht, wei-

terführend über die aristotelische Kritik, über eine mittelalterliche Tradition

der schrittweisen Latinisierung, wobei das Reich der Ideen zum Werk des den-

kenden Gottes wird, bis hin zu der im Gegenzug zur platonischen Deutung im

18. Jahrhundert sich durchsetzenden subjektivistischen Auffassung, die den

heutigen Terminus Idee (oder seine englischen, französischen und italieni-

schen Entsprechungen) meist als Synonym für “Vorstellung” kennt und ihn

damit von einer Urbild-Abbild-Beziehung unabhängig macht.

In dem Spannungsfeld dieser Entwicklungsgeschichte steht Leibniz, der

wie kein zweiter neuzeitlicher Denker Platons Ideenlehre bewußt aufnimmt,

aber mit der aristotelischen Substanzenlehre verbindet, der sich die cartesi-

sche Lehre der eingeborenen Ideen als eine Form platonischer Wiedererin-

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nerung zu eigen macht und in der Auseinandersetzung zwischen Arnauld

und Malebranche der Auffassung des letzteren, wir sähen alle Dinge vermö-

ge der Ideen in Gott, beipflichtet und folgerichtig sowohl Descartes’ und

Spinozas Sprechweise von “falschen Ideen” ebenso zurückweist wie Lockes

sensualistische Deutung. So nimmt es nicht wunder, wenn Chomsky bei der

Suche nach linguistischen Universalien innerhalb der rationalistischen Tradi-

tion gerade in Leibniz einen Gewährsmann seiner Auffassung glaubt sehen

zu können.

Ohne terminologisch als Zentralbegriff in Erscheinung zu treten, liegt

der Begriff idea oder idée fraglos im Zentrum der Leibnizschen Metaphy-

sik2. Über 1000 Vorkommnisse weisen Finster et al. in ihrem Leibniz-

Lexikon, Teil II, allein für den französischen Plural idées nach3. Wie so oft

bei Leibniz steht diese zentrale Verwendung in einem merkwürdigen Miß-

verhältnis zu einer systematischen Behandlung; diese findet sich vielmehr

über das ganze Werk verstreut, allerdings mit zwei Schwerpunkten: der

erste ist die Auseinandersetzung mit Descartes’ Gottesbeweis und der idea

entis perfectissimi, was Leibniz veranlaßt, auch auf Arnauld und Mersenne

einzugehen; hierzu ist an den Arnauld zugesandten Discours de Métaphysique

und an die 1684 in den Acta Eruditorum veröffentlichten Meditationes de

Cognitione, Veritate et Ideis
zu denken, auf die Leibniz später auch im Hinblick

auf den Begriff der Idee immer wieder hinweist. In diesen Zusammenhang

gehören auch Leibniz’ Notizen zur Querelle des Vraies et des Fausses Idées

zwischen Malebranche und Arnauld. – Den zweiten umfangreichen Kom-

plex stellen die Aussagen zu Lockes Kritik der cartesischen eingeborenen

Ideen und zu Lockes eigenem Ideenbegriff dar; hier wäre außer den Nou-

veaux Essais
und den kleinen Schriften in deren Umkreis vor allem der

Briefwechsel mit Burnett zu nennen4.

Weder dem einen noch dem anderen Schwerpunkt ist eine kleine, 2

Seiten umfassende Schrift zuzuordnen, die den Titel trägt Quid sit Idea. Ger-

hardt, der das Stück erstmals veröffentlichte, vermutet, sie sei aus Leibni-

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zens Beschäftigung mit Spinoza hervorgegangen, weil sich in seinen Anmer-

kungen zu Def. IV von Ethica II die Aufforderung findet: «explicandum

ergo erat, quid sit vera idea» (GP VII.251 f). Dagegen datiert Schmidt die

Schrift um 1700; er sieht in ihr die Fixierung des Leibnizschen erkenntnis-

theoretischen Standpunktes gegenüber Lockes Essay, also in Vorbereitung

der Nouveaux Essais (FS 519 f). Wenngleich das Wasserzeichen des Papiers

für 1677 belegt ist, nennt die Vorausedition der Akademieausgabe als «vor-

läufige Datierung» gar die Jahre 1678 bis 1716. Dies liegt sicher nicht dar-

an, daß die Schrift besonders wenig aussagt; die Spannweite beweist viel-

mehr, welche Kontinuität die Entwicklung des Leibnizschen Denkens von

der Pariser Zeit bis in die späten Jahre hinsichtlich des Ideenbegriffes kenn-

zeichnet. Von diesem Text, der so zentral nicht nur für unser Thema, son-

dern für das Verständnis der Leibnizschen Philosophie überhaupt ist, möch-

te ich ausgehen.

2. Quid sit Idea. Unter einer idea, so betont Leibniz, verstehe er etwas,

«quod in mente nostra est» (VE 3, Nr. 120, S. 453; GP VII.263), um

gleich zu sagen, was er nicht damit meint, nämlich vestigia impressa cerebro,

weil für ihn die mens etwas anderes als das cerebrum oder dessen subtile Teile

ist (I.e.). In der mens haben wir darüber hinaus vieles, was nicht ohne Ideen

zustande kommen kann, aber selbst keine idea ist, nämlich beispielsweise

cogitationes, perceptiones und affectus. Das faßt Leibniz zusammen und unter-

streicht: «Idea enim nobis non in quodam cogitandi actu, sed facultate con-

sistit»: wir haben die idea einer res auch dann, wenn wir gerade nicht an

die Sache denken.

Diese Einleitung klingt so, als meine Leibniz mit idea eine Art geistige

Disposition5; aber eine solche Sicht wäre viel zu psychologistisch, Leibniz

wehrt sie denn auch sofort ab: die Idee ist nicht selbst die freie Tätigkeit

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des Geistes, wenngleich sie eine Fähigkeit des Geistes voraussetzt, der Idee

nahezukommen: «ideam ergo postulat propinquam quandam cogitandi de re

facultatem sive facilitatem» (l.c.). So betont er in den Anmerkungen zu Spi-

nozas Ethica: «Mens agit. Ideae non agunt» (GP 1.150; vgl. F. Réf. 44; vgl.

an de Volder, 23. Juni 1699: «Idea est aliquid ut sic dicam mortuum et in

se immutabile, ut figura, anima vero aliquid vivum et actuosum», GP

11.184). Der dynamische, aktive Teil der mens eignet den Ideen also gerade

nicht: sie sind vielmehr statisch!6 Aus diesem Wechselverhältnis von Statik

der Ideen und Dynamik der erkenntnisstrebenden mens erwächst die Frage,

wie sich cogitatio und idea zueinander verhalten: Sie gilt es weiter zu entfal-

ten.

Leibniz schließt die kleine Schrift mit der Feststellung daß die idea

einer res in uns zu haben nichts anderes heiße, als daß Gott (als Urheber

sowohl der res als auch der mens) der mens eine Fähigkeit des Denkens ein-

geprägt habe, vermöge der Operationen des Geistes das herzuleiten, was

vollkommen dem entspricht, was aus den Dingen fließt (VE 454). So wird

eine von Leibniz der Schrift ursprünglich vorangestellte, später getilgte For-

mulierung verständlich: «Ideam voco aliquid in nobis, quod alterius rei natu-

ram exprimit.» (VE 453, Var. zu Z. 12). Diese Formulierung macht deut-

lich, daß Leibniz zwischen dem Ding und der ihm zugeordneten Idee unter-

scheidet, wobei zwischen beiden ein Repräsentationsverhältnis besteht7.

Genau diesem Verhältnis ist der mittlere Abschnitt des Leibnizschen Textes

gewidmet, denn nicht jede Zeichenverbindung oder Begriffsverknüpfung

führt auf eine Idee.

3. Idea vera und Idea falsa. Leibniz wendet sich mit der zuletzt erwähnten

Auffassung gegen Descartes, der jeden Inhalt des Geistes, dessen wir uns

bewußt sind, als idea bezeichnet hatte (Descartes an Mersenne, 1. Juli 1641

Corresp. AT III.392). Dem hält er entgegen, daß wir im Denken unwissent-

lich oft Unverträgliches miteinander verbinden, etwa, wenn wir den Ausdruck

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“schnellste Bewegung” bilden; darum ist es keineswegs zulässig, ohne weiteres

von der “Idee des vollkommensten Wesens” zu sprechen (Animadversiones in

partem generalem Principiorum Cartesianorum
, ad I. 18; GP IV.359 f). Vielmehr

wird ein Beweis nötig, der zeigt, daß der betreffende Begriff möglich, und das

heißt widerspruchsfrei ist; dann erst, so muß man ergänzen, kann man von

der Idee sprechen und auf das ens perfectissimum als sie verursachend zurück-

schließen. Dieser Zwischenschritt ist für Leibniz’ Verständnis von idea wichtig,

denn «nullam utique habemus ideam rerum impossibilium» (Meditationes de

Cognitione, Veritate et Ideis
; GP IV.424=VE V.1078; vgl. auch Leibniz an

Arnauld, 4./14. Juli 1686; Robinet 230 f: «Je tiens que la marque d’une idee

véritable est qu’on en puisse prouver la possibilité…»).

Nun müßte man hier ergänzen, daß eine idea vera gemeint ist, denn im

Folgeabsatz der Meditationes bedient sich Leibniz dieser Sprechweise Spinozas

(Ethica I, Ax. 6) und unterscheidet idea vera und idea falsa: erstere liegt vor,

wenn die notio möglich ist, zweitere, wenn sie einen Widerspruch einschließt.

(Noch in den Nouveaux Essais nimmt Leibniz, dort aber Locke folgend, diese

Unterscheidung auf: «Les Idées possibles sont vrayes et les Idées impossibles

sont fausses», NE II.32 § 5; GP V.250). In den Bemerkungen zu Spinoza

heißt es aber: «Omnis enim idea cum suo ideato convenit, nec video quid sit

idea falsa» (Ad Ethicam I, GP I.140); und auch an der entsprechenden Stelle

der Argumentation im Discours de Métaphysique fährt Leibniz fort, man dürfe

sich erst dann rühmen, die Idee einer res zu haben, wenn man ihrer Möglich-

keit qua Widerspruchsfreiheit sicher sei (§ 23; GP IV.449). Wichtig ist dar-

über hinaus festzuhalten, daß eine idea als “vera” zu bezeichnen keine Zu-

schreibung eines Wahrheitswertes bedeutet, sondern eine übertragene Sprech-

weise ist: «II est vray que j’ay attribuée aussi la vérité aux idées en disant que

les idées sont vrayes ou fausses; mais alors je l’entends en effet de la vérité

des propositions, qui affirment la possibilité de 1’objet de l’Idée.» (NE IV. 5 §

11; GP V.378).

Damit ist zweierlei gewonnen: Zum einen ist hinfort der Begriff idea als

idea vera im übertragenen Sinne von vera zu verstehen, zum zweiten wurde

deutlich, daß der so verstandene Begriff unmittelbar in Leibnizens Modaltheo-

rie eingebettet ist. Die Bedeutung dieses Zusammenhangs wird deutlich, wenn

man die Doppelheit der Leibnizschen Bestimmung der idea vera betrachtet,

denn einmal verlangt er, daß die notio der betreffenden res widerspruchsfrei sei,

im zweiten Falle, daß die Möglichkeit der res gewährleistet sei: Beide Bestim-

mungen, die begrifflich-logische und die ontologische, sind aber für Leibniz

äquivalent, ja, Leibniz’ Modaltheorie baut darauf auf, daß, was logisch mög-

lich, auch ontologisch möglich ist: Dies ist zugleich die entscheidende Ver-

mittlung von res und idea. Betrachten wir hierzu das Verhältnis von idea und

notio.

228

4. Idea, notio und die regio idearum. Um Verwechselungen zu vermeiden,

schlägt Leibniz vor, terminologisch zwischen idea einerseits, notio und conceptus

andererseits zu unterscheiden: «Ces expressions qui sont dans nostre ame, soit

qu’on les conçoive ou non, peuvent estre appellées idées, mais celles qu’on con-

çoit ou forme, se peuvent dire notions, conceptus»(Disc. Met. § 27; GP IV.452).

Damit wird verständlich, daß Leibniz definitiones (nämlich Realdefinitionen) als

«idearum expressiones» bezeichnet (GP I.205)8. Tatsächlich hält er diese

Unterscheidung selbst oft genug nicht durch; so gebraucht er conceptus, notio

und idea vielfach synonym oder identifiziert idea und definitio. Auch spricht er

an Stellen, bei denen es sich um etwas handelt, das dem menschlichen Den-

ken gerade nicht mehr erreichbar ist und entsprechend der eben herangezoge-

nen Bemerkung als Idee bezeichnet werden sollte, von notio oder conceptus. Dies

gilt etwa dort, wo er vom vollständigen Begriff einer individuellen Substanz

als einer notio completa handelt (z. B. CO 520) während sich der Begriff «idée

complete» nur beiläufig findet (GP V.247) und überdies als Lockescher Ter-

minus nicht übernommen wird; dasselbe ist zu beobachten, wo Leibniz die

Atome allen Denkens, die prima possibilia, als notiones irresolubiles oder conceptus

primitivi
bezeichnet (z. B. CO 513), während die Bezeichnung idée primitive kaum

vorkommt (z. B. GP V.15 u. V.21). Dies liegt daran, daß diese beiden Grenz-

fälle begrifflicher Synthesen bzw. Analysen trotz ihrer ausgezeichneten Stel-

lung ja nicht den Charakter des Begrifflichen verlieren und deshalb nur konse-

quent als notiones bezeichnet werden. Daß sie von Leibniz dennoch zugleich als

ideae gesehen werden wird spätestens dann deutlich, wenn er die Gesamtheit

aller widerspruchsfreien Begriffe von den absolut einfachen bis zu den voll-

ständigen Begriffen und damit den Bereich der möglichen Welten insgesamt

als regio idearum bezeichnet (Ad Ethicam I, prop. 5; GP 1.142: regio idearum vel

essentiarum possibilium; vgl. GP VII.211 u. 214); das aber heißt: in Gott (in

regione idearum, nempe in ipso Deo, GP VII.305; Deus, qui est radix possibi-

litatis, ejus enim mens est ipsa regio idearum, GP VII.311).

Mit der ontologischen Lokalisierung der Ideen in der regio idearum des gött-

lichen Denkens als Gesamtheit des widerspruchsfrei Möglichen und damit auch

des für Gott Schaffbaren in Gestalt der möglichen Welten wird verständlich,

wieso Ideen nicht dynamisch sind: sie sind – auf der Ebene dieser Betrachtung

– all das, was, von den prima possibilia ausgehend, widerspruchsfrei möglich und

kompossibel ist. Jede solche Struktur ist eine Idee. Die res, die durch eine Idee

repräsentiert wird, ist gerade diese Struktur, verbunden mit dem Inhalt, den sie

vermöge der Inhalte der absolut einfachen Begriffe oder Ideen, der prima possibi-

229

lia
, hat. Das aber bedeutet, daß in der regio idearum des göttlichen Denkens idea

und res ununterscheidbar sind. In diesem Sinne kann Leibniz auch die Sprech-

weise Malebranches akzeptieren, wir sähen alle Dinge in Gott: «Je crois que

prenant les idées comme il [Malebranche] fait pour l’objet immédiat exterieur

de nos pensées, il peut dire, que nous les voyons en Dieu» (an de l’Hospital,

14./24. Juni 1695; GM 11.289). Leibniz betont aber immer, daß die Sprechweise

Malebranches als “facon de parler” verstanden werden müsse. So bemerkt er zu

Malebranches Réponse auf Fouchers Critique der Recherche de la Vérité: «L’idée peut

être prise de deux façons, sçavoir pour la qualité ou forme de la pensée, comme la

vélocité et la direction le sont du mouvement, ou bien pro obiecto immediato sive

proxima perceptionis
, Et de cette maniéré l’idée ne seroit pas une facon d’estre de

nostre ame. Et cela est apparemment le sentiment de Plato ou de l’auteur de la

Recherche. Car quand l’ame pense a l’estre, a l’identité, a la pensée, a la dura-

tion, elle a un certain objet immédiat ou cause prochaine de la perception. Et de

cette manière, il se peut que nous voyons tout en Dieu, et que les idées ou

objects immédiés soyent les attributs de Dieu même. Ces formules ou facon de

parler ont quelque chose vray, mais pour parler juste, il faut donner des signifi-

cations constantes aux termes» (Robinet 73; vgl. 317). Hierbei versucht Leibniz,

zwischen Arnaulds Auffassung, nach der Ideen «des Notions, c’est a dire com-

me des modifications de notre ame» seien, und der Malebranches zu vermitteln,

denn: «Mais comme Dieu est la source des possibilités et par consequent des

idées, on peut excuser et même louer ce Pere [Malebranche] d’avoir changé de

termes et d’avoir donné aux idées une signification plus relevée en les distingu-

ant des Notions et en les prenant pour des perfections qui sont en Dieu, aux-

quelles nous participons par nos connaissances. Ce langage mystique du Pere

n’etoit donc point nécessaire, mais je trouve qu’il est utile, car il nous fait mieux

envisager notre dependance de Dieu» (an Remond, 4. November 1715; GP

III.659=Robinet 481).

Damit treten Ideen für Leibniz einmal als Urbilder individueller Substanzen

im göttlichen Denken auf, darüber hinaus aber als Abbilder in den Substanzen

selbst, die als Monaden das Universum spiegeln: Aus dieser Doppelheit wird ver-

ständlich, wieso Ideen Objekte des Denkens sein können – nämlich im menschli-

chen Denken – und darüber hinaus in Gott geschaut werden – nämlich in der

Erkenntnis ihrer Gegründetheit in der regio idearum des göttlichen Denkens9.

230

– So verstanden würde Leibniz’ Ideenbegriff mit dem Platonismus zusam-

menfallen10.

Dennoch bleibt bislang offen, wie sich eine so verstandene Idee auf die

Repräsentation der Ideen im menschlichen Denken auswirkt, denn selbst

wenn sie virtuell in ihm angelegt sind und insofern eine facultas darstellen,

muß doch der Bezug zum menschlichen Denken hergestellt werden. Eben dies

ist Kern der Thematik der Kontroverse zwischen Malebranche und Arnauld,

die schon erwähnte querelle des vraies et des fausses idées11. Insbesondere die Aus-

einandersetzung mit Locke stellt für Leibniz die Herausforderung dar, seine

eigene Auffassung an Lockes Theorie zu messen. Wenden wir uns abschlie-

ßend dieser Kontroverse zu.

5. Die Erkenntnis der Ideen. Wenngleich alle Substanzen in sich das Univer-

sum spiegeln und insofern virtuell auch die regio idearum, haben allein die

Geistmonaden das Vermögen, sich reflektierend dieser Inhalte bewußt zu wer-

den. Die Lehre von den eingeborenen Ideen, die Leibniz in den Nouveaux

Essais
weitgehend unabhängig von seiner eigenen Substanzmetaphysik gegen

Locke verteidigt, soll im Kern die Möglichkeit der Reflexion und damit die

Möglichkeit der Erkenntnis begründen: So kommt ihr auf dem Weg von Des-

cartes zu Kant und dessen Aufweis apriorischer Bedingungen der Möglichkeit

der Erkenntnis einiges Gewicht zu, wenn “idées intellectuelles” als Ermögli-

chung der Vernunftwahrheiten gesehen werden (NE Pref.; GP V.45).

Während Locke die Ideen als Objekte des Denkens bezeichnet (Essay II.1

§ 1), entfaltet Leibniz als Gegenbild die folgende Auffassung: Wäre die Idee

die Form des Denkens – etwas, was Leibniz 1679 selbst noch gesagt hatte:

«Idea est forma conceptus» (Grua II.512) –, würde sie mit diesem beginnen

und enden; vielmehr müssen die “Ideen, die sich ihrerseits auf die Dinge

beziehen”, als “innere Objekte” der Seele in dieser selbst enthalten sein: «Car

231

l’ame est un petit monde, ou les idées distinctes sont une représentation de

Dieu et ou les confuses sont une représentation de l’univers» (NE II.l § 1; GP

V.99). Diese Bemerkung Leibnizens nimmt zum einen Malebranches Unter-

scheidung von idée als Gegenstand des Denkens und perception als Vollzug auf

und verbindet sie zum zweiten mit der cartesischen Stufung der Erkenntnisse,

die Leibniz in den Meditationes de Cognitione, Veritate et Ideis präzisiert hatte. Doch

während er in den Meditationes im Zuge der Korrektur mehrfach den Begriff

idea durch den Begriff notio oder cognitio ersetzt hat (VE V.1075, anm. 25; 1076,

anm. 5 u. 18), kehrt Leibniz später wieder zu seiner ursprünglichen Formulie-

rung zurück und wendet die Stufung auf Ideen an. Das aber ist alles andere als

selbstverständlich, weil etwa eine idée confuse keinen Platz in der regio idearum

des göttlichen Denkens scheint beanspruchen zu können.

Die Schwierigkeit besteht also darin, daß Leibniz die Stufen der Erkennt-

nis, nämlich obscurum, clarum, distinctum, adaequatum und intuitivum, die er in den

Meditationes in der korrigierten Form auf notiones bezogen hatte nun aber in den

Nouveaux Essais auf idées bezieht (NE 11.29 § 2. GP V.236 f). Genau so geht er

in den kurzen Bemerkungen Sur l’Essay... de M. Locke (GP V.14 ff) vor, wo er

sich rühmt, mit den Meditationes «des degrées dans les idées» eingeführt zu

haben (17). Sicher, oft sagt er etwa «la connoissance expresse des idées» (NE

I.1 § 11; GP V.77), doch findet sich diese vorsichtige Sprechweise keineswegs

überall. Dies mag daran liegen, daß der Term “idée” sowohl im Englischen

als auch im Französischen Ende des 17. Jahrhunderts nicht mehr unbedingt

die fachtechnische Bedeutung von “idea” haben muß, sondern etwa dem

deutschen Begriff “Vorstellung” entspricht; bedeutsam ist auch, daß Leibniz

bereit ist, wie so oft in seinen Briefen, der Terminologie des Autors, den er

diskutiert, entgegenzukommen (er betont dies sogar ausdrücklich in den Ein-

gangsbemerkungen der Nouveaux Essais, NE I.1 § 1; GP V.47); in unserem

Falle könnte dies daran liegen, daß ihm ein anderer Kerngedanke hinsichtlich

der Ideen unvergleichlich bedeutsamer ist, die Verteidigung nämlich der Leh-

re von den eingeborenen Ideen. Angesichts jedoch der Häufigkeit der Vor-

kommnisse von Stellen, wo von verworrenen, klaren und distinkten “idées”

gesprochen wird, ist eine solche Erklärung zu schwach12. Doch wenden wir

uns zunächst der für Leibniz in Zusammenhang mit Locke zentralen Proble-

matik der eingeborenen Ideen zu und kehren dann noch einmal zu unserer

Ausgangsfrage zurück.

232

Gegenüber Lockes Auffassung, alle Ideen entsprängen aus sensation or reflec-

tion
(Essay II.1 § 2), betont Leibniz, Ideen müßten verstanden werden als das

«objet immédiat interne d’une notion», ja, «rien ne l’empeche d’estre toujours

en nous, car ces objets peuvent subsister, lorsqu’on ne s’en apperçoit point»

(Echantillon de Reflexions sur le I. Livre de l’Essay de l’Entendement de l’homme, GP

V.21). Eine Reflexion, meint Leibniz, sei nichts anders als die Aufmerksam-

keit auf das, was in uns ist; durch sie gewinnen wir Erkenntnisse, die unmög-

lich aus den Sinnen stammen, die uns folglich angeboren sein müssen (NE;

Préf.; GP V.45). Der Geist kann keine tabula rasa sein, wie Locke mit Aristo-

teles meint. Vielmehr komme es darauf an, die Inhalte des Geistes als etwas

Potentielles zu begreifen; insofern erweise sich die “Wiedererinnerungstheorie

der Platoniker” (l.c., S. 46) als angemessen13. Ganz deutlich wird Leibniz,

wenn er sagt: «L’idée de l’être, du possible, du Même, sont si bien innées,

qu’elles entrent dans toutes nos pensées et raisonnements, et je les regarde

comme des choses essentielles a nostre esprit» (NE I.3 § 3; GP V.93).

Bekanntlich gipfelt dies in Leibnizens Ergänzung zu Lockes Nihil est in intellectu

quod non fuerit in sensu
, nämlich: «excipe: nisi ipse intellectus» (NE II.1 § 2; GP

V.100).

Nehmen wir dies zum Ausgangspunkt der Leibnizschen Theorie eingebo-

rener Ideen14. Hier stellt sich die Frage, ob damit gemeint sei, allein die Ver-

nunftwahrheiten (und das hieße: die ihnen zugrunde liegenden Ideen) seien

im Verstand, nicht dagegen die Tatsachenwahrheiten und die mit ihnen

zusammenhängenden Ideen. Zunächst scheint es, als wolle Leibniz allein die-

jenigen Ideen als eingeboren ansehen, die nicht nur als eine Potenz in ihrer

Inhaltlichkeit Gegenstand der Reflexion sind; denn Reflexion ist, wie wir

233

sahen, Aufmerksamkeit auf das, was schon in uns liegt. Die Tatsache, daß wir

bestimmte Wahrheiten als notwendig zu erkennen vermögen, beweist, daß es

eingeborene Wahrheiten gibt – und damit die ihnen zugrunde liegenden

Ideen der Einheit, der Identität, der Ursache etc. Da diese nicht stets evident

oder bewußt sind, sondern erst in der Reflexion zur Distinktheit gebracht wer-

den, ist Lockes Einwand widerlegt, der sich darauf gründet, Kindern oder

Schwachsinnigen fehlten solche Ideen, die, wenn sie eingeboren sind, doch

allen gleichermaßen gegenwärtig sein müßten (vgl. NE I.3 § 4 u. § 18; GP

V.93 u. 96).

Hinsichtlich der Ideen, deren Ursprung Locke in den sensations sieht, wäh-

rend Leibniz die äußeren sinnlichen Objekte als objets mediats verstanden wissen

will, verläuft Leibnizens Argumentation für ihr Eingeborensein in Ablehnung

der tabula-rasa-Auffassung folgendermaßen: Wäre keiner Seele etwas eingebo-

ren, wären sie alle gleich, also ununterscheidbar und das heißt für ihn: iden-

tisch dasselbe. Die Individuierung setzt also die innere Differenzierung der

Seelen voraus! Damit kann Leibniz auf seine Substanzmetaphysik verweisen,

die genau diesem Erfordernis Rechnung trägt (vgl. NE II.1 § 2; GP V.100):

Jede perzipierende Monade trägt immer schon ihre Vergangenheit und Zu-

kunft in sich, wobei Vernunftwahrheiten dank der eingeborenen Prinzipien

vom apperzipierenden Subjekt in sich selbsttätig gefunden werden, wärend

Tatsachenwahrheiten der Erfahrung bedürfen (oder in Leibniz’ Sprechweise

der Monadologie: auf einem Leiden beruhen – das zwar keine kausale Ein-

wirkung anderer Substanzen bedeutet, aber doch, daß die perzipierende Mona-

de in ihrem vollständigen Begriff an den Ideen der anderen Begriffe der ande-

ren Substanzen ausgerichtet ist). So sind uns alle Vorstellungen eingeboren, wie

die Hercules-Statue im entsprechend geäderten Marmorblock enthalten ist und

herausgearbeitet werden kann: «c’est ainsi que les Idées et les vérités nous

sont innées, comme des inclinations, des dispositions, des habitudes ou des

virtualités naturelles, et non pas comme des actions» (NE Préf.; GP V.45).

Eingeboren sein heißt damit nicht gewußt oder bewußt sein, sondern angelegt

sein15. Und in diesem Sinne sind die äußeren sinnlichen Objekte nur mittel-

bar16; das einzige unmittelbare äußere Objekt der Seele ist Gott, während die

Seele ihr unmittelbares inneres Objekt ist. Nochmals mit Leibniz: Die Seele ist

234

dies nur, «en tant qu’elle contient les idées, ou ce qui repond aux choses. Gar

l’ame est un petit monde, ou les idées distinctes sont une représentation de

Dieu et ou les confuses sont une representation de l’univers» (NE II.1 § 1;

GP V.99). Oder noch deutlicher: «nos idées, même celles des choses sensibles,

viennent de nostre propre fonds» (GP V.16).

Hinsichtlich der Frage der Repräsentation, die Leibniz den Ideen in unse-

rem Denken zuschreibt, haben wir damit eine Bestätigung des vorhin Entwik-

kelten gefunden. Die regio idearum des göttlichen Denkens – und damit alle

möglichen Welten einschließlich der wirklichen – sind das äußere Objekt der

Seele, das in ihr virtuell – eben als eingeborene Idee – angelegt ist und im

Erkenntnisprozeß im Falle der Vernunftwahrheiten zu distinkter, im Falle der

Tatsachenwahrheiten zu klarer Erkenntnis gebracht werden kann.

Immer noch aber bleibt die entscheidende Frage ungeklärt, warum Leib-

niz bei dieser Erkenntnis von Ideen spricht17. Folgt er nur der Terminologie

Lockes, oder steht dahinter unausgesprochen eine Auffassung, die auch mit

Leibnizens Metaphysik, mit der Monadenlehre verträglich ist? Dies scheint in

der Tat der Fall zu sein; denn wenn jede Monade (oder in der bisherigen

Sprechweise, jede Seele) die Gesamtheit der Ideen qua Possibilia distinkt aus-

drücken würde, wäre sie Gott. Die individuelle Monade ist in ihrer Individu-

alität aber allein durch ihren point de vue der Welt, d. h. durch den jeweiligen

Grad an Klarheit und Deutlichkeit gekennzeichnet, mit dem sie die virtuelle

regio idearum zu erfassen vermag. Der Grad der Erkenntnis, die Stufe der

Perzeption ist also nichts Arbiträres, Akzidentelles, sondern macht gerade die

Essenz der jeweiligen Monade aus. Selbst dann, wenn mit Malebranche idea

und perceptio genau getrennt werden, muß doch zum Ausdruck kommen, daß

es für eine Monade konstitutiv ist, im Rahmen der Virtualität der Ideen in der

Seele in der Perzeption einen bestimmten Grad nicht überschreiten zu kön-

nen. Dazu aber muß die Virtualität in sich eine Struktur aufweisen – und

genau diese Struktur ist es, die Leibniz mit der Unterscheidung verworrener,

klarer, distinkter und intuitiver Ideen bezeichnet: Der Repräsentationsgedan-

ke, der schon in Quid sit Idea seinen Niederschlag fand, führt so zu einem Ver-

ständnis der Ideen als Objekte des Denkens, die gerade in der epistemischen

Stufung zum Konstituens des Individuums werden. So kann Leibniz für sich in

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Anspruch nehmen, Platons Wiedererinnerungslehre aufzunehmen, ohne doch

dessen gesamte Ideenlehre zu übernehmen, Lockes erkenntnistheoretischen

Ideenbegriff auf seine Weise rekonstruiert zu haben – und zwar unter Ver-

wendung der cartesischen ideae innatae –, Spinozas Gottesbegriff rekonstruiert

zu haben, ohne eine idea ideae oder ein ideatum annehmen zu müssen und

schließlich Malebranches Unterscheidung von idea und perceptio ebenso gerecht

geworden zu sein wie dessen Auffassung, daß wir alle Ideen in Gott schauen.

So konvergiert in Leibnizens impliziter Ideenlehre sowohl seine Auseinander-

setzung mit der Tradition wie mit der zeitgenössischen Philosophie als auch

seine eigene Metaphysik in Gestalt der Monadenlehre.

1.

Die Schriften Leibnizens werden nach folgenden Ausgaben zitiert:

AA = Sämtliche Schriften und Briefe hg. v.d. Preußischen (später: Deutschen) Akademie der Wis-

senschaften zu Berlin (jetzt: Akad. d. Wiss. d. DDR), Darmstadt (später: Leipzig; jetzt:

Berlin) 1923 ff.

CO = Opuscules et fragments inédits, éd. L. Couturat, Paris 1903.

F. Réf. = Réfutations inédites de Spinoza par Leibniz, éd. A. Foucher de Careil, Paris 1854.

FS = Fragmente zur Logik, hg. v. F. Schmidt, Berlin (DDR) 1960.

GM = Mathematische Schriften, hg. v. C. I. Gerhardt, 7 Bde., Berlin 1849-63.

GP = Die philosophischen Schriften, hg. v. C. I. Gerhardt, 7 Bde., Berlin 1875-90.

Grua = Textes inédits, éd. G. Grua, 2 Bde., Paris 1948.

Robinet = A. Robinet, Malebranche et Leibniz. Relations personnelles, Paris 1955.

VE = Vorausedition zu AA, Reihe VI, Fasc. 1 ff., Münster 1981 ff.

2.
Als Zentalbegriff der Leibnizschen Metaphysik hat L. Ε. Loemker, Leibniz’ Doctrine of

Ideas
, in I. Leclerc (ed.), The Philosophy of Leibniz and the Modern World, Nashville 1973, S. 29-51,

den Ideenbegriff überzeugend analysiert. Er sagt von Leibniz’ Ideenlehre: «The doctrine is not

only the central unifying element in Leibniz’ thought; it is also one of the most fruitful, for it

relates a dynamic psychology and physics with a relational logic of possibility and with a tele-

ological metaphysics» (S. 49).
3.
R. Finster, G. Hunter, M. Miles, W. E. Seager, Leibniz Lexicon, T. 2, Hildesheim

1988.
4.
Auf die Verwendung des Begriffs idea beim jungen Leibniz wird hier nicht eingegan-

gen. Vgl. hierzu L. E. Loemker, [Anm. 2], S. 31 ff.
5.
McRae sieht bei Descartes drei Begriffe von Idee angelegt, die in der Folgezeit aufge-

nommen würden, nämlich als Objekt durch Malebranche, Locke und Berkeley, als Tätigkeit

durch Spinoza und Arnauld und schließlich als eine Disposition durch Leibniz (“Idea” as a philo-

sophical term in the seventeenth century
, «Journal of the History of Ideas», 26 (1965), S. 175-190,

§ 175 u. 186 f.). Dies ist sicher für Leibniz unangemessen. Wenn idea in der Durchführung als

«disposition or potentially to act» gesehen wird (S. 187), so liegt dies Vormögen auf der Seite

des Denkens, nicht auf der der Ideen. Ebenso gilt nicht allgemein, daß, wenn idea als Objekt

definiert werde, es sich um «expression» handele (l.c.); denn Ideen treten für Leibniz sowohl

als Urbild (in Gott) als auch als Abbild (als eingeborene Ideen in der Monade) auf. Allerdings

verwendet Leibniz selbst den Ausdruck «disposition» – aber in einem klärenden Kontext: Die

virtuelle Kenntnis der eingeborenen Ideen sei nicht mit bloßer Erkenntnisfähigkeit gleichzuset-

zen. «Ce n’est pas donc une faculté nue... c’est une disposition, une aptitude, une preforma-

tion» (NE I.1 § 11; GP V.77).
6.
Deshalb gilt die Deutung Loemkers, Ideen hätten «a tendency towards existence» (l.c.,

[Anm. 2], S. 33), nur für den jungen Leibniz; vielmehr muß man die Leibnizsche Sprechweise

vom Drängen der Möglichkeiten nach Existenz als eine bildhafte Sprechweise verstehen: Gott

drängt sich die beste der möglichen Welten als Kandidat für die Schöpfung auf – aber im

Sinne einer Dynamik des göttlichen Denkens!
7.
Zum Zusammenhang zwischen idea und ihrem Ausdruck durch Begriffe und Zeichen

vgl. M. Mugnai, Idee, espressioni delle idee, pensieri e caratteri in Leibniz, «Rivista di Filosofia», 64

(1973), 3, S. 219-231, sowie H. Poser, Signum, notio und idea. Elemente der Leibnizschen Zeichentheorie,

«Zeitschrift für Semiotik», 1 (1979), S. 309-324.
8.
Vgl. E. Cassirer, Leibniz’ System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen, Marburg 1902,

S. 119, der hierauf seine Darstellung der Leibnizschen Ideenlehre gründet.
9.
Diese Doppelheit geht schon auf die Pariser Zeit zurück. In De origine rerum ex formis

vom April 1676 definiert Leibniz: «Idea est differentia cogitationum ratione obiecti», um festzu-

halten: «Ut figura jam est in Immenso, antequam designetur, ita idea sive differentia cogitatio-

num jam est in Intelligentia prima. Ut figura est in spatio; ita scilicet idea in mente nostra».

Und weiter: «Ideae sunt in mente nostra, differentiae scilicet cogitationum. Ideae sunt in Deo,

quatenus ex formarum omnium absolutarum sive perfectionum possibilium conjunctione in

eodem subjecto fit Ens perfectissimum; ex conjunctione autem formarum simplicium possibi

lium resultant modificationes, id est ideae, ut ex essentia proprietates». (AA VI.3.518 bzw. 521).
10.
So betont G. Rodis-Lewis die Dominanz des Platonismus in Leibniz’ Auffassung (L’ar-

rière-plan platonicien du débat sur les idées: de Descartes à Leibniz
, in Permanence de la Philosophie. Mélanges

offerts à Joseph Moreau
, Neuchatel 1977, S. 221-240; S. 234 f.). Dies kann aber nur im Hinblick auf

die Ideen gelten, nicht hinsichtlich deren Entfaltung und Erkenntnis in der dynamischen Sub-

stanz, die gerade als Entelechie gesehen wird: Unter Zugrundelegung dieser Sicht, die ja für die

Interpretation der Monadologie für Dillmann und Gueroult im Gegensatz zur logischen Deu-

tung von Couturat und Cassirer bis Gurwitsch leitend war, stellt Leibniz’ Metaphysik gerade die

Synthese von platonischer Ideenlehre und aristotelischem Entelechieverständnis dar.
11.
Vgl. hierzu E. Loemker, A Note on the Origin and Problems of Leibniz’s Discours of 1686,

«Journal of the History of Ideas», 8 (1947), S. 459-66, sowie vor allem die Dokumente, die

A. Robinet zusammengestellt hat (Robinet 133-242).
12.
M. D. Wilson geht in ihrem Aufsatz Confused Ideas, «Rice University Studies», 63 (1977)

4, S. 123-137 auf dieses Problem nicht ein, sondern verwendet “idea” durchgängig synonym mit

“notion”; ihr Gegenstand ist vielmehr das Verhältnis von verworrenen Perzeptionen und ver-

worrener Erkenntnis.
13.
Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: daß die Seele nicht schon deutlich

gewußt hat, “was sie jetzt lernt und denkt” (Disc. Met. § 26; GP IV.452).
14.
Die Literatur zu Leibniz’ Locke-Kritik hinsichtlich der eingeborenen Ideen ist sehr

umfangreich. Oft wird allerdings nicht deutlich gemacht, daß eine Idee keine Wahrheit ist:

einer Idee korrespondiert ein Begriff, keine Aussage. Nun spricht Leibniz aber im Zusammen-

hang mit den eingeborenen Ideen von den “ersten Prinzipien” (NE I.1 § 5; GP V.73 f.), von

den ewigen Wahrheiten und insbesondere von Mathematik und Logik. Man sollte hier präziser

eingeborene Wahrheiten von eingeborenen Ideen unterscheiden. Für erstere, nicht für letztere

gilt, was F. Marschallek hervorhebt, daß mit “eingeboren” ein Sachverhalt bezeichnet ist, der

mit der Begründung notwendiger Wahrheiten zusammenhängt (Eingeborene Ideen und Spracherwerb.

Neuzeitlicher Rationalismus als Wegbereiter der generativ-transformationellen Linguistik?
, Phil. Diss. Univ.

Marburg 1977, S. 108). J. Harris hingegen markiert deutlich den Unterschied zwischen eingebo-

renen Ideen und eingeborenen Wahrheiten, behandelt aber vor allem letztere, um eine durch

Chomsky angeregte Lösung zwischen Locke und Leibniz vorzuschlagen, die auf die Annahme

eingeborener “Spracherwerbvorrichtungen” hinausläuft (Leibniz und Locke zum Thema der angebore-

nen Ideen
, «Ratio», 16 (1974), S. 210-226).
15.
So faßt schon Fr. Thilly, Leibnizens Streit gegen Locke in Ansehung der angeborenen Ideen (Phil.

Diss. Heidelberg 1891, S. 47) diesen Sachverhalt zusammen. – Sehr genau wird das Problem

eingeborener Ideen (und im Gegensatz zu eingeborenen Prinzipien) dargestellt von R. McRae,

Leibniz. Perception, Apperception, and Thought, Toronto 1976, S. 77 ff. und 93-103.
16.
Wenn Leibniz in den Nouveaux Essais auch von “idées sensibles” spricht, so bedient er

sich nur der Lockeschen Sprechweise; denn Ideen sind für ihn keine Perzeptionen. Vgl. Loem-

ker
, l.c. [Anm. 2], S. 40.
17.
McRaes Ansatz, der, wie erwähnt, Ideen als Dispositionen und Gedanken als Akte ver-

steht und beide mit “expression” identifiziert, geht noch einen Schritt weiter und sieht auch

den Unterschied zwischen Gedanke und Perzeption nur als graduellen Unterschied zwischen di-

stinkter und verworrener Expression (l.c. [s. Anm. 5], S. 187). Damit ist zwar eine Gemeinsam-

keit von Idee (als Objekt des menschlichen Denkens), Denken und Perzeption hergestellt, aber

unser Problem bleibt auch so ungelöst, weil der Grad der Perzeption selbst im vollständigen

Begriff der individuellen Substanz, also in der Idee angelegt sein muß.


Hans Poser . :

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