RES IM ANTIKEN LATEIN
Peter Flury
RES IM ANTIKEN LATEIN
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Beim zweiten Kolloquium im Jahre 1977, als das Stichwort

ordo im Zentrum stand, befand sich der Thesaurus linguae La-

tinae in einer günstigen Lage. Damals war der Artikel ordo für

unser Wörterbuch praktisch abgeschlossen; Fräulein Keudel, die

ihn bearbeitet hatte, kannte das Material von Grund auf; sie

konnte die Ergebnisse zusammenfassen und Ihnen einen Abriss

des Artikels vorlegen. Seither sind wir zwar mit unserer Arbeit

ziemlich planmässig vorangekommen, aber wir sind noch längst

nicht beim Stichwort res angelangt. Andererseits war angesichts

der Häufigkeit dieses Wortes nicht daran zu denken, die Arbeit

des künftigen Redaktors dieses Artikels vorwegzunehmen und

das umfangreiche Material, das unser Archiv dazu enthält, aus-

zuwerten. Ich musste also von vornherein darauf verzichten,

Ihnen einen Vortrag über res im antiken Latein, der sich auf die

Kenntnis dieses Materials stützt, zu halten. Das Thema meiner

Ausführungen ist wesentlich bescheidener: Ich werde Ihnen

zuerst einige allgemeine Beobachtungen über res vortragen und

dann im zweiten Teil den Sprachgebrauch zweier Autoren etwas

eingehender, allerdings immer noch summarisch genug, betrach-

ten, nämlich einerseits die Komödien des Plautus, das wichtigste

Dokument des Altlateins, andererseits das Lehrgedicht des Lu-

krez, eines der ersten Werke der römischen Literatur, das philo-

sophische Themen behandelt.

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Im Archiv des Thesaurus umfasst das Material des Wortes

res ungefähr 20 ’0 00 Zettel, die etwa 30 ’0 00 Belegstellen ent-

halten dürften. Wenn wir das Material andere Wörter ver-

gleichen, stellen wir schnell fest, dass res offenbar das häufigste

Substantiv der lateinischen Sprache ist. (Natürlich gibt es Kon-

junktionen, Präpositionen, Pronomina, auch einige Verben, die

noch häufiger sind). Diese Feststellung gilt zunächst für die

Gesamtheit der Texte, die uns aus der Antike überliefert sind,

aber sie wird bestätigt durch Stichproben bei einzelnen Autoren.

So ergibt sich beispielsweise für Seneca aus den Frequenzanga-

ben, welche in der Konkordanz von Busa-Zampolli enthalten sind,

dass auch hier res das häufigste Substantiv ist, gefolgt von animus

und modus. Der zweite Platz von animus ist nicht unbedingt

charakteristisch für andere Texte und Autoren, sondern dürfte

bedingt sein durch die Thematik von Senecas Werken. Wenn

wir noch einmal die ganze erhaltene Literatur ins Auge fassen,

so ist es —· immer nach dem Material, das im Thesaurus ge-

sammelt ist — vielmehr modus , das unter den Substantiven den

zweiten Platz einnimmt. Dies allerdings nur dann, wenn wir

auch die Formen modo, quo modo, quem ad modum mitzählen,

Formen also, die sehr häufig sind, aber meistens nicht mehr die

Geltung eines Substantivs haben, sondern Adverbien geworden,

erstarrt sind.

Diese Tendenz zur Erstarrung ist ein Phänomen, das wir

bei res ebenfalls beobachten können, allerdings nicht im gleichen

Ausmass: In den Texten begegnet uns res sehr oft in festen

Wendungen, in denen es sein Gewicht als Substantiv, seine eigen-

ständige Bedeutung verliert und schliesslich in einer starren

Formel aufgeht. So wird die Wendung qua re zur Konjunktion

quare ; die Verbindungen ob eam rem, quam ob rem entwickeln

sich zu adverbiellen Ausdrücken und Synonymen von propterea.

Dass der substantivische Charakter von res sich abschwächt oder

auch ganz verschwindet, können wir deutlich auch dort beobach-

ten, wo res an Stelle eines indefiniten Neutrums verwendet wird,

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also z. B. omnes res für omnia, alia res für aliud, nulla res für

nihil. So geben die Schulgrammatiken nicht ohne Grund als Pa-

radigma der Deklination von nihil die Reihe: nihil - nullius rei -

nulli rei - nihil - nulla re.

Trotz seiner enormen Häufigkeit im Lateinischen hat das

Substantiv res in den romanischen Sprachen kaum weitergelebt,

sondern ist weitgehend durch causa ersetzt worden. Man kann

eine ganze Reihe von Gründen nennen, welche diese Entwick-

lung verursacht haben dürften. Sie liegen zum Teil in der äusseren

Gestalt des Wortes: in seiner einsilbigen Form, der seltenen De-

klination; zum ändern in seiner Bedeutung: sie ist in vielen

Fällen sehr unbestimmt, lässt sich nicht genau festlegen, zeigt

also, wie schon angedeutet, eine Tendenz zur Verallgemeinerung

und Abschwächung. Dazu kommt andererseits gerade wegen des

allgemeinen Charakters des Wortes die Möglichkeit, die Bedeu-

tung anderer Substantive zu übernehmen, woraus sich eine Ten-

denz zu semantischer Überlastung ergibt. Derartige Wörter sind

immer in Gefahr, durch eindeutigere Synonyme verdrängt und

ersetzt zu werden. Wenn wir übrigens die spärlichen Fortsetzer

von res in den romanischen Sprachen, vor allem im Französischen

näher betrachten, so sind es bezeichnenderweise vor allem adver-

bielle Verwendungen, die weiterleben, nämlich die Konjunktion

quare, die zu französisch car geworden ist, und der Akkusativ

rem, als Bezeichnung eines unbestimmten Neutrums, aus dem

sich die Negation rien entwickelte.

Ein weiterer, charakteristischer Zug für das Leben und die

Entwicklung unseres Wortes ist die Tatsache, dass res, im Gegen-

satz etwa zu causa oder auch zu modus, nicht in eine Wortfa-

milie eingegliedert und eingebunden ist. Im antiken Latein jeden-

falls gibt es kaum Wörter, die von res abgeleitet sind. Das De-

minutivum recula oder rescula ist zwar alt, aber sehr selten; für

das Adjektiv realis und das zugehörige Adverb realiter finden

sich in unserem Archiv ganze vier Belegstellen, die aus dem 4.

und 6. Jahrhundert stammen; das Substantiv realitas tritt erst

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in mittelalterlichen Texten in Erscheinung. Möglicherweise gehört

zu res noch das Substantiv reus ‘der von einem Prozess ( res)

Betroffene’; aber diese Beziehung ist zu lose, als dass sie helfen

könnte, eine Wortfamilie zu konstituieren. Das heisst also: res

ist innerhalb des lateinischen Wortschatzes weitgehend isoliert,

und diese Tatsache hat sicher dazu beigetragen, dass das von

Haus aus eher unbestimmte Wort sich in seiner Bedeutung weiter

verallgemeinerte und abschwächte, so dass es für die verschieden-

sten Inhalte verwendet werden konnte.

Während es kaum Ableitungen und keine eigentlichen Kom-

posita mit res gibt, existieren andererseits zahlreiche mehr oder

weniger feste Verbindungen mit Adjektiven. Das wichtigste und

häufigste Beispiel dieses Typs ist natürlich res publica. Weit ver-

breitet sind ferner etwa res divina in der Bedeutung Opfer, Kult’,

res familiaris, res militaris, res navalis, res rustica ; im Plural sind

uns besonders die Ausdrücke res adversae und res secundae ver-

traut. Ich kenne kein anderes lateinisches Substantiv, mit dem

so viele und so wichtige, beliebte Verbindungen dieser Art ge-

bildet wurden. Auch das ist, wie mir scheint, ein Ausdruck,

eine Folge der Unbestimmtheit und vielseitigen Verwendbarkeit

des Substantivs, denn in all diesen Verbindungen liegt ja das

semantische Gewicht deutlich auf dem Adjektiv; anders aus-

gedrückt: die semantische Schwäche des Wortes res fordert

immer wieder eine genauere Bestimmung durch ein Adjektiv.

An diese allgemeinen Ausführungen über die Häufigkeit des

Wortes und seine Stellung innerhalb des lateinischen Wortschat-

zes möchte ich noch eine Bemerkung über seine Herkunft an-

schliessen. Die etymologischen Wörterbücher bringen res in Ver-

bindung mit altindisch ráh und setzen als Grundbedeutung an

‘Gut, Eigentum, Besitz’, also die Bedeutung, welche im klassi-

schen Latein vor allem in der Verbindung res familiaris vorkommt.

Wenn wir nunmehr die Verwendung des Wortes in den

ältesten lateinischen Texten von grösserem Umfang, in den Ko-

mödien des Plautus, prüfen, so können wir sofort feststellen,

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dass die Grundbedeutung ‘Gut, Eigentum, Besitz’ hier noch sehr

stark vertreten ist, sowohl im Plural wie auch im Singular, wo

res gelegentlich beinahe ein Synonym von pecunia ist, zum

Beispiel in den Wendungen rem solvere, rem perdere.

Eine zweite, grosse Gruppe der plautinischen Verwendungen

wird im Lexicon Plautinum von Lodge zusammengefasst unter

der Rubrik factum, actio, status, condicio, negotium ; ein sehr

weites Feld also, als dessen Zentrum man etwa die Vorstellung

von der ‘Sache, an der man ein Interesse hat’ sehen könnte.

Charakteristisch für diese Gruppe sind die beliebten Ausdrücke

rem gerere, rem agere, rem mandare, rem narrare. Hingewiesen

sei noch auf einen Sonderfall in diesem Bereich, nämlich auf

Stellen, wo res beinahe so viel wie ‘Wirklichkeit, Wahrheit’

bedeutet, was vor allem in Verbindung mit ipse begegnet, z. B.

res ipsa testi est ( Aulularia 421) oder ipsa res dicet tibi ( Epidi-

cus
713).

Eine dritte Gruppe bilden bei Plautus diejenigen Verwen-

dungen von res, wo das Wort seine volle Bedeutung verliert und

mehr oder weniger verblasst. Dazu gehört einmal jener bereits

früher erwähnte Gebrauch für ein unbestimmtes Neutrum. So

finden wir sehr oft haec res für hoc, ea res für id, quaeres für

quid usw. Aber auch die festen Verbindungen mit Adjektiven

gehören hierher; sie sind bei Plautus vertreten vor allem durch

res argentaria, res cibaria, res divina und res publica. Eine be-

sondere Variante dieses Typs bildet die Verwendung von res in

euphemistischen Ausdrücken. Recht oft begegnet uns etwa in den

Komödien des Plautus die Wendung mala res als beschönigende,

verschleiernde Bezeichnung für die Prügel, mit welchen die

Sklaven bestraft werden (z. B. Asinaria 43 cave sis malam rem;

weitere Belege Thesaurus vol. VIII 217,9ff.). Bei verschiedenen

späteren Autoren finden wir als Euphemismus die Verbindung

res Venerea oder res Veneris. Dabei ist bezeichnenderweise auch

die Bedeutung dieses ganzen Ausdruckes noch nicht eindeutig

festgelegt. Es gibt Beispiele, wo res Venerea alles umfassen kann,

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was mit körperlicher Liebe zu tun hat (z. B. Nepos, Alcibiades

11,4 homines vinolentos rebusque Veneriis deditos); meistens

aber ist es ein gezielter Euphemismus für coitus (z. B. Ovid, re-

media amoris
431 a Veneris rebus surgente puella).

Natürlich handelt es sich bei den drei Gruppen, von denen

ich bei Plautus gesprochen habe, noch um eine sehr grobe und

vorläufige Einteilung, sozusagen um einen ersten Annäherungs-

versuch an das grosse Material. Aber diese Skizze kann vielleicht

doch eine gewisse Vorstellung vom Gebrauch des Wortes res in

der Zeit, da die lateinische Literatur entstanden ist, vermitteln.

Weil ferner der Stil des Plautus stark geprägt ist durch die da-

malige Umgangssprache, dürfen wir mit einiger Vorsicht dieses

Bild auch als repräsentativ für die allgemeine Sprache der Zeit

betrachten.

Gehen wir nun einen Schritt weiter zu einem philosophi-

schen oder doch von der Philosophie geprägten Autor, zu Lu-

krez, um zu prüfen, wie weit sich sein Gebrauch des Wortes

von demjenigen der allgemeinen Sprache unterscheidet. Vorweg

noch eine Bemerkung zur Frequenz von res: Auch bei Lukrez ist

es das häufigste Substantiv; in den etwa 7400 Versen kommt es

rund 650 mal vor. Die relative Häufigkeit schwankt je nach dem

Stoff der einzelnen Bücher; das Maximum finden wir im ersten

Buch mit 188 Belegen in 1117 Versen.

Wie bei einem so häufigen Wort nicht anders zu erwarten,

beobachten wir auch bei Lukrez viele Verwendungen, die wir

aus der allgemeinen Sprache kennen. Aber bei näherer Unter-

suchung fällt sofort auf, dass manche davon zahlenmässig stark

zurücktreten. So gibt es zum Beispiel nur ganz wenige Stellen,

wo die nach Ausweis der Etymologie ursprüngliche Bedeutung

‘Gut, Besitz’ vorliegt (3,70. 4, 1123. 5,1113. 6,1281). Auch die

in anderen Texten so häufigen festen Verbindungen mit Adjek-

tiven wie res publica, res familiaris fehlen bei Lukrez fast ganz;

ich habe ein einziges Beispiel mit res adversae beobachtet (3,56).

Hinzufügen könnte man allenfalls einige Stellen mit der Verbin-

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dung res vera. Diese Wendung ist beispielsweise bei Cicero recht

häufig, aber sie steht bei ihm fast immer im Ablativ Singular

re vera ‘in Wirklichkeit, in Wahrheit’, oft als Gegensatz zu no-

mine, verbo
usw., das heisst in einer Antithese, die dem griechi-

schen Paar λόγω - έργω entspricht 1 . Daraus können wir ablesen,

dass bei Cicero diese Verbindung auf dem Weg zur Erstarrung,

zum unveränderlichen Adverb ist. Davon zeugt auch die kon-

stante Wortfolge: es heisst bei ihm stets re vera, nie vera re.

(Eine ähnliche Erstarrung können wir übrigens schon früher,

nämlich seit Plautus, in der synonymen Verbindung re eapse

erkennen, die zu re apse verschmilzt).

Wenn wir nun untersuchen, wie Lukrez die gleiche Ver-

bindung gebraucht, so zeigt sich uns ein viel reicheres Bild als

bei Cicero, obwohl er im ganzen nur sechs Belege dafür bietet,

also längst nicht so viele wie Cicero. Wir finden zweimal den

Ablativ Singular (2,48 in der üblichen Wortfolge re vera ; 2,659

hingegen die Umkehrung vera re ), aber daneben andere Kasus

und auch den Plural. So steht 3,524 vera res der falsa ratio gegen-

über, 4,764 der Plural verae res dem Singular falsum. Wenn wir

diese grosse Freiheit im Sprachgebrauch des Lukrez mit dem viel

strenger geregelten Ciceros vergleichen, werden wir bedenken,

dass Lukrez nicht nur Philosoph, sondern auch Dichter ist. Wir

werden bei ihm in besonderem Masse damit rechnen müssen,

dass er Wendungen der allgemeinen Sprache absichtlich verändert

und umgestaltet. Andererseits können wir auch beobachten, dass

er gewisse Verwendungen von res vermeidet, weil sie prosaischen

Charakter haben. So fehlt bei ihm wie bei anderen Dichtern die

sonst sehr häufige Formel quam ob rem (nur ein einziges Mal

lässt er sie zu, bezeichnenderweise in der sonst seltenen plurali-

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sehen Form quas ob res 1,156), während er das auch von an-

deren Dichtern nicht gemiedene qua re oft verwendet.

Aehnlich wie bei Plautus ist bei Lukrez die Verwendung

von res für ein unbestimmtes Neutrum häufig, besonders in

verneinter Form, also nulla res für nihil. So formuliert er den

in der epikureischen Lehre wichtige Grundsatz nihil e nihilo

fieri auch mit nulla res, z.B. 1,150 nullam rem e nihilo gigni

divinitus umquam. Dass res in solchen Sätzen einem Neutrum

gleichkommt, findet seinen grammatischen Ausdruck darin, dass

das feminine Substantiv res gelegentlich durch ein neutrales Pro-

nomen aufgenommen wird oder mit einem solchen korrespon-

diert, z.B. 1,450, wo his...rebus aufgenommen wird durch

horum oder 4,1039 namque alias aliud res commovet 1.

Das alles also sind Gebrauchsweisen, die Lukrez mit der

allgemeinen Sprache teilt, auch wenn die meisten davon bei ihm

in der Häufigkeit stark zurücktreten. Viel häufiger ist bei ihm

nun eben ein Gebrauch, welcher der philosophischen Sprache

angehört. Es ist diejenige Verwendung, die uns programmatisch

schon im Titel seines Werkes entgegentritt: de rerum natura.

Zwar fehlt dieser Titel am Anfang der ältesten Handschriften,

aber im Werk selbst nimmt der Dichter mehrfach darauf Bezug,

so wenn er im Prooemium von den Versen spricht, quos ego de

rerum natura pangere
conor (1,25). Dieser Titel ist zweifellos

in Anlehnung an Epikurs περί φύσεως geprägt worden, aber der

Vergleich zeigt sofort, dass der Genitiv rerum im griechischen

Titel keine Entsprechung hat. Wenn wir eine einführen wollten,

müsste sie sicherlich lauten των όντων , das heisst, das Substantiv

res vertritt hier die Stelle des Partizips ens, entis, das im klassi-

schen Latein noch nicht existiert 2.

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Auf diesen Gebrauch: res = τά όντα entfällt nun die Haupt-

masse aller Belege bei Lukrez, jedenfalls weit mehr als die Hälfte.

Ich brauche hier nur an allgemein bekannte, sehr häufige Ver-

bindungen zu erinnern wie primordia rerum (36 mal), das syno-

nyme semina rerum oder an die Wendung summa rerum als

Ausdruck für die ganze Welt. Res bezeichnet dabei in der Regel

die Erscheinungen, die Dinge, aus denen die Welt besteht, in

der Form, in welcher sie von unseren Sinnen wahrgenommen

werden. In diesem Sinn stellt Lukrez öfters die res der ungeform-

ten materies gegenüber.

Allerdings dürfen wir von Lukrez keine terminologische

Konsequenz und keine scharfe Abgrenzung dieses Gebrauchs von

anderen erwarten. Obwohl er mit res meistens alle Dinge bezeich-

nen will, kommt es nicht selten vor, dass das Substantiv offen-

sichtlich eine eingeschränkte Bedeutung hat. Das ist zunächst nicht

weiter auffällig, wenn eine solche Beschränkung durch ein Attribut

explizit gemacht ist, also wenn etwa die superae res den Dingen

auf der Erde (quaeque gerantur in terris, l,127ff.) gegenüber-

gestellt werden. Aber manchmal kann die Einschränkung schon

im Substantiv selbst liegen. So spricht Lukrez 1,1107 vom ‘Sturz

des Himmels und der Erde’: Inter ... rerum caelique ruinas, meint

hier also offenbar mit res nur die Erde, die irdischen Dinge im

Gegensatz zum Himmel. Ein zweites Beispiel für eine solche

eingeschränkte Verwendung: In der Darstellung der Lehre des

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Empedokles bezeichnet der Dichter gelegentlich die vier Elemente,

aus denen die Dinge bestehen, als res. So heisst es etwa in 1,714

quattuor ex rebus omnia rentur ... procrescere, und im gleichen

Zusammenhang findet sich die folgende Passage (1, 763ff.):

denique quattuor ex rebus si cuncta creantur,

atque in eas rursum res omnia dissolvuntur,

qui magis illa queunt rerum primordia dici,

quam contra res illorum retroque putari?

“Schliesslich: wenn aus vier Dingen alles geschaffen wird, und in

diese Dinge wiederum alles sich auf löst, wie können mit mehr

Recht jene die Urelemente der Dinge geheissen werden als umge-

kehrt die Dinge als Elemente jener betrachtet werden?”

In den ersten beiden Versen (763f.) verwendet Lukrez res

für die Elemente, während er die Dinge, τά όντα , die er sonst

so oft mit dem Worte res benennt, hier durch die Neutra cuncta

und omnia bezeichnet. Aber in den folgenden beiden Versen

werden die Rollen vertauscht: Hier verwendet der Dichter res

in der üblichen Bedeutung, also für die Dinge allgemein, und

bezeichnet die Elemente mit dem Pronomen illa. Ein solches

Nebeneinander von terminologisch festgelegter und freier Ver-

wendung des Wortes, ein Nebeneinander, wenn man so will, von

philosophisch geprägter und allgemeiner Sprache lässt sich bei

Lukrez nicht selten in kurzem Abstand, ja manchmal, wie in

dem besprochenen Beispiel, innerhalb eines einzigen Satzes be-

obachten.

Wenn also in manchen Punkten sich ein deutlicher Unter-

schied zwischen dem allgemeinen Sprachgebrauch und dem philo-

sophisch beeinflussten unseres Dichters zeigt, so sehen wir ande-

rerseits im einzelnen immer wieder, wie die beiden Sprachele-

mente sich vermengen und verbinden. Man kann solche Inkon-

sequenzen natürlich aus dem persönlichen Stil des Autors erklä-

ren, und ich würde einer solchen Auffassung gewiss nicht wider-

sprechen. Aber mir scheint, es kommt darin noch einmal etwas

zum Ausdruck, was auch zum Charakter des Wortes res gehört:

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Die vielfachen Uebergänge im Gebrauch von der einen zur anderen

Bedeutung sind sicher auch eine Folge der grossen semantischen

Spannweite des Wortes, die es zu einem vielseitig verwendbaren

Instrument in der Hand des Autors machen.

Damit bin ich am Ende meiner Ausführungen. Sie konnten,

um es noch einmal deutlich zu sagen, nicht mehr enthalten als

einen sehr vorläufigen Annäherungsversuch an ein sehr grosses,

vielfach differenziertes Material und sollten Ihnen zugleich einen

gewissen Eindruck davon vermitteln, mit welchen Fragen der

allgemein interessierte, nicht speziell auf die philosophische Spra-

che ausgerichtete Lexikograph an ein solches Material herantreten

kann.

1.
Beispiele: Cic. Verr. I 44 verbo illam (sc. tribuniciam potesta-

tem) poscere videbatur, re vera iudicia poscebat. leg. agr. 2, 32 potesta-

tem verbo praetoriam, re vera regiam. div. 2, 110 eum, quem re vera

regem habebamus, appellandum quoque esse regem.
1.
Vgl. dazu C. BAYLEY in den Prolegomena seiner kommentierten

Lukrezausgabe,
Oxford 1947, vol. I, p. 94 f.
2.
Nach dem Zeugnis des Grammatikers Priscian soll zwar schon

Caesar das Partizip ens in Analogie zu possum - potens gebildet haben,

aber die Form ist jedenfalls im Lateinischen noch lange nicht heimisch

geworden. Noch Augustin scheint sie nicht zu kennen, denn er sagt

einmal ( loc. hept. 3,32) non hoc est 'existens’, quod graecus dixit

ών, sed si dici posset ‘essens’.
Selbst Boethius, der ens in seinen Ueber-

setzungen oft zur Wiedergabe des griechischen ών verwendet, gibt

deutlich zu erkennen, dass es der Sprache eigentlich fremd ist (vgl. in

Porph. comm. pr. 1,24 p. 74, 13 ff.) und er weicht deshalb auch

häufig auf andere Uebersetzungsmöglichkeiten wie existens oder qui

est
aus.


Peter Flury . :

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